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Weltkulturerbe und Filmkulisse

Tiny Häuser aus der Steinzeit, nennt der Museumsdirektor seine Pfahlbauten am Bodensee. Das Freilichtmuseum zieht jährlich Hunderttausende Menschen an. Werden es bald noch mehr?
Bodensee-Pfahlbaumuseum wächst
Der Neubau des Pfahlbaumuseums in Unteruhldingen am Bodensee ist fertiggestellt. © Felix Kästle/dpa

Zwischen Meersburg und Überlingen liegt die kleine Bodensee-Gemeinde Uhldingen-Mühlhofen. In das rund 8000-Seelendorf pilgern neben zahlreichen Touristen jährlich auch um die 300.000 Steinzeit-Fans. Der Grund: das Pfahlbaumuseum. 23 Häuser auf Stelzen sind dort im Bodensee zu sehen, die Einblicke in 3000 Jahre Menschheitsgeschichte geben sollen. Die Nachbauten sind mehr als 100 Jahre alt, Unesco-Weltkulturerbe und dienten oft als Filmkulisse. Nun ist das Freilichtmuseum gewachsen.

Mehr Platz für prähistorische Funde

Ein mehr als 14 Millionen teurer Erweiterungsbau ist in den vergangenen anderthalb Jahren auf dem Gelände entstanden. Acht Jahre lang wurde geplant, wie Museumsdirektor Gunter Schöbel erklärte. Der Neubau aus Holz ähnle einem umgedrehten prähistorischen Einbaum-Boot. Darin sei ein großes Besucherzentrum entstanden mit einer Multimediaschau, die die Arbeit von Unterwasserarchäologen zeige. «Wir mussten uns entwickeln, um mit der Zeit zu gehen.» Auf rund 1000 Quadratmeter gebe es auch eine neue Ausstellungsfläche für die prähistorischen Funde.

Steinzeitkaugummis und Gräber

Zu den Artefakten zählen auch zwei Steinzeitkaugummis. «Die schwarzen Klumpen aus Birkenteer, der Alleskleber der Steinzeit, werden gentechnisch analysiert.» Die Masse sei gekaut worden, um sie weich zu machen. Die Speichelreste geben laut Schöbel durch genetische Tests Aufschluss darüber, welche Augen- und Haarfarbe die Menschen damals hatten und was sie gegessen haben.

Die Forschung an Land und unter Wasser, die auch im Museum betrieben werde, löse nach 170 Jahren noch viele Rätsel rund um die Siedlungen. Eine offene große Frage sei etwa, wo die Toten der Pfahlbauten seien. «Da fehlen Tausende Gräber, von denen wir nicht wissen, wo sie sind.» Über die Gräber könne man bessere Aussagen zum Zusammenleben, den Krankheiten und den Hierarchien der Bewohner machen.

Seit 2011 Weltkulturerbe

Pfahlbauten habe es in vielen Regionen gegeben. Der Museumsdirektor geht von etwa zwei Millionen Pfählen allein im Bodensee aus. Noch heute würden die Hölzer stichprobenartig erforscht werden, sagte er. Durch die Jahresringe werde das Alter des Holzes bestimmt. Schützen, Konservieren und Erhalten seien die wichtigsten Aufgaben. «Diese Dinge sind so wichtig, auch für das Verständnis unserer Geschichte und der Umweltgeschichte.»

Als Weltkulturerbe genießen die Pfahlbauten um die Alpen seit 2011 besonderen Schutz. «Der Titel bringt Anerkennung, aber kein Geld.» Der Neubau sei durch Rücklagen aus Eintrittsgeldern und Krediten finanziert worden, die vom Pfahlbau-Verein gesammelt wurden. Acht bis zwölf Euro koste der Eintritt. In diesem Jahr sollen die Preise nicht steigen.

Der Bund habe das Projekt mit knapp zwei Millionen Euro gefördert, vom Land seien 300.000 Euro geflossen. «Wir sind eines der erfolgreichsten Museen Deutschlands», sagte Schöbel. Es sei wichtig, nicht nur Museum in den Hauptstädten zu fördern, sondern auch in der Fläche auf dem Land. «Die Menschen interessieren sich für ihre Vergangenheit.»

Baden-Württembergs Wissenschaftsministern Petra Olschowski (Grüne) würdigte das Museum anlässlich der Eröffnung des Neubaus am Donnerstag. Es sei das besucherstärkste archäologische Freilichtmuseum Baden-Württembergs und wirke an einer wichtigen Schnittstelle zwischen Bildung, Vermittlungen und Tourismus, erklärte sie. «Museen in freier Trägerschaft sind ein wichtiger Pfeiler für die Vielfalt unserer Kulturlandschaft», erklärte Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne).

Wieso gab es Pfahlbauten?

In der Wissenschaft werde immer noch darüber gestritten, warum sich die Menschen auf dem Wasser niedergelassen haben, erklärte Schöbel. Die eine Fraktion sage aus Sicherheitsgründen, um sich etwa vor Gefahren und Feinden an Land zu stützen. Die andere gehe davon aus, dass es um Teilhabe am Handel ging. «Man saß am Wasser und war über den See relativ schnell überall.»

Was aber feststehe: Solche Siedlungen zu errichten, sei durch die weiche Beschaffenheit des Bodens unter Wasser relativ einfach gewesen. Man habe nicht schuften müssen, wie an Land und erst ein Loch buddeln. «Durch das Eigengewicht lässt sich der Pfahl relativ einfach in den Seeboden anbringen, verbindet sie quer, macht Wände und ein Dach darauf - und fertig ist das Tiny House aus der Steinzeit.» Die Häuser seien wegen einer Klimakatastrophe 800 vor Christus verlassen worden.

Kulisse für Stummfilm und Science-Fiction

Das Pfahlbaumuseum ist seit der Eröffnung am 1. August 1922 immer wieder um prähistorische Nachbauten erweitert worden. «Gefühlt erfinden wir uns alle drei Jahre neu», sagte Schöbel. Filmproduzenten aus dem Ausland sind schon auf das Dorf auf Stelzen aufmerksam geworden. Teile der Apple-TV-Serie «Foundation», die im Herbst 2021 auf dem Streaming-Dienst veröffentlicht wurde, entstanden in Unteruhldingen.

Auch für andere Produktion sei das Freilichtmuseum gemietet worden, sagte der Direktor. 1926 sei das Museum der Schauplatz für einen Stummfilm gewesen. «Im Prinzip sind wir eine analoge Einheit und darauf sind wir stolz.» Das neue Museum sei ein weiterer Baustein dafür.

© dpa ⁄ Aleksandra Bakmaz, dpa
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