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Nagelsmann will «Entscheidungen»: Notfallpläne und Einblicke

So kannten Julian Nagelsmann nur wenige. Knallharte EM-Maßnahmen gehören zum Job. Einblicke ins Seelenleben nach einem Schicksalsschlag zeigen den Bundestrainer aber von einer verletzlichen Seite.
Julian Nagelsmann
Bundestrainer Julian Nagelsmann war 20 Jahre alt, als sich sein Vater das Leben nahm. © Eva Manhart/apa/dpa

Comeback von Toni Kroos als Anführer, Rückversetzung von Joshua Kimmich als «Diener» und ein desaströses Zeugnis für die ganze Nationalmannschaft: 112 Tage vor dem EM-Anpfiff hat Julian Nagelsmann mit markigen Worten seine Notfall-Maßnahmen für das Heimturnier erklärt. Viel mehr noch als mit seiner schonungslosen Analyse zur Lage der Fußball-Nation oder dem einen oder anderen Seitenhieb gegen seinen Ex-Arbeitgeber FC Bayern München beeindruckte der Bundestrainer aber mit tiefen Einblicken in sein Seelenleben nach dem Suizid seines Vaters. In bislang nicht gekannter Weise zeigt sich der 36-Jährige dabei auch als verletzlicher Mensch. 

«Ich denke oft an diesen Tag zurück», erzählte Nagelsmann in einem «Spiegel»-Interview. «Das war schwer. Mein Papa hat keinen Abschiedsbrief hinterlassen, es gab keine Erklärung», sagte Nagelsmann über seine Erinnerungen. Als 20-Jähriger habe er sich neben der eigenen Trauer um viele Dinge kümmern müssen. «Alltagsdinge eben, an die man in dem Alter eigentlich keinen Gedanken verschwendet. Ich musste schwerwiegende Entscheidungen treffen, auch um meine Mutter zu entlasten, die auf einmal in einem großen Haus ohne ihren Partner wohnte. Mit all ihren Erinnerungen», sagte Nagelsmann. 

Enge Vater-Sohn-Beziehung

Ein sehr gutes und enges Verhältnis habe er zu seinem Vater gehabt, der ihm die Liebe zu den Bergen und zur Natur vermittelt habe. Der Vater habe beim Bundesnachrichtendienst gearbeitet und durfte daher sogar mit der Familie nicht über seine Arbeit sprechen. «Er war mutig. Er musste im Beruf immer wieder Entscheidungen treffen in dem Bewusstsein, dass der ganze Plan auch in die Hose gehen konnte. Das Schlimmste im Leben ist, wenn man keine Entscheidungen trifft», sagte Nagelsmann. 

Vielleicht - so klingt es beim jüngsten deutschen Bundestrainer durch - helfen ihm Wesenszüge seines Vaters nun in seinem eigenen Berufsleben auf der oft gnadenlosen Show-Bühne des Profi-Fußballs. «Ich glaube, ich habe vieles von ihm übernommen. Als Trainer mache ich mir nicht so viele Gedanken darüber, was die Leute von mir oder von meinen Entscheidungen halten», sagte Nagelsmann. 

Und Entscheidungen - auch unpopuläre - muss der Bundestrainer jetzt reihenweise treffen. Die sportliche Lage stuft Nagelsmann nämlich als prekär ein. «Die A-Nationalmannschaft liegt seit Jahren sportlich am Boden. Da war zuletzt nichts dabei, was die Hoffnung nähren könnte, dass wir ins Halbfinale kommen», sagte der Bundestrainer. Was für eine Watschn für sein Personal.  

Überraschungen im EM-Kader

Die Rückkehr von Routinier Kroos (34) als zweitem Rio-Weltmeister nach Mats Hummels (35), den Nagelsmann schon im Oktober reaktivierte, wird nicht die letzte personelle Maßnahme zur Rettung des erhofften Sommermärchens Teil II bleiben. «Wir müssen nicht zehn neue Spieler einladen, aber es wird bestimmt der eine oder andere nicht nominiert werden, von dem viele denken, der sei sicher dabei», sagte Nagelsmann. Mögliche Streichkandidaten? Die benannte er nicht. Aber Akteure wie Niklas Süle, Leon Goretzka, Julian Brandt oder Jonas Hoffmann oder möglicherweise auch Altmeister Thomas Müller sind vorgewarnt. 

Nach den bitteren Test-Niederlagen im November gegen die Türkei (2:3) und in Österreich (0:2) müsse ein Mentalitätswandel erfolgen. Danach habe er realisiert, dass er sich den Job als Bundestrainer ein bisschen anders vorgestellt habe. «Gegen Österreich hatten wir sieben, acht Spieler auf dem Platz, die sich eher über ihre besonderen Fähigkeiten als Fußballer und weniger über eine besondere Mentalität definieren. Diese Verteilung bei der Startelf müssen wir verändern», sagte der 36-Jährige. 

Kroos soll dabei mit seiner Erfahrung vorangehen. Sein Wesenszug, immer wieder kräftig zu polarisieren, könnte ein Risiko sein. Hierarchische Zerwürfnisse fürchtet der Bundestrainer aber nicht. «Ich habe mit vielen Spielern vorab telefoniert und genau zugehört, ob da einer ein Problem mit Kroos haben könnte. Im Gegenteil! Alle waren sehr positiv.»

Fußball als Arbeit verstehen

Grundsätzlich sei nach drei Turnierenttäuschungen mit dem Gruppen-K.o. bei den Weltmeisterschaften 2018 und 2022 und dem Achtelfinal-Aus bei der EM 2021 die Zeit für eine Rückbesinnung notwendig. «Wir müssen unser Statusdenken abstellen. Wir reden uns ein, Deutschland sei eine Topfußballnation, obwohl wir seit Jahren Misserfolge erleben. So kommt man nicht zurück in die Erfolgsspur. Wir müssen endlich anfangen, Fußball wieder zu arbeiten», forderte Nagelsmann. 

Als Idealtypus nannte er Pacal Groß (32) von Brighton & Hove Albion. Der könnte also im EM-Plan der Nebenmann von Kroos in der Zentrale sein. Er wäre neben Kroos, Hummels, Torwart Manuel Neuer (37), Kapitän Ikay Gündogan (33) oder Niclas Füllkrug (31) ein weiterer Spieler 30 plus im gleichen Lebensjahrzehnt wie der Bundestrainer. 

Fix ist neben der Rückkehr des Rio-Weltmeisters Kroos auch die Versetzung von Kimmich (29) aus dem Mittelfeld auf die Position als rechter Außenverteidiger. Und Nagelsmanns Worte können den Eindruck einer Strafversetzung nicht ganz verwischen. «Bei der Nationalmannschaft muss man sich unterordnen. Da ist man ein Diener für sein Land. Kimmich ist das», sagte Nagelsmann über den Bayern-Profi, der längst zum Sinnbild der Generation 1995/96 geworden ist, die die hohen Erwartungen (bisher) nicht erfüllte. 

Basketball-Weltmeister als Vorbild


Vor der EM will der Bundestrainer jedem Spieler ein klares Anforderungsprofil vermitteln. Als Beispiel nannte er die Basketball-Nationalmannschaft, die 2023 sensationell Weltmeister geworden war. «Die haben das herausragend gut gemacht, und diese klare Rollenverteilung werde ich übernehmen. Es ist hilfreich, wenn jeder Spieler ganz genau weiß, woran er ist», sagte Nagelsmann. 

Grundsätzlich definiere er einen EM-Erfolg nicht nur an der Platzierung. «Ich glaube aber, wenn wir vier oder fünf gute Spiele machen, uns zerreißen, dann jedoch im Viertelfinale gegen eine Topnation ausscheiden, kann es für Fußballdeutschland trotzdem eine gute EM werden», sagte Nagelsmann. 

Die letzten Testländerspiele vor der Kader-Nominierung stehen am 23. März in Frankreich und drei Tage später in Frankfurt gegen die Niederlande an. Unmittelbar vor der EM sind nochmals zwei Tests geplant. Beim Turnier trifft die DFB-Auswahl als Gastgeber in der Gruppe A auf Schottland (14. Juni), Ungarn (19. Juni) und die Schweiz (23. Juni).

© dpa ⁄ Arne Richter, Klaus Bergmann und Jan Mies, dpa
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