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Gladbach-Shootingstar Reitz: «Lebe gerade einen Traum»

Auch in Zeiten fortschreitender Kommerzialisierung gibt es noch Platz für Romantik im Profi-Fußball. Bei Borussia Mönchengladbach sorgt derzeit ein 21 Jahre altes Eigengewächs für Furore.
Rocco Reitz
Rocco Reitz
Rocco Reitz

«Gegen den modernen Fußball», stand auf einem großen Plakat in der Fankurve von Borussia Mönchengladbach. Das Doppel-S wurde dabei von Dollarzeichen gebildet - Ausdruck der Fan-Ablehnung des geplanten Investorendeals der Deutschen Fußball Liga.

Dabei gibt es auch im modernen Fußball immer noch märchenhafte Geschichten. Die famose Halbserie von U21-Nationalspieler Rocco Reitz ist so eine.

Vereinsmitglied seit der Geburt

Beim 2:2 (1:1) der Borussia gegen Werder Bremen gipfelte dies im ersten Bundesliga-Doppelpack (45. Minute/49.) von Gladbachs Senkrechtstarter. «Wir können stolz sein, dass wir so einen Jungen bei uns haben. Das freut uns, dass so ein Eigengewächs so eine Performance abliefert», sagte Borussias Sportchef Roland Virkus nach dem Spiel, in dem Reitz nur deshalb nicht zum Matchwinner wurde, weil sich die Gladbacher Defensive in zwei entscheidenden Momenten individuelle Schwächen erlaubte.

Als der frühere Nachwuchschef der Borussia aber über seinen langjährigen Schützling sprach, bekam Virkus leuchtende Augen. Wie so viele Fans der Borussia, die endlich wieder eine echte Identifikationsfigur haben. «Bis jetzt ist das Jahr unfassbar», sagte Reitz selbst bei DAZN angesprochen auf seine bisherige Saison. «Wenn man über die ganze Zeit zurückdenkt, lebe ich gerade einen Traum, definitiv.»

Seit seiner Geburt ist Reitz Mitglied der Borussia, seit seinem siebten Lebensjahr spielt er für den Club. «Die Liebe zu diesem Verein ist genauso wie die Liebe zum Fußball riesig - größer geht's gar nicht», sagte Reitz, der früher Einlaufkind und mit seinem Vater Dauergast als Fan im Stadion war. Dass einer von ihnen aus der Gladbacher Stammelf nicht mehr wegzudenken ist und Antreiber im Mittelfeld wird, verzückt den Anhang. 

Wie die jungen Matthäus oder Effenberg

«Ich glaube schon, dass der Junge das erst mal verdauen muss», befand Virkus und ist daher froh, dass es nach dem letzten Spiel des Jahres am kommenden Mittwoch bei Eintracht Frankfurt auch mal eine Pause zum Reflektieren gibt. Aufgrund seiner bisherigen Leistungen wird der Shootingstar schon «Messi vom Niederrhein» genannt, was auch angesichts von Reitz' Spielweise ein wenig schräg ist. Reitz erinnert in seinem beherzten und dynamischen Auftreten auf dem Platz eher an andere Borussen-Größen in jungen Jahren: Lothar Matthäus oder Stefan Effenberg.  

«Er hat viele Dinge, die wir brauchten in unserem Kader. Er ist sehr giftig, sehr bissig, unheimlich fleißig und trotzdem ein sehr guter Fußballer», lobte Virkus. «Der Junge ist total professionell. Er bereitet sich immer hervorragend auf die Spiele vor, aber auch nach.»

Als Reitz sich im Sommer nach einer zweijährigen Leihe zum belgischen Erstligisten VV St. Truiden regelmäßige Spielzeiten in Mönchengladbach noch nicht recht zutraute, hatte Virkus für die anstehende Saison bereits eine Vorahnung: «Im Trainingslager hat sich schon angedeutet, dass der Junge in dieser Saison durchstarten könnte.»

Er behielt recht. In allen 15 Saisonspielen wirkte das Eigengewächs mit, erzielte dabei vier Tore in der Liga und wurde von den Fans zum Spieler der Monate September, Oktober und November gewählt. Zu behaupten, er habe die vom neuen Cheftrainer Gerardo Seoane erhaltende Chance beherzt genutzt, ist fast schon untertrieben.

Von der U21 zu Julian Nagelsmann?

«Vielleicht geht es sogar noch ein bisschen nach oben», unkte Virkus. Im Sommer steht ja die Heim-Europameisterschaft an. U21-Nationaltrainer Antonio Di Salvo ist bereits voll des Lobes. «Er imponiert mir», sagte Di Salvo. «Rocco macht in Gladbach zurzeit alle Spiele von Beginn an, er will immer den Ball haben und zeigt keine Angst, in engen Situationen angespielt zu werden.» Auch bei ihm nutzte Reitz seine Chance. In seinem ersten Spiel im November gelang ihm ebenfalls ein Doppelpack. 

© dpa ⁄ Carsten Lappe, dpa
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