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Özils traurige Rollen: Märtyrer und Marionette

Deutschland gegen die Türkei. Das ist ein Fußballduell der Emotionen. Automatisch kommt Mesut Özil wieder ins Spiel. Sein geräuschvoller Rücktritt vor fünf Jahren ist noch lange nicht aufgearbeitet.
Mesut Özil und Recep Tayyip Erdogan
Auslöser einer großen Debatte: Das Foto von Recep Tayyip Erdogan (r) und Mesut Özil. © -/AP/dpa

Mesut Özil konnte zaubern. Mit dem Ball. Doch die Magie des Ausnahme-Spielers verflog. Nein, sie verfing und verhedderte sich in einem auch selbst gesponnenen Netz aus falschen Erwartungen, großen Missverständnissen und Provokationen.

Heute, auch mehr als fünf Jahre nach dem großen Knall um die Erdogan-Fotos, ist es nicht vorstellbar, den Rio-Weltmeister ohne Emotionen zu betrachten. Emotionen, die ihn reduzieren.

Für die einen, die zu ihm halten, hat Özil (35) die Züge eines Fußball-Märtyrers, der für seine gesellschaftspolitischen Gedanken im Streit mit dem Deutschen Fußball-Bund sogar seine Länderspiel-Karriere opferte. Für andere ist er nur noch eine Marionette politischer und religiöser Kräfte jenseits demokratischer Werte. In sozialen Netzwerken liefert Özil mit kontroversen Meinungen dafür Argumente. Viel dreht sich bei ihm um Religion. Um den Fußballer Mesut Özil geht es schon lange nicht mehr.

Bierhoff: «Es tut mir weh»

Sein Vater Mustafa, lange Berater und später nur noch Beobachter der Karriere seines Sohnes, wünschte sich kürzlich via «Sport Bild» einen «Zauberstab», um die Ereignisse rückgängig machen zu können. «Mesuts Karriere durfte so nicht enden. Ich akzeptiere es bis heute nicht. Ich bin traurig und enttäuscht. Es tut mir weh», sagte er.

Oliver Bierhoff, langer Wegbegleiter als DFB-Direktor sieht das ähnlich. «Ich hatte noch ein, zweimal mit ihm Kontakt, allerdings nur einen kurzen Gruß per SMS», sagte Bierhoff der Deutschen Presse-Agentur. «Es tut mir leid, wie es geendet ist.»

Wenn Deutschland am Samstag im Berliner Olympiastadion gegen die Türkei spielt, kommen viele Bilder zurück. Özil, mit nacktem Oberkörper in der DFB-Kabine nach dem 3:0 gegen die Türkei - auch im Olympiastadion. Angela Merkel im grünen Blazer drückt seine Hand, lächelt ihm mit festem Blick zu. Das war im Oktober 2010 und sorgte schon für viel Wirbel, weil der unbekleidete Özil von manchen als Affront verstanden wurde. Dass Manuel Neuer im Hintergrund auch als halber Nackedei zu sehen ist, störte niemanden.

Zuvor war Özil von vielen türkischen Fans im Olympiastadion lautstark ausgepfiffen worden. «Die Pfiffe taten nicht nur in den Ohren weh. Der Zauberer fand in Halbzeit zwei ins Spiel und jubelte still über sein Tor», schrieb die Deutsche Presse-Agentur. Im Rückblick verdeutlicht jene Oktobernacht die Schizophrenie der Karriere Özils. Er polarisierte schon immer. Allen recht machen konnte es der Einwanderer-Enkel aus Gelsenkirchen nie.

Verhängnisvolles Foto

Özil auf einem Bild mit wichtigen Politkern, das war schon immer selbstverständlich. 2010 bekam er das Silberne Lorbeerblatt vom damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff. 2012 schaute wieder Merkel zum Plausch im EM-Quartier vorbei. Doch dann kam im Mai 2018 jenes Foto. Özil mit Recep Tayyip Erdogan. Dem türkischen Staatschef. Damals noch kein zwangsläufig akzeptierter möglicher Vermittler für Frieden in der Ukraine und im Nahen Osten, sondern eine Persona non grata für viele Demokraten.

Der Vorwurf: Zu große Nähe zu dem Staatschef des Landes der Vorfahren, kein klares Bekenntnis zu Deutschland und der Nationalmannschaft. Dabei überreichte Özil doch gar kein Türkei-Trikot, sondern das ähnlich rote seines damaligen Clubs FC Arsenal. Er schaffte nicht den verbalen Spagat wie sein ebenfalls mit Erdogan in einem Londoner Hotel abgelichteter Kollege İlkay Gündoğan, der Deutschland am Samstag als Kapitän auf den Platz führt. So unterschiedlich liefen die Karrieren nach jenen Bildern.

Özil fühlte sich in die Ecke gedrängt. Er fühlte sich nur als Gastarbeiter, mit der Betonung auf Gast. Alle Integrationskampagnen waren mit einem Mal verpufft. Sich erklären konnte er noch nie gut, reden auch nicht. Sein Umfeld nutzte das No-Go-Foto offenbar auch für seine Zwecke. Der Einwanderer-Enkel war jetzt irgendwie nur noch Spielball in einem Geflecht aus Historie und Interessen jenseits des Sports. Deutschland scheute nämlich den ehrlichen Blick in den Spiegel seiner Denke über Gastarbeiter, egal, wie viele Tore die für Schwarz-Rot-Gold schossen. Die Nationalmannschaft wurde plötzlich in Kartoffeln und Kanaken aufgeteilt. Ob auch im Mannschaftskreis selbst, das wurde nie öffentlich aufgearbeitet.

Vom Fußballer zum Trauzeuge

Bierhoff und der damalige DFB-Präsident Reinhard Grindel konnten auch nicht vermitteln, die Krise nicht abmoderieren. Der damalige Bundestrainer Joachim Löw, eigentlich für gesellschaftliche Fragen immer offen und rhetorisch kompetent, pochte auf die sportlichen Aspekte, war auch kein Diplomat und kein Entscheider, ein erstes Zeichen seiner sich zum Ende neigenden Erfolgsära.

In Russland kam das historische WM-Aus in der Vorrunde. Özil war der Buhmann. Und nahm diese Rolle gekränkt an. Rücktritt mit Rassismus-Vorwürfen nach 92 Länderspielen in einem mehrteiligen Online-Beitrag, der in Komplexität und Tonalität niemals von Özils selbst verfasst worden sein konnte. Und dann der Rückzug in die Heimat seiner Vorfahren. Erdogan war plötzlich enger Freund und wurde sogar Trauzeuge.

Eine Annäherung zwischen Özil und dem DFB gibt es noch nicht. Eine Einladung für das Spiel am Samstag vom DFB an Özil auch nicht. Zunächst ist man beim Verband froh, dass Erdogan, am Vortag zu Besuch bei Kanzler Olaf Scholz in Berlin, nicht selbst ins Olympiastadion kommt. Das hätte schon wieder eine unangenehme sportpolitische Tiefenwirkung.

Einen ersten Schritt würde wohl Özil machen müssen. «Als deutscher Fußball wie auch als Land haben wir alles dafür getan, dass Mesut sich bei uns wohlfühlen kann. Wenn er das inzwischen anders sieht, tut mir das leid», sagte Bierhoff, der beim DFB nach der Katar-WM ausschied. «Das Kapitel ist jetzt abgeschlossen, natürlich verbunden mit großer Dankbarkeit für seine Leistungen», sagte Bierhoff. Verheilt sind die Wunden aber offenbar noch nicht.

© dpa ⁄ Arne Richter und Jan Mies, dpa
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