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«Pures Chaos bei Viva» - Erinnerungen an den Musiksender

Dein Kumpel in der Glotze - das wollte der Musiksender Viva damals sein. Der Jugend und der deutschen Musikszene gab er Raum zur Entfaltung. Überlebt hat er nicht. Moderatoren erinnern sich.
Viva
Anlässlich des 10-jährigen Geburtstages des Kölner Musiksenders VIVA wird eine Riesen-Torte von den Vorstandsmitgliedern in Köln angeschnitten. © Roland Scheidemann/dpa

Es war die Zeit von dünnen Augenbrauen, Dr. Sommer in der «Bravo» und Gameboy. Es gab noch keine sozialen Medien, das Internet steckte in den Kinderschuhen. Zuhause stritt man sich in der Familie um den Platz am Kabeltelefon. Pubertierende verbrachten ihre Nachmittage vor der Glotze mit Talkshows. Und in dieser Zeit Anfang der 1990er Jahre kam für die Generation Maxi-CD ein neuer Hype in Deutschland auf: Musik, aber zum Gucken. Der Musiksender Viva wäre jetzt 30 Jahre alt geworden, wenn der Kanal nicht 2018 eingestellt worden wäre.

Für viele der jungen Moderatorinnen und Moderatoren des privaten Senders in Köln war das Pop-Musik-Phänomen ein Sprungbrett. Klaas Heufer-Umlauf, Stefan Raab, Matthias Opdenhövel, Collien Ulmen-Fernandes, Oliver Pocher, Heike Makatsch oder Mola Adebisi kamen aus dem Viva-Stall.

Der Kanal, der auch deutscher Musik eine Plattform gab, ging am 1. Dezember 1993 auf Sendung. Mit seinen bunten Studioräumen und gelb-blauem Logo war er eine Konkurrenz zu dem internationalen Sender MTV, der cooler, aber irgendwie auch unnahbarer wirkte. MTV gab es auf Englisch und später auch auf Deutsch.

Dass Viva für ein Lebensgefühl stand, zeigt unter anderem das im Ullstein-Verlag erschienene Buch «MTViva liebt dich!» von Moderator Markus Kavka und dem ehemaligen Viva-Programmdirektor Elmar Giglinger. Mit Stimmen aus der Kulturbranche untersuchen die beiden die Entstehung und den Zerfall der «Videoverwertungsanstalt», kurz Viva.

Erinnerungen an wilde Zeiten

Zum Stichtag erscheint auch die dreiteilige Dokumentation «Die VIVA Story - zu geil für diese Welt!» von ARD Kultur in der ARD-Mediathek. Daran wirkte auch die ehemalige Viva-Moderatorin Ulmen-Fernandes mit. Als eines der bekanntesten Gesichter des damaligen Kanals erinnert sie sich an die wilde Zeit. «Bei Viva lief es folgendermaßen: Kamera an und einfach mal schauen, was passiert», erzählt die 42-Jährige im Gespräch der Deutschen Presse-Agentur. «Das, was den Sender so einzigartig gemacht hat, gibt es heute so kaum noch im deutschen Fernsehen.»

Mola Adebisi (50) sagte der dpa zu den Bedingungen: «Wir haben nicht sonderlich viel Geld verdient bei Viva, wenn man heute mal das mit erfolgreichen Influencern vergleicht.» Und ergänzte: «Aber wir sind mit Produkten überhäuft worden. Zum Beispiel lagen Uhren oder Handys überall rum.» Ziel der Produktgeschenke: «Alles hat man umsonst gekriegt, um einmal damit vor der Kamera erhascht zu werden.»

Ulmen-Fernandes sei 21 gewesen, als sie ihren Viva-Vertrag unterschrieb. Sie habe zwar ein wenig Erfahrung mitgebracht - zuvor habe sie schon bei Bravo-TV moderiert -, ihr habe aber dennoch die Routine gefehlt. «Klar, es war pures Chaos, da kann man niemandem etwas vormachen. Uns Moderatoren, aber auch den Redakteurinnen und Redakteuren hinter der Kamera fehlte jegliche Erfahrung.»

Nichts sei wirklich durchstrukturiert gewesen: Man habe grundsätzlich nicht geprobt, und wenn etwas schief gelaufen sei, sei es genau so ausgestrahlt worden. «Das war es aber auch, was Viva ausgemacht und was den Sender so authentisch und nahbar gemacht hat», sagte Ulmen-Fernandes.

Viel Freiraum für Entwicklung

Dieter Gorny (70) hat Viva mitgegründet und blieb ihr Geschäftsführer bis 2000. «Chaos kann kommerziell nicht erfolgreich sein. Viva funktionierte anders, gab den Moderatorinnen und Moderatoren viel Freiraum, in dem sie sich entwickeln konnten. Ich würde es eher als kreatives Chaos bezeichnen», sagte der Musikpädagoge, nun unter anderem Vorsitzender des Aufsichtsrates der Initiative Musik.

Der Sender gab Gorny zufolge deutscher Popkultur einen Platz. «Deutschland war damals einer der größten Musikmärkte weltweit, hatte im Fernsehen aber keinen Sendeplatz», sagte er im dpa-Gespräch. Seine Idee: Einen Musiksender mit einer festen Quote etablieren - zu 40 Prozent sollte deutsche Musik gespielt werden.

2004 hatte der amerikanische Medienriese Viacom und Eigner von Konkurrent MTV Viva übernommen. 2018 stellte er den Viva-Betrieb ein. Der deutsche Sender verlor für manchen Geschmack mit den Jahren schleichend an Strahlkraft. Er musste sich zudem zuletzt einen Programmplatz mit einem anderen Sender teilen. Der letzte Musiktitel, den Viva spielte, war «Zu geil für diese Welt» von den Fantastischen Vier. Adebisis Sicht auf das Ende von Viva: «Das war eine politische Entscheidung von Viacom. Die Marke Viva war zu stark.» Adebisi ist sich sicher: «Viva oder ein klassischer Musiksender wäre heute noch en Vogue.»

Wer denkt, dass es heute kein Musik-TV mehr gibt - der irrt. Unter den Programmen auf der Streaming-Plattform Magenta TV zum Beispiel findet sich auch MTV - dort sind auch Musik-Clips zu sehen. Eine Nachfrage bei den deutschen Medienregulierern, die Sendelizenzen für TV-Sender vergeben, brachte zudem dieses erstaunliche Ergebnis: Gut 20 Musik-Fernsehspartenprogramme hatten eine Zulassung in Deutschland.

© dpa ⁄ Weronika Peneshko und Anna Ringle, dpa
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