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Ist die Inklusion gescheitert? Kritik von Sonderpädagogen

Hohe Arbeitsbelastung, resignierte Lehrkräfte, immer mehr autistische Kinder: Glaubt man einer Umfrage eines Lehrerverbands, gibt es viele Baustellen an den Sonderschulen. Aber nicht nur dort.
Grundschule
Schüler melden sich in einer vierten Klasse in einer Grundschule in Stuttgart. © Bernd Weißbrod/dpa

Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen im Land zeichnen einer Umfrage des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) zufolge ein düsteres Bild der Inklusion. Acht von zehn dieser Lehrkräfte, die behinderte Kinder an regulären Schulen fördern, gaben demnach an, dass sie mit der Umsetzung der Inklusion unzufrieden sind. Die Arbeitsbelastung an den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) sei zudem sehr hoch, beklagt wird unter anderem ein massiver Personalmangel und zu viel Bürokratie. Und dennoch: 53 Prozent der Befragten bezeichnen die Stimmung in ihrem Kollegium als gut oder eher gut.

Der VBE hat für die Umfrage Mitte Februar alle 560 Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) im Südwesten angeschrieben. Laut Statistischem Landesamt gibt es knapp 16.000 Lehrkräfte an den öffentlichen und privaten Sonderschulen im Land. 453 Lehrkräfte haben sich zurückgemeldet. Die Umfrage ist laut Verband zwar nach wissenschaftlichen Standards wegen einer mangelnden Zufallsauswahl nicht repräsentativ, es handle sich aber um ein «aussagekräftiges Stimmungsbild».

Fast alle Befragten (98 Prozent) schätzen der Erhebung zufolge ihre aktuelle Arbeitsbelastung als hoch bis sehr hoch ein. Auffallend: Unter den Belastungsfaktoren wird an oberster Stelle eine wachsende Zahl an Kindern mit Autismus, psychischen und chronischen Erkrankungen genannt (78 Prozent) - erst danach folgen Mehrarbeit (71 Prozent) und die Heterogenität der Schülerinnen und Schüler (69 Prozent).

Daneben werden fehlendes Fachpersonal, ein hoher Krankenstand und das Zusammenlegen von Klassen moniert. Das gefährde die Beschulung von körperlich und geistig beeinträchtigten Kindern, kritisierte VBE-Landeschef Gerhard Brand. Gerade autistische Kinder benötigten einen höheren Personalschlüssel. Aber die meisten SBBZ wiesen nur eine Lehrkräfteversorgung von 60 bis 90 Prozent auf und seien damit chronisch unterversorgt.

37.000 Kinder werden laut VBE an den SBBZ unterrichtet. Brand betonte, dass die Eltern dieser Kinder keine öffentliche Lobby hätten etwa im Vergleich zum Gymnasialbereich. Sechs von zehn Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen werden der Umfrage zufolge auch an regulären Schulen eingesetzt, um dort beeinträchtigten Kindern im Unterricht zu helfen.

Lediglich knapp zwei Prozent der befragten Sonderpädagogen beurteilten die bildungspolitische Arbeit der Landesregierung als gut oder sehr gut. Die Regierung sei aus Sicht der Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen mit der Inklusion krachend gescheitert, sagte Brand. Dennoch würden sechs von zehn Lehrkräften ihren Beruf weiterempfehlen. Das zeige, dass sie für ihren Beruf brennen würden.

Das gesamte pädagogische Personal an den SBBZ befinde sich am absoluten Limit, betonte der bildungspolitische Sprecher der FDP im Landtag, Timm Kern. Der Zustand sei untragbar, die grün geführte Landesregierung verantwortlich. Die schulpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Katrin Steinhülb-Joos, sprach von einer stiefmütterlichen Behandlung der Sonderpädagogik. «Inklusion ist Aufgabe aller Schularten. Und da gibt es insbesondere an den Gymnasien erheblichen Nachholbedarf.»

Der VBE forderte mehr Studienplätze und den Wegfall des Numerus Clausus im Sonderpädagogik-Studium sowie eine umfassende Vorabqualifikation für Quereinsteiger und den Aufbau einer qualifizierten Krankheitsreserve.

«Wir wissen um die angespannte Situation an unseren SBBZ und steuern dagegen an», betonte Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) am Freitag. Sie verwies darauf, dass mit einem neuen Standort in Freiburg nun knapp 700 Studienanfängerplätze bereitstünden. Seit 2008 seien die Ausbildungskapazitäten mehr als verdoppelt worden. Die stetig steigenden Zahlen von Schülerinnen und Schülern, die aus der Sonderpädagogik heraus zu versorgen seien, blieben jedoch eine Herausforderung.

© dpa
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