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Schwule Liebe im Ferienlager - Autorinnenduo musste fliehen

Mit einem Roman um eine schwule Liebe hat ein ukrainisch-russisches Autorinnenduo vor Kriegsbeginn für Furore gesorgt. Am Ende mussten sie aus Russland fliehen. Nun erscheint ihr Bestseller auf Deutsch.
Du und ich und der Sommer
Das Buch «Du und ich und der Sommer» wurde von der russischen Propaganda geächtet. © -/Penguin Random House /dpa

Dass ihr in Russland populäres Buch um die Liebe der beiden Jugendlichen Jura und Wolodja einmal Grund zur Flucht sein könnte, hätten die Ukrainerin Katerina Silwanowa und ihre russische Co-Autorin Elena Malisowa nicht erwartet.

Die 32-jährige Silwanowa flüchtete in ihre seit zwei Jahren von Russland angegriffene ukrainische Heimatstadt Charkiw; die 37-jährige Malisowa begann ein neues Leben in Rostock. Nun erleben sie getrennt, dass das von der russischen Propaganda als «pervers» geächtete Buch «Du und ich und der Sommer» auf Deutsch erscheint (Verlag Blanvalet).

«Es ist eine einfache Geschichte um zwei junge Menschen, die entdecken, wie aus ihrer Freundschaft Gefühle entstehen, die sie sich erst nicht erklären können, und dann begreifen, dass es Liebe ist», sagt Malisowa bei einem Videogespräch, zu dem aus Charkiw auch Katja, wie sie ihre Freundin nennt, zugeschaltet ist.

Beide erzählen in dem Buch, das im russischen Original übersetzt «Sommer im Pionierhalstuch» heißt, sehr einfühlsam über die erste Liebe des 16 Jahre alten Jura und des 19-jährigen Wolodja, die in einem sowjetischen Ferienlager in Charkiw 1986 Kinder betreuen.

Beide Autorinnen haben die Pionierlager zwar selbst nicht mehr erlebt. Sie zehren aber von den Erzählungen ihrer Eltern und von Tagebüchern, weshalb der Alltag in dem mit Drill durchorganisierten Lager ganz lebendig wird. Im Mittelpunkt stehen die sehr genau gezeichneten Figuren Jura, der offen mit seinen Gefühlen umgeht und den ersten Schritt tut - und Wolodja, der Karriere machen und seine Homosexualität aus Angst vor Ächtung im kommunistischen System nicht akzeptieren will.

Deutlich werden aber auch autoritäre Erziehung und Gleichmacherei, wie es sie auch in den Ferien für Kinder gab. Partisanenspiele, politisches Kindertheater, Appelle und Sport prägen das Leben im Sommerferienlager.

Fangruppe bei TikTok

Das Buch wurde 2021 zu einem literarischen Überraschungserfolg in Russland - wohl auch für einige Sowjet-Nostalgiker. Begeistert zeigten sich aber Teenager wie Erwachsene, weil die beiden Autorinnen das universelle Thema einer vermeintlich verbotenen Liebe mit tiefer Leidenschaft erzählen. Im sozialen Netzwerk TikTok bildete sich eine Fangruppe.

Rasch aber witterten russische Ultranationalisten, die seit langem vor einer «westlichen Verschwulung» der Gesellschaft warnen, dass hier staatlich unterstützte Homophobie unterhöhlt werden könnte. Die Anfeindungen gegen die Autorinnen waren massiv. «Am Ende diente unser Buch wohl auch als ein Anlass, das Gesetz zum Verbot sogenannter Homopropaganda weiter zu verschärfen und auch auf Erwachsene zu beziehen», sagt Silwanowa. Das Buch erschien mit der Altersfreigabe 18+, weil es in Russland per Gesetz verboten ist, homosexuelle Beziehungen vor Kindern positiv darzustellen.

Hetze und Verfolgung

Weil aber der Staatsapparat wohl letztlich für jeden die Gefahr sah, schwul zu werden, sind solche Inhalte nun komplett auf dem Index gelandet. Selbst Klassiker kamen auf den Prüfstand. Zwar ist Homosexualität selbst in Russland nicht verboten, aber gesellschaftlich wird das Thema durch die Verbote, darüber zu reden, tabuisiert.

Wer sich öffentlich für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen sowie queeren Menschen (LGBTQ+) einsetzt, riskiert zudem als Angehöriger einer LGBTQ-Bewegung als Extremist verfolgt zu werden. Viele Menschen, die nicht heterosexuell sind, flüchten deshalb aus Russland.

«Hetze und Verfolgung gegen uns begannen im Mai 2022, erst in Telegram-Kanälen, dann haben sich die Propagandamedien eingeschaltet und dann auch die Politiker», erzählt Malisowa. «Es ist wie die erste Hexe, die auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird. Ich bin mir absolut sicher, dass diese ganze Verfolgung des Buches künstlich herbeigeführt wurde.»

Russland habe sich in eine Diktatur verwandelt. «Jede Diktatur braucht einen äußeren Feind und einen inneren Feind», sagt Malisowa. Als äußeren Feind habe sich Moskau die Ukraine und alle Länder der freien Welt, die sie unterstützen, vorgenommen; als inneren die LGBTQ-Bewegung.

Flucht nach Armenien

Malisowa und Silwanowa erzählen, dass sie 2022 zuerst gemeinsam nach Armenien geflohen seien und von dort aus weiter nach Deutschland und in die Ukraine. Auch in Deutschland hat Malisowa weiter Angst, weil russische Behörden sie als «ausländische Agentin» brandmarken und damit praktisch wie eine Verräterin behandeln.

Hinzu kommt, dass ein neues Gesetz nun auch die Beschlagnahmung des Eigentums von Kriegsgegnern und weiteren Andersdenkenden in Russland erlaubt. «Ich habe Angst, dass sie uns die Wohnung wegnehmen und meine Mutter auf die Straße setzen könnten.»

Dagegen ist Russland für Co-Autorin Silwanowa, die acht Jahre dort lebte und 2015 Elena Malisowa kennenlernte, Geschichte. «Ich bin jetzt in Charkiw bei meinen Nächsten, um sie hier zu unterstützen», sagt sie. Auch deshalb verzichte sie auf den Flüchtlingsstatus in Deutschland. Daran, dass Russland die zweitgrößte Stadt der Ukraine einnehmen könnte, will sie lieber nicht denken. Aber auf eine mögliche Flucht ist sie vorbereitet.

Zu Gast bei der Buchmesse in Leipzig

Weil das Buch nun auf Deutsch erscheint, will Silwanowa Deutschland immerhin besuchen. Bei der Buchmesse in Leipzig wollen sie beide am 21. und 22. März auftreten. «Lena und ich, so sagen wir es oft, haben ein Gehirn, das auf zwei Menschen verteilt ist», sagt sie auf die Frage, warum sie gemeinsam schreiben. Zur Liebesgeschichte von Jura und Wolodja sollen noch zwei Folgebände erscheinen. Eine Fortsetzung gab es schon in Russland. Aber die sei auch wegen der politischen Lage in Eile geschrieben worden. «Wir wollen noch feilen an der Sprache, es ausbauen und auf zwei Teile ausweiten», sagt Malisowa.

Auch auf Italienisch und Polnisch gebe es das Buch schon. Ob es eines Tages auch auf Ukrainisch erscheinen könnte? Da will sich Katerina Silwanowa nicht festlegen. «Viele hier in der Ukraine sprechen Russisch, das Buch hat sehr viele Leser hier. Aber alles, was Sowjetisch ist - und um die Geschichte geht es ja auch in dem Buch -, will die Ukraine abschütteln», sagt sie. «Unser Buch soll nicht noch hier Grund sein für Ärger. Es gibt schon jetzt so viel Hass in der Ukraine.»

© dpa ⁄ Ulf Mauder, dpa
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