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Was es mit der Angst vor Haien auf sich hat

Ein mulmiges Gefühl schwimmt bei manchen mit - und andere gehen deshalb gar nicht erst ins Meer hinein. Doch warum ist gerade unsere Furcht vor Haien so groß? Fragen an einen Meeresbiologen.
Haie in Singapur
Haie vor der Küste der Bahamas
Hai in einem Aquarium in Moskau
Simon Weigmann
Simon Weigmann
Warnschild am Strand

In Filmen wie «Meg» oder der «Der Weiße Hai» werden sie als Monster dargestellt. Und kommt es einmal zu einem der äußerst seltenen tödlichen Angriffe durch einen Hai, ist das oft ein Thema in den Nachrichten, etwa jüngst auf den Bahamas oder im Juni 2023, als ein Mann im ägyptischen Badeort Hurghada am Roten Meer von einem Hai tödlich verletzt wurde.

Solche Nachrichten und die Darstellungen der Meeresfische in Hollywood-Blockbustern tragen dazu bei, dass viele Menschen große Furcht vor Haien haben. Das tatsächliche Risiko eines Angriffs steht dazu aber in keinem wirklichen Verhältnis.

So registrierte die US-Datenbank International Shark Attack File (Isaf) für 2022 weltweit 57 sogenannte «unprovozierte Angriffe», von denen fünf tödlich endeten: zwei davon in Südafrika, zwei in Ägypten, einer in den USA. Zudem gab es 32 «provozierte Angriffe», etwa weil in der Nähe des Vorfalls geangelt wurde oder Köder im Wasser schwammen. Für 2023 liegt noch kein Überblick vor.

Aber: Gemessen daran, wie viele Menschen im Meer schwimmen, sei das Risiko eines Haiangriffs «extrem gering», so die Isaf.

Wieso fürchten wir uns dennoch so sehr vor Haien? Und was ist zu tun, wenn man einmal beim Schwimmen im Meer einen Hai sichtet? Der Meeresbiologe und Haiforscher Simon Weigmann hat Antworten.

Herr Weigmann, woher kommt die Diskrepanz zwischen dem tatsächlichen Risiko und der großen Furcht vor Haiangriffen?

Simon Weigmann: Das hat verschiedene Ursachen. Eine ist, dass es durch Filme getriggert wurde, in denen Haie sehr monströs dargestellt werden. Eine andere ist, dass Haie teils einfach sehr große Tiere sind. Ausgewachsene Weiße Haie oder Tigerhaie erfüllen ja durchaus das Klischee des Ungeheuers - einfach nur durch die schiere Größe, ihr gigantisches Maul, die vielen Zähne.

Und es ist vermutlich auch die Vorstellung, einfach verschlungen zu werden: Das erscheint offenbar furchteinflößender als etwa der tödliche Stich bestimmter Quallen, die nicht bedrohlich aussehen. Oder Kegelschnecken: Da gibt es einige Vertreter, von denen man weiß, dass immer wieder Menschen durch sie sterben. Sie haben wunderschöne Gehäuse, und sind trotzdem tödlich.

Dazu kommt: Ich glaube, das Meer ist für viele immer ein bisschen unheimlich, weil man nicht sieht, was da von unten kommt, wenn man schwimmt. Auf dem Land gibt es viele Tiere, die sehr viel mehr Todesfälle hervorrufen. Ob das jetzt Schlangen sind oder, wenn man so will, selbst Mücken, die indirekt durch übertragene Krankheiten viel mehr Menschenleben kosten.

Ist es ein bisschen eine Urangst?

Weigmann: Ja, vielleicht. Das Wasser, das groß und unbekannt ist, und ein großes Tier, das sehr schnell und präzise und mit guten Sinnen für die Jagd ausgestattet ist. Was vielleicht hineinspielt: dass man es eben nicht selbst im Griff hat in dem Fall. Das erinnert an Flugangst, die ja auch viele Menschen haben. Und das obwohl etwa die Wahrscheinlichkeit, im Auto zu verunglücken, viel höher ist, als mit einem Flugzeug abzustürzen.

Wie wahrscheinlich ist denn nun ein Hai-Angriff? Es werden verschiedenste Vergleiche bemüht, die verdeutlichen sollen, wie klein das Risiko ist.

Weigmann: Die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs ist äußerst gering. Tödliche Angriffe sind Einzelfälle - natürlich sehr tragische Fälle, jeder für sich.

Es gibt, wie Sie sagen, viele Analogien und Vergleiche. Am häufigsten wird der Blitzschlag bemüht, glaube ich. Und da kann man sagen: Die Wahrscheinlichkeit, vom Blitz erschlagen zu werden, ist in jedem Fall deutlich höher als die, von einem Hai getötet zu werden.

Warum greifen Haie überhaupt an? In Hurghada war nach einer tödlichen Attacke zu lesen: Behörden vermuten, dass Tierkadaver im Meer den Hai angelockt haben - und eventuell hat das Tier dann den Schwimmer mit einem Kadaver verwechselt.

Weigmann: Das könnte stimmen. Es gab in Ägypten schon mal Fälle, wo Menschen zu Tode gekommen sind und wo auch zuvor Tierkadaver entsorgt worden waren. Es scheint mir plausibel, dass Haie durch den Geruch der Kadaver angelockt wurden, deshalb in Strandnähe waren und dann aufgrund einer Verwechslung zugebissen haben. Überhaupt ist die gängige Annahme unter Forschern, dass die meisten Haiangriffe aufgrund von Verwechslungen passieren.

Ein anderes Beispiel sind die Angriffe auf Surfer. Da geht man tatsächlich davon aus, dass Haie Surfbretter von unten betrachtet mit der Silhouette von Robben verwechseln. In Regionen, in denen Weiße Haie und Robbenkolonien leben, kommt es zu solchen Verwechslungen.

Ein Indiz dafür, dass es Verwechslungen sind: Häufig machen die Haie bei solchen Angriffen nur Testbisse - die mitunter leider auch tödliche Verletzungen hervorrufen können. Das heißt, dass der Hai nur einen Biss macht, danach aber weiter schwimmt, weil er merkt, dass das keine Beute ist. Zumindest bei Weißen Haien geht man davon aus, dass sie Menschenfleisch nicht mögen.

Lockt Blut Haie an?

Wiegmann: Grundsätzlich haben Haie eine hervorragende Sinnesausstattung und können auch hervorragend riechen. Sie können Blut in starker Verdünnung wahrnehmen. In der Regel brauchen sie aber mehrere Sinnesreize: Wenn sie zum Beispiel einen verstärkten Herzschlag in der Nähe wahrnehmen, könnten sie gucken kommen, ob da ein verletztes Tier schwimmt.

Aber es ist jetzt nicht so, dass man mit einer kleinen Wunde, etwa einen Schnitt im Finger, auf keinen Fall ins Meer gehen sollte, weil sofort Haie kommen - außer, es ist eine Gegend, wo Behörden zufolge Haie unterwegs sind und darauf hingewiesen wird.

Beim Käfigtauchen werden Haie übrigens auch mit Blut angelockt, was dann in größeren Mengen ins Wasser geschüttet wird.

Was halten Sie von solchen Angeboten?

Weigmann: Es ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite kann das gezielte Anfüttern der Haie problematisch sein, auf der anderen Seite sind Begegnungen mit Haien in der natürlichen Umgebung faszinierend. Ich glaube, dass es dabei helfen kann, ihr Image zu verbessern. So sieht man, was das für tolle Tiere sind. Der große ökonomische Wert lebender Haie könnte auch helfen, dass Haie nicht mehr so viel gejagt werden. Denn das ist ein großes Problem.

Inwiefern?

Weigmann: Es gibt verschiedene Studien, die zeigen, dass ungefähr ein Drittel der Hai- und Rochen-Arten vom Aussterben bedroht sind. Rochen sind die meist flachen, nächsten Verwandten der Haie. Man geht davon aus, dass insbesondere wegen ihrer Flossen zwischen 70 und 150 Millionen Haie weltweit von Menschen getötet werden - jährlich. Wenn man sich das mal vorstellt, dann ist es sicherlich gut, wenn man durch einen verantwortungsvollen Tourismus den Wert sieht, den lebende Haie haben.

Es wird an verschiedenen Orten auch gar nicht im Käfig getaucht, sondern dort werden etwa Tauchausflüge angeboten - mit Riffhaien, Mantarochen oder Walhaien zum Beispiel. Hier nimmt die lokale Bevölkerung meist sehr viel mehr Geld ein. Das ist nachhaltiger Tauchtourismus. Das ist sicherlich besser, als wenn man irgendwie versucht, Haie mit Blut oder sonst etwas anzulocken - gerade, wenn man das sehr küstennah macht.

Was tut man eigentlich, wenn einem ein Hai nahekommt beim Tauchen oder man - klischeehaft - beim Schwimmen eine Haiflosse über dem Wasser erspäht?

Weigmann: Wenn man einen Hai sieht beim Schnorcheln, und das ist mittlerweile leider eher selten, kann man es meist genießen. In der Regel wird das ein kleiner Hai sein.

Zur Einordnung: Wir haben über 500 Hai-Arten auf der Welt, eine riesige Vielfalt. Man geht davon aus, dass nur von etwa einem Dutzend der Arten überhaupt so etwas wie eine Gefahr für Menschen ausgehen kann. Für tödliche Angriffe verantwortlich sind im Wesentlichen nur drei Arten: der Weiße Hai, der Tigerhai und der Bullenhai.

Wenn man ein großes Exemplar dieser potenziell gefährlichen Arten sieht, ist die Devise: Immer möglichst ruhig bleiben. Das sagt sich zwar leichter, als es ist. Wegzuschwimmen macht aber keinen Sinn, da der Hai sehr viel schneller ist als man selbst. Das heißt, man sollte den Hai fixieren und versuchen, den Augenkontakt zu halten. Nicht den Rücken zuzudrehen, weil Haie tatsächlich lieber aus dem Hinterhalt angreifen.

Und: Man sollte möglichst keine schnellen Platschbewegungen im Wasser machen, weil das den Hai eher an ein verletztes Tier erinnern kann. Man kann versuchen, sich größer zu machen, so dass man quasi im Wasser steht. Und dann versuchen, möglichst langsam und kontrolliert wegzuschwimmen, Abstand zu gewinnen und aus dem Wasser zu kommen.

Und wenn der Hai doch angreift?

Weigmann: Greift der Hai tatsächlich an, kann man versuchen, auf seine Sinnesorgane zu schlagen. Das ist jedoch umstritten: Wenn ich versuche, dem Hai auf die Nase zu hauen, wo viele Sinneszellen sitzen, oder die Augen zu treffen, kann es natürlich passieren, dass der Arm im Maul landet. Zumal das Wasser die Schlagbewegung auch abbremst: Das Schlagen auf die Nase funktioniert in Filmen vermutlich sehr viel besser als in der Realität.

Viele Angriffe gerade auch von kleineren Haien sind eher ein kurzes Beißen, weil der Hai sich zu stark eingeengt fühlt. Keinesfalls sollte man als Taucher die Tiere anfassen.

ZUR PERSON: Der habilitierte Meeresbiologe Dr. Simon Weigmann forscht in seinem eigenen Labor, dem Elasmo-Lab Hamburg, an Haien und Rochen und ist Associated Scientist des Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB) in Hamburg.

© dpa ⁄ Interview: Tom Nebe, dpa
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