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Athleten als «Versuchskaninchen»: Enhanced Games mit Doping

Das Projekt der «Enhanced Games», bei dem Doping erlaubt sein soll, stößt auf große Ablehnung. Finanziers locken mit einer Million-Prämie für Weltrekorde und horrendem Startgeld. Wer macht da mit?
Doping
Doping soll bei den Enhanced Games erlaubt sein. © Patrick Seeger/dpa

Bei 9,49 Sekunden wird die Zeit im Werbevideo eines virtuellen 100-Meter-Laufs gestoppt. Es wäre ein Fabelweltrekord, den sich die Initiatoren der geplanten Spiele ohne Doping-Grenzen erträumen. Für die Sportwelt ist schon die Ankündigung dieser «Enhanced Games» ein Albtraum.

Eine Reihe von Milliardären hat keine Skrupel, Weltrekordjagden mithilfe von Doping-Mitteln über ethische Grenzen hinaus zu inszenieren. Sie locken Athleten mit viel Geld: Eine Million US-Dollar als Prämie für einen Weltrekord.

«Die Idee der Enhanced Games verdient keinen Kommentar. Wenn man jegliches Konzept von Fair Play und fairem Wettbewerb im Sport zerstören will, wäre dies ein guter Weg, dies zu tun», erklärte das Internationale Olympische Komitee mit ungewohnter Schärfe. «Kein Elternteil würde jemals wünschen, dass sein Kind an einem solch schädlichen Format teilnimmt, bei dem leistungssteigernde Drogen ein zentraler Bestandteil des Konzepts sind.» 

Der Präsident der Enhanced Games glaubt dagegen, mit seinem Veranstaltungsprojekt die Olympischen Spiele der Zunft zu schaffen. «Wir erfinden den Sport von Grund auf neu, unbelastet von anachronistischen Altsystemen», sagte Aron Ping D'Souza. Für ihn sind die Olympischen Spiele «heuchlerisch, korrupt und dysfunktional». 

Spielwiese für Milliardäre

Der australische Unternehmer ist Teil einer Gruppe von Milliardären, zu denen auch der in Frankfurt geborene Peter Thiel als Unterstützer gehört. Für ihre Enhanced Games wurden fünf Kernkategorien von Sportarten ausgewählt: Leichtathletik, Kampf-, Kraft- und Wassersport sowie Gymnastik. Mehr, als dass sie jährlich ausgetragen werden, ist noch offen.

Ein Sportler hat seine Bereitschaft für einen Start bei den Enhanced Games signalisiert. Der dreimalige australische Schwimm-Olympiasieger James Magnussen nennt in einem Video auf X, vormals Twitter, seine Beweggründe: «Vor allem ist es das Geld. Eine Million Dollar für einen Weltrekord zu bekommen.» Zudem sei er 32 Jahre alt und habe den Höhepunkt als Sportler hinter sich. Die Enhanced Games seien «eine echte Möglichkeit», nach der Karriere weiter Geld zu verdienen und weiter bei einem Weltklasse-Event aufzutreten. «Und es ist Entertainment. Ronaldo spielt doch auch in Saudi-Arabien», meinte Magnussen.

Für Athleten Deutschland fußt die Idee der Enhanced Games auf einer schrecklichen Vision von Olympischen Spielen, in der Athleten durch die Zulassung jeglicher leistungssteigernder Mittel «zu medizinischen Versuchskaninchen» werden. Sie würden «obendrein in eine medizinische Aufrüstungsspirale mit unabsehbaren Folgen für ihre Gesundheit geschickt», kritisierte die Interessenvertretung: «Anstatt fairen und sauberen Wettstreit fördern die Enhanced Games die entgrenzte Gier nach Rekorden und leugnen dabei die Gefahren, die mit der Einnahme zu Recht verbotener Substanzen einhergehen.» Deutsche Athleten würden sich auf Basis des Anti-Doping-Gesetzes darüber hinaus strafbar machen.

Die Kritik der Enhanced-Games-Macher am IOC, den Olympia-Startern keine Preisgelder zu zahlen und sie so in Armut und Verschuldung zu treiben, könne angesichts der prekären finanziellen Situation vieler Sportler «eine Verlockung» sein, am Milliardärsprojekt teilzunehmen, warnte Athleten Deutschland. «Die Entstehung solcher Alternativ-Wettbewerbe mit potenziell hohen Reichweiten sollte ein weiterer Anreiz für das IOC sein, die Athleten endlich für ihre Spitzenleistungen zu vergüten», erklärte die Vereinigung.

Für den Deutschen Olympischen Sportbund wären die Enhanced Games keine Bedrohung für den weltweiten Anti-Doping-Kampf. «Nein. Es macht im Gegenteil deutlich, wie wichtig Prävention, Kontrolle und Sanktion im Weltsport sind», sagte DOSB-Präsident Thomas Weikert. «Weil jeder, der nur einen Funken Verständnis für die Werte des Sports, für Fair Play und sauberen Wettkampf hat, den Kopf schüttelt angesichts solcher schrägen Fantasien.» Die Preisgabe von Regeln und Übereinkünften würde den Sport nicht «enhanced», also zu einer besseren Version seiner selbst machen, sondern das Gegenteil bewirken. «Er würde ärmer werden», meinte Weikert. Eine Teilnahme deutscher Sportler könne er sich nicht vorstellen: «Sicher nicht diejenigen, die heute für das Team D stehen.»

Kritik von DOSB, Sporthilfe und Nada

Die Deutsche Sporthilfe, die rund 4000 Athleten fördert, macht unmissverständlich klar, was für eine Folge ein Start bei dem Projekt hätte. «Selbstverständlich würde ein solcher Athlet umgehend aus der Förderung der Sporthilfe ausgeschlossen, da es sich um einen signifikanten Verstoß gegen die Werte der Sporthilfe und der mit jedem Athleten getroffenen Vereinbarungen handelt», erklärte Sporthilfechef Thomas Berlemann. Sollte sich ein neues Segment für «gedopte Athleten» etablieren, wäre es mit Blick auf Kinder und Jugendliche «ein fatales Zeichen, wenn Doping als normales Mittel zum Erfolg wahrgenommen» würde. 

Die Nationale Anti-Doping-Agentur hält die Idee der Enhanced Games für «irreführend und falsch». Das Versprechen eines sicheren und fairen Sports seitens der Veranstalter mittels «experimentellen Dopings» an Athleten sei «ein gefährlicher Trugschluss». Weltrekorde, die mit pharmazeutischen Mitteln und ohne Dopingtests aufgestellt würden, hätten keine Chance auf Anerkennung: «Nur Rekorde, die unter Einhaltung der international anerkannten Anti-Doping-Regelwerke zustande kommen, zählen.» 

Auch die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) und die Internationale Test-Agentur (Ita) lehnen die Enhanced Games kategorisch ab. Durch sie könnte «eine Dopingkultur» geschaffen werden, «die über den Profisport» hinausgehe, fürchtet Ita. Für «ein gefährliches und unverantwortliches» Konzept hält die Wada das Games-Vorhaben. 

Ganz anders sehen das hingegen die Enhanced-Games-Organisatoren. «Um es klar zu sagen: Bei Drogentests geht es um Fairness, nicht um Sicherheit», entgegnen sie. 

© dpa ⁄ Andreas Schirmer, dpa
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