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Reif für die Insel: Caroline Wahls «Windstärke 17»

Nach ihrem Überraschungserfolg «22 Bahnen» schreibt Caroline Wahl das bewegte Porträt einer jungen Überlebenskünstlerin.
Caroline Wahl
Caroline Wahl legt ihren neuen Roman «Windstärke 17» vor. © Jens Kalaene/dpa

Es passiert eher selten, dass sich gleich mehrere Verlage um das Manuskript einer Autorin reißen, die noch nie zuvor ein Buch veröffentlicht hat. Und dass die Debütantin dann mit ihrem ersten Wurf auch noch so erfolgreich ist, dass sie fortan das Schreiben zu ihrem Brotberuf machen kann. Genau dieser Traum ist für Caroline Wahl in Erfüllung gegangen. Die in Rostock lebende Autorin (Jahrgang 1995) schaffte es im vergangenen Jahr mit «22 Bahnen» auf Anhieb in die Bestsellerlisten.

Der Buchhandel kürte den Roman um ein in widrigen Familienverhältnissen aufwachsendes Schwesternpaar zum Lieblingsbuch des Jahres. Die Kritik feierte es als lebensnah, hart, aber herzlich. Alle Fans des Buchs werden sich freuen, dass nun schon die Fortsetzung erscheint.

Die Erwachsene Ida im Fokus der Geschichte

Ging es im ersten Roman um die ältere Schwester Tilda, richtet sich der Blick in «Windstärke 17» auf die inzwischen erwachsene Ida. Kindheit und Jugend der Schwestern werden durch den schweren Alkoholismus der alleinerziehenden Mutter verdüstert. Tilda wächst erzwungenermaßen in eine Ersatzmutterrolle für ihre jüngere Schwester hinein. Doch als die Mathematikbegeisterte eine Promotionsstelle in Berlin erhält, bleibt Ida allein mit der kranken Mutter zurück.

Mehr und mehr entzieht sie sich der trostlosen Situation zu Hause. Sie studiert Literatur, fängt mit dem Schreiben an, verreist mit der Freundin. Dann eines Tages die Katastrophe: Als Ida von einer Reise wiederkommt, findet sie ihre Mutter tot im Schlafzimmer, gestorben an den Folgen ihrer Sucht. Die Tochter fühlt sich zutiefst schuldig: «Ich bin eine schlechte und schwache Scheißtochter. Ich war eine schlechte und schwache Scheißtochter, und jetzt bin ich einfach nur noch allein.»

Die Insel Rügen als Therapie

Ida flüchtet auf die Insel Rügen. Was zunächst wie eine kopflose Panikaktion aussieht, entpuppt sich mit der Zeit als eine Art Therapie, bei der Ida nicht nur lernt, endgültig Abschied zu nehmen, sondern auch mit Gefühlen von Wut und Schuld umzugehen. Sie trifft auf Rügen einfühlsame Menschen, die ihre Verletzlichkeit erkennen und sie unter ihre Fittiche nehmen. Ida begegnet auch der Liebe, selbst wenn sie fragil ist. Und sie trifft auf das Meer, dem bei ihrem Heilungsprozess eine ganz besondere Bedeutung zukommt. Wie schon in «22 Bahnen» nimmt das Schwimmen eine zentrale Rolle im Buch ein. Nur ist hier alles eine Dimension wilder, größer und dramatischer.

Die Szenen von Idas Kampf gegen das Meer gehören zu den besten, die der Roman zu bieten hat: «Heute ist es leicht, einen Rhythmus zu finden. Ich gebe dem Meer alles, was ich habe, damit mein Körper warm und leer wird, kraule immer weiter, so weit ins offene Weite wie nie zuvor. Die Gedanken und der Schmerz laufen aus meinem Körper raus, rein in die stille Ostsee, und ich frage mich, ob sie jetzt laut ist und schreit.» Und an einer anderen Stelle: «Jedes Mal wenn ich ins Meer schwimme, gebe ich ihm die Möglichkeit, mich mitzureißen, mich zu töten, und es tut es nicht. Das rechne ich ihm hoch an.» 

Charakterentwicklung fern von Stereotypen

Ida ist verletzlich und kratzbürstig, wütend und sperrig, sie stößt Leute vor den Kopf, streckt aber immer wieder vorsichtig ihre Fühler aus. In ihrem tiefsten Innern ist diese junge Frau ebenso widerständig wie einfühlsam. Ihre Vielschichtigkeit wird in eher ruhigen Szenen entwickelt. Caroline Wahl nimmt sich überhaupt Zeit für ihre Figuren und verweigert sich Stereotypen.

Bis in die Nebenrollen hinein sind alle Persönlichkeiten ihres Romans ausdifferenziert. Es gibt auch kein einfaches Schwarz-Weiß. Selbst die alkoholkranke Mutter, die das Leben ihrer Töchter zur Qual macht, wird als Mensch mit liebenswerten Seiten gezeigt. Der Roman ist ernst, aber keineswegs deprimierend. Er gibt auch Hoffnung, vor allem entbehrt er jeder Lebensmüdigkeit. 

© dpa ⁄ Sibylle Peine, dpa
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