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Straßen evakuiert, Schulen zu: Hochwasserlage dramatisch

Die Lage in den Hochwassergebieten im Südwesten bleibt nach weiterem starken Regen dramatisch. Mehr noch: Sie hat sich zugespitzt. Rettungskräfte evakuieren Häuser und warnen unermüdlich.
Hochwasser in Baden-Württemberg - Leinzell
Luftaufnahme vom Fluss Lein, der über die Ufer getreten war und Überschwemmungen verursacht hatte (Aufnahme mit einer Drohne). © Jason Tschepljakow/dpa

Keller sind vollgelaufen, Straßen überflutet, Häuser werden evakuiert: Nach weiteren Regenfällen in der Nacht zum Montag hat sich die Hochwasserlage in vielen Regionen Baden-Württembergs verschärft. Rettungsdienste sind unermüdlich im Einsatz gegen die Wasserfluten. Weil neue Regengüsse drohen und Wasserstände steigen, werden vor allem in der Region nahe der Landeshauptstadt Häuser evakuiert. Besonders stark betroffen sind der Rems-Murr-Kreis, der Ostalbkreis und der Kreis Göppingen.

Die Lage am Morgen:

In der Stadt Ebersbach an der Fils südöstlich von Stuttgart sind nach Einschätzung des Landratsamts zahlreiche Menschen in Gefahr. Anwohnerinnen und Anwohner einiger Straßenzüge wurden evakuiert. Die Überflutungen betreffen ein Wohngebiet, es wurde eine außergewöhnliche Einsatzlage angeordnet, wie das Landratsamt Göppingen am Morgen mitteilte. Wie viele Menschen betroffen waren, konnte eine Stadtsprecherin zunächst nicht sagen.

Die Bundesstraße 10 in Ebersbach an der Fils sei rund um die Stadt gesperrt, das Wasser stehe teilweise kniehoch, sagte ein Sprecher des Landratsamts. Wassermassen haben an der Bundesstraße eine Lärmschutzwand durchbrochen und die Fahrbahnen überflutet. Das Wasser auf der Straße komme überwiegend von dem Fluss Fils, der in der Nähe verläuft, aber auch von Hängen. Die Bahnlinie von Göppingen nach Ebersbach sei ebenfalls gesperrt.

Auch im baden-württembergischen Ostalbkreis spitzt sich die Hochwasser-Lage zu. Wegen vorhergesagter Überflutungen wurden in der Nacht zu Montag vorsorglich Menschen in Teilen der Gemeinden Leinzell, Heuchlingen und Göggingen aus ihren Häusern gebracht, wie eine Sprecherin des Krisenstabs am frühen Morgen mitteilte. Die Gemeinde Täferrot sollte komplett evakuiert werden. Erste Überflutungen hätten den Ort am Morgen bereits erreicht, hieß es. Etwa 250 bis 300 Menschen wurden in der Nacht an sichere Orte gebracht.

Es drohten bis zum Morgen Überflutungen der Orte entlang der Lein, sagte die Sprecherin. Wegen schwerer Gewitter und Starkregens im Nordwesten des Ostalbkreises und im Rems-Murr-Kreis erreichten zwei Rückhaltebecken in der Region ihre maximalen Füllstände. Sie liefen kontrolliert über. Welches Ausmaß die Flut in den Gemeinden haben könnte, war noch unklar. Die Menschen wurden per Warn-Apps über die Situation informiert.

Im Rems-Murrr-Kreis hat sich Hochwasserlage unerwartet verschärft. Die Lage schien am Sonntagabend eigentlich bereits unter Kontrolle zu sein, wie die Behörde mitteilte. Nach dem extremen Starkregen in der Nacht habe man nun aber den Katastrophen-Voralarm ausgelöst, teilte das Landratsamt am Morgen mit. Durch diese Vorstufe des Katastrophenalarms kann der Einsatz ebenso wie die Freistellung von Helferinnen und Helfern des Katastrophenschutzes sichergestellt werden. Seit dem Morgen werden Anwohner in den betroffenen Rems-Kommunen vorsorglich evakuiert, wie es hieß.

Extremer Starkregen hat hier besonders der kleinen Gemeinde Rudersberg zugesetzt. Das gesamte Gemeindegebiet sei betroffen, alle Straßen seien gesperrt, sagte ein Sprecher der örtlichen Feuerwehr am Morgen. Die Teilorte Schlechtbach und Klaffenbach seien nach wie vor überschwemmt, die Feuerwehr versuche, sich einen Zugang zu den Bewohnern zu verschaffen. «Teilweise könnten Personen eingeschlossen sein», sagte der Sprecher. Berichte, wonach 20 Menschen dort vermisst würden, konnte er nicht bestätigen. Auch aus dem Landratsamt hieß es, dass keine Personen vermisst würden.

Provisorischer Damm in Esslingen

In Esslingen am Neckar wird ein provisorischer Damm gebaut, um eine vorhergesagte Überflutung von Teilen der Innenstadt zu verhindern. Der Scheitelpunkt wurde am frühen Montagmorgen erwartet, eine Überflutung der Kanäle im Innenstadtbereich könnte die Folge sein, teilte die Stadt mit. Vor dem sogenannten Wasserhaus an einem Kanal wurden den Angaben zufolge in der Nacht und am Montagvormittag knapp 1500 Tonnen Stein und Sand aufgeschüttet. In der Umgebung der Baustelle sei mit Verkehrsbehinderungen zu rechnen, wie die Kommune mitteilte.

Vorsicht in Kellern und Tiefgaragen

Städte warnten zudem vor dem Betreten bestimmter Bereiche. «Wir bitten Sie dringend darum, Keller und Tiefgaragen im Bereich der Innenstadt und in Oberesslingen nicht zu betreten. Zudem sollten die Bereiche direkt am Neckar nicht betreten werden», teilte die Stadt Esslingen mit. Die Stadtverwaltung beobachte die Pegelstände weiterhin. «Bitte informieren Sie sich regelmäßig auf dieser Website und in den Medien», hieß es auf der Internetseite der Stadt.

Erdrutsche im Schwarzwald

Die schweren Regenfälle haben auch Folgen im Schwarzwald: Im Schwarzwald-Baar-Kreis lösten sie mehrere Erdrutsche aus. Bei dem zu Villingen-Schwenningen gehörenden Ort Mühlhausen gerieten entlang einer Land- und einer Kreisstraße Erdmassen in Bewegung, die Straßen mussten nach Worten einer Polizeisprecherin gesperrt werden. Im Ort selbst seien mehrere Menschen mit Schlauchbooten in Sicherheit gebracht worden, nachdem das Wasser in einer Straße dort bis zu 1,80 Meter hoch stand. Auch seien zahlreiche Unterführungen im Landkreis vollgelaufen, wie es weiter hieß.

Im Landkreis Tuttlingen waren vor allem die Orte Aldingen, Gosheim und Denkingen von Überflutungen betroffen. Keller liefen voll und Straßen wurden überspült. Zwischen Denkingen und Gosheim versperrte ein Erdrutsch eine Landstraße. Zu einem größeren Einsatz kam es, als Wasser in eine Tankstelle in Aldingen eindrang. Auf einer Bundesstraße wurde ein Fahrzeug von Wassermassen eingeschlossen. Die Feuerwehr befreite die Insassen, ein Mensch sei leicht verletzt worden.

Ministerpräsident besucht zwei Hochwassergebiete

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Landesinnenminister Thomas Strobl wollten sich am Vormittag in Meckenbeuren im Bodenseekreis ein Bild von der Lage machen. Danach wollten die beiden Regierungsvertreter Erbach im Alb-Donau-Kreis besuchen, wie ein Sprecher der Landesregierung am Sonntagabend mitteilte.

Bahnverkehr teilweise unterbrochen

Wegen der Unwetterschäden bleibt auch der Bahnverkehr im Süden Deutschlands stark beeinträchtigt. «Wir raten von Reisen in die betroffenen Hochwassergebiete in Bayern und Baden-Württemberg ab und empfehlen, nicht notwendige Reisen zu verschieben», warnte die Deutsche Bahn. «Bitte rechnen Sie zusätzlich damit, dass es bei den noch verkehrenden Zügen zu einer sehr hohen Auslastung kommt.» Für die Nacht waren in Stuttgart, Nürnberg und München für Reisende Aufenthaltszüge eingerichtet worden.

Schulen bleiben geschlossen

In zahlreichen Gemeinden bleiben zum Wochenstart Schulen und Kindergärten wegen der Hochwassergefahr geschlossen. Unter anderem betroffen sind davon nach Angaben des Landratsamts Ostalbkreis die Gemeinden Täferrot, Heuchlingen und Leinzell. In Abtsgmünd bleiben die Schulen im Hauptort ebenfalls zu, auch im Rems-Murr-Kreis wird in den besonders betroffenen Städten und Gemeinden Waiblingen, Weinstadt, Remshalden, Winterbach und Remseck am Neckar in Schulen nicht unterrichtet. Auch Kinderbetreuungseinrichtungen bleiben geschlossen.

Weiterer Regen erwartet

Eine Besserung ist zunächst nicht in Sicht: Der Deutsche Wetterdienst (DWD) erwartet im Südwesten auch zu Wochenbeginn gebietsweise Dauerregen und Unwetter. Laut DWD könnten südlich der Schwäbischen Alb bis zum Abend Wassermengen von 30 bis 40 Liter pro Quadratmeter niedergehen. In Oberschwaben, am Bodensee und Allgäu seien starke Gewitter mit Starkregen möglich. Vereinzelt könne auch Hagel fallen. Hochwassertouristen nutzen die Lage dennoch aus: Die Stadt Schorndorf östlich von Stuttgart bittet die Bevölkerung ausdrücklich, die überfluteten Gebiete zu meiden.

Redaktionshinweis: Erläuterung Katastrophen-Voralarm im 6. Absatz, 4. Satz hinzugefügt

© dpa
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