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Das neue Alt-und-Jung-Phänomen im Pop

Pop-Recke Dieter Bohlen (70) poliert mit Influencer Twenty4Tim (23) seinen Hit «Cheri, Cheri Lady» gewinnbringend auf. Sie holen in den Charts auf Anhieb Silber. Die Kooperation steht für einen Trend.
Dieter Bohlen
Twenty4tim
Udo Lindenberg

Wenn man die Augen zusammenkneift und sich etwas mehr Haupthaar hinzudenkt, könnte man glatt an ein Wunder glauben. Im neuen Video zu «Cheri, Cheri Lady» sitzt ein junger Mann neben Dieter Bohlen, der mit etwas Fantasie durchaus dem früheren Thomas Anders ähnelt - glänzend-kräftiger Teint, blendend weiße Zähne, jugendliches Gesicht. Nur die Haare sind kürzer.

Bevor Pop-Nostalgiker nun in Jubel ausbrechen und Bohlen-Skeptiker verstört werden: Nein, Modern Talking, das mit Streit implodierte Musik-Duo aus Bohlen und Anders, ist nicht wiedervereint. Der «Pop-Titan» hat einen Neuen, der an seiner Seite jenen Hit singt, den er mit Anders in den 80ern erstmals in die Charts hievte: Influencer Twenty4Tim. Der Kölner hat 2,7 Millionen Instagram-Follower und sagenhafte 4,9 Millionen TikTok-Anhänger. Gemeinsam mit Bohlen bringt er «Cheri Cheri Lady» 2024 von null auf die Zwei in den Single-Charts.

Hits als Generationenprojekte

Die «Cheri, Cheri Lady»-Neuaufnahme des Gespanns, das fast 50 Jahre Altersunterschied hat, ist die neueste Ausprägung eines Phänomens, das sich in der deutschen Musikwelt breit gemacht zu haben scheint. Hits waren zuletzt oft auch Generationenprojekte. Ältere oder länger etablierte Künstler gehen mit jüngeren Newcomern oder aktuell angesagten Musikern zusammen. Das Ergebnis sind Chart-Erfolge.

Als Goldstandard dieses neuen «Age Gap»-Genres kann die Zusammenkunft von Altrocker Udo Lindenberg und dem Rapper Apache 207 betrachtet werden. Das ungleiche Duo, das rund 50 Jahre Lebenszeit trennt, flog mit «Komet» zur Jahreschartsspitze 2023. Für Lindenberg war es im zarten Alter von 76 Jahren der erste Nummer-eins-Hit der Karriere.

Lady Gaga mit Tony Bennett im Duett

Kurz darauf folgte die nicht minder schillernde Kombination aus Alt-Komiker Otto Waalkes (75) und den beiden Rappern Ski Aggu und Joost. Waalkes tritt man nicht zu nahe, wenn man unterstellt, dass jüngeren Generationen bei Fragen zu seiner wahrlich verbrieften Lebensleistung wohl maximal das Wort «Holladihiti» einfallen würde. 2023 aber gab er Ski Aggu und Joost die Erlaubnis, sein Lied «Friesenjung» von 1993 in einer Dance-Version zu bearbeiten - ein Erfolg. «Für Komiker Otto Waalkes ist es die höchste Single-Platzierung überhaupt», meldeten im Sommer 2023 die Charts-Ermittler. Holladi-Hit-i!

«Ich würde schon sagen, dass es zugenommen hat – auch nicht nur in Deutschland. Es gab etwa auch die Zusammenarbeit von Lady Gaga mit Tony Bennett», sagt Musik-Professorin Barbara Hornberger von der Bergischen Universität Wuppertal. Offensichtlich gebe es eine intergenerationale Bewegung. «Dass bekannte Titel geremixt oder gecovert werden, das gab es schon oft. Meist tauchten dann aber die Originalstars darin nicht persönlich auf. Das ist nun anders.»

Die Frage, die über derartigen Projekten steht, lautet, wer eigentlich von wem profitiert. Die Älteren, die ihre alten Hits oder ihren bekannten Namen dank einer Frischzellenkur aus der TikTok-Generation einmal mehr in Geld verwandeln können? Oder die Jungen, die die oft noch im analogen Zeitalter aufgebaute Groß-Prominenz der Älteren nutzen, um ein Publikum zu erreichen, das jenseits ihrer eigenen, manchmal sehr überschaubaren Blase liegt? 

Die Zusammenarbeit ergibt ökonomisch Sinn

Oder sind es - hallo Pathos - am Ende wir alle, weil in einer an Generationenkonflikten leidenden Gesellschaft («Du Boomer!») endlich mal Brücken gebaut werden? «Die Beteiligten an solchen Zusammenarbeiten adeln sich in gewisser Weise gegenseitig. Damit vergrößert man auch gegenseitig die Reichweite», sagt Wissenschaftlerin Hornberger. Besonders interessant ist es für ältere Künstler, deren Bedeutung - despektierlich gesprochen - heute darauf fußt, dass sie einfach noch da sind. Die sogenannten Legenden. «Wenn sie sich dann aber vor einem jüngeren Künstler und einem jüngeren Genre verneigen, dann ändert sich das. Dann ist man nicht mehr nur der Opa, der früher einen Hit hatte. Sondern der Typ, der heute noch etwas Angesagtes zu bieten hat», so Hornberger. Zudem dürfe man nicht vergessen, wie hart das Musikbusiness sei. «Ökonomisch ergibt es einfach Sinn, weil mehr Publikum angesprochen werden kann», sagt sie.

Helene Fischer, Deutschlands größter Musikstar und eigentlich immer da, wo der Erfolg zu Hause ist, brachte vor einigen Monaten ihren Hit «Atemlos» noch einmal heraus, nun mit Rapperin Shirin David. Die beiden Frauen trennen zwar nur rund zehn Jahre, gefühlt aber Welten. Dieter Bohlen, ebenfalls immer mit einem Ohr am Gleis des Musikmarktes, ist sogar schon mehrfach aktiv geworden. Vor fünf Jahren brachte er zum Beispiel schon einmal eine Neufassung von «Cheri, Cheri Lady» heraus, damals mit dem Berliner Rapper Capital Bra.

Volksmusiker Heino reüssiert neuerdings an der Seite des Rappers Tream, hat mit ihm ein Lied («Anna») aufgenommen und ein interessantes Interview dazu gegeben («Heino krönt einen Rapper zu seinem Nachfolger!», «Bild»). 

In eine ähnliche Kerbe schlägt das Werk «Pech & Schwefel», das Schlagerrocker Matthias Reim («Verdammt, ich lieb dich») mit dem Rapper Finch aufgenommen hat. Im Begleitmaterial sieht man Reim auf einem Motorrad - und Finch im Beiwagen. Eine bestechende Symbolik.

Auch der Ex-Puhdys-Sänger Dieter Birr - genannt «Maschine», 80 Jahre alt und einer der erfolgreichsten Musiker mit DDR-Wurzeln - hat mit 80 Jahren den alten Puhdys-Hit «Das Buch» noch einmal mit Sängerin Nessi (34) eingesungen.

Fast schon prophetisch wirkt vor diesem Hintergrund die Zusammenarbeit von Rapper Bushido und Schlagersänger Karel Gott, der 2019 starb. Schon 2008 nahmen sie zusammen das Lied «Für immer jung» auf. Gott schmachtete darin mit seiner «goldenen Stimme aus Prag» die Zeile: «Für immer jung, ein Leben lang für immer jung.» Es ist der Zustand, den wohl jeder Musikstar gerne hätte.

© dpa ⁄ Jonas-Erik Schmidt, dpa

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