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Was Generationen beim Chatten trennt und eint

Die einen nervt das «Liebe Grüße» am Ende einer kurzen Textnachricht, den anderen fehlt ein freundliches Hallo. Oft hängt der digitale Stil vom Alter ab. Aber wie groß sind die Unterschiede wirklich?
Messengerdienst
«Jeder darf sich seine persönlichen Eigenheiten bewahren»: Eine Frau schreibt über den Messengerdienst WhatsApp. © Weronika Peneshko/dpa

«Papa, wir wissen doch, dass DU uns schreibst!» - Das hört der Berliner Volkshochschullehrer Thorsten Wallnig (56) immer wieder von seinen eigenen Kindern. Denn er verabschiedet sich in Messenger-Gesprächen gerne etwa mit den Worten «Liebe Grüße, euer Papa».

Für ihn gehört es irgendwie dazu, zum höflichen Umgang, auch wenn Chatprogramme vielleicht eher für die lockere und schnelle Kommunikation gedacht sind. «Jeder darf sich seine persönlichen Eigenheiten bewahren», sagt Wallnig im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

Wie man chattet, hängt also auch vom Alter ab. Das habe etwas mit unterschiedlichen gelernten Gewohnheiten zu tun, erklärt der Kommunikationswissenschaftler an der Universität Wien, Tobias Dienlin. Eine YouGov-Umfrage im Auftrag der dpa ergab, dass es zwar klare Tendenzen je nach Alter gibt - ganz eindeutige, generationelle Trennlinien jedoch nicht.

Das weiß auch der VHS-Lehrer Wallnig, der seit mehr als 30 Jahren Erwachsene und davon zwölf Jahre Seniorinnen und Senioren Ü-80 bildet. Seine wissbegierigen lebenslangen Lerner, die unter anderem bei ihm in «Whatsapp und Co.»-Kursen sitzen, haben durchaus auch gelernt, sich an die Etikette beim Simsen anzupassen: «Sie lassen schon oft die Grußformel vorne und hinten aus, weil sie sich daran gewöhnt haben», sagt Wallnig.

Chatten soll zweckmäßig sein

Chatprogramme sind nach Angaben von Tobias Dienlin ursprünglich ein Jugendphänomen gewesen, die Unterhaltungen darin eher umgangssprachlich. Sie seien auf schnellen Austausch und Zweckmäßigkeit ausgelegt worden, nicht auf formale Korrektheit. «Messengerkommunikation ist fortlaufend», sagt Dienlin, «Jüngere kommunizieren oft kürzer und offener.»

Das bestätigt auch eine von der dpa in Auftrag gegebene repräsentative YouGov-Umfrage. Im Gespräch mit Gleichaltrigen begrüßen und verabschieden sich von den jüngsten Befragten (18-24) in Deutschland demnach nur 22 Prozent. Von den Befragten über 55 Jahre machen das immerhin 59 Prozent. Auch die Altersstufen dazwischen suggerieren: Je älter ein Mensch ist, desto wahrscheinlicher wird er ein Gespräch bewusst beginnen und beenden. Analog dazu ist auch der komplette Verzicht auf Begrüßungen und Verabschiedungen bei der jüngsten Gruppe mit 34 Prozent am höchsten, während es nur 15 Prozent bei der Ü-55-Gruppe sind.

Es hat etwas mit den eigenen Erfahrungen zu tun

Was bei der Generation, die mit Handys und dem Internet aufgewachsen ist, also eine Art durchgängige, digitale Verbundenheit ist, bezeichnet Dienlin bei Menschen älteren Schlags eher als «Inseln der Kommunikation». «Senioren etwa kennen die Briefform und das Telefon – da ist die Kommunikation geschlossener und länger.» Die Erwartungen an Kommunikation würden also von der ehemals gewohnten Gesprächsart ins Digitale übertragen.

Daraus ergeben sich auch andere mögliche Unterschiede in der Gesprächsführung. Unterschiede bei der Setzung von Interpunktion, von Groß- und Kleinschreibung sowie der Verwendung von Emojis sind jedoch oftmals auch im Alltag zu beobachten. «Oft ist die Wahrnehmung, dass sich Jüngere nicht mehr richtig ausdrücken können. Dass die Jugend schlechter sei als die Generation davor, gilt schon seit der Zeit von Sokrates», witzelt der Kommunikationsforscher von der Universität Wien.

Emojis sind sehr beliebt

Beispiel Emojis: Die kleinen Symbole können Gefühle oder Stimmungen in einen Text einbringen, die über Worte allein vielleicht nicht transportiert werden könnten. «Sie kamen früher in der klassischen Schriftform nicht vor – sie werden daher oft als defizitäre Kommunikation wahrgenommen», sagt Dienlin. Emojis repräsentierten aber auch eine Art Kultur - die richtige Verwendung will gelernt sein. Wer hätte gedacht, dass ein Pfirsich- oder ein Auberginen-Emoji meist in sexuellen Kontexten verwendet werden könnten?

Laut YouGov verwendet nur eine kleine Minderheit (4 Prozent) quer durch alle Altersklassen überhaupt keine Emojis. Hingegen sagen 26 Prozent aller Befragten, dass sie Emojis «fast immer» verwenden würden und 32 Prozent behaupten von sich, die Bildchen «meistens» in Textnachrichten einzuflechten. Beliebt scheinen sie also allemal zu sein. Ein Blick in die verschiedenen Altersgruppen verrät aber auch: 43 Prozent aller 25- bis 34-Jährigen setzen Emojis «fast immer» ein - wohingegen aus der Ü-55-Gruppe das nur 18 Prozent über sich sagen.

Sprache wird aufs Gegenüber angepasst

Ein paar Unterschiede scheint es also zu geben. Ebenso wahr ist laut YouGov aber auch, dass sich mehr als die Hälfte (54 Prozent) aller Befragten grundsätzlich darum bemüht, die eigene Sprache im Umgang mit Älteren beziehungsweise Jüngeren anzupassen. Meist scheint das aber eher von den Jüngeren auszugehen: So behaupten 83-Prozent der jüngsten Altersgruppe (18-24) beziehungsweise etwa drei Viertel der 25-34-Jährigen, dass sich ihre Art zu kommunizieren im Gespräch mit anderen Generationen verändert. Von der ältesten Gruppe (Ü-55) geben das hingegen nur 36 Prozent an.

Alle haben ein Ziel

Aus der Praxis weiß VHS-Lehrer Wallnig, dass seine oft über 80 Jahre alten Schülerinnen und Schüler zwischen sich und anderen Generationen in dem Bereich keine Verwerfungen sehen, «es wird vielleicht mal geschmunzelt.» Es mache ihnen aber hauptsächlich Spaß, weil sie so umfänglicher mit den Kindern und Enkelkindern in Kontakt bleiben könnten. Das betont auch der Wiener Experte Dienlin: Über allem stehe von allen Seiten das Bedürfnis nach Beziehung, das ein Messenger niedrigschwellig befriedigen könne.

Und das trifft Wallnig zufolge wohl auch auf die Jüngsten zu: «Oft ist es so, dass sich die Enkel total freuen, wenn die Oma den Messenger benutzt. Das finden sie aber solange cool, bis die Katzenvideos kommen. Es hat alles immer zwei Seiten!»

© dpa ⁄ Weronika Peneshko, dpa (Text und Foto), Jörg Carstensen (Foto)
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