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Der Kampf um den Südschnellweg: Polizei räumt Baumhäuser

Die Aktivisten sprechen von «Konflikten», Baumhäuser werden geräumt, erste Bäume gefällt - die Lage rund um den geplanten Ausbau einer Schnellstraße in Hannover spitzt sich zu. Umwelt- und Klimaschützer wollen vor allem eines verhindern.
Proteste gegen Ausbau des Südschnellwegs
Polizisten holen einen Aktivisten mithilfe eines Krans aus einem Baumhaus am Südschnellweg. © Julian Stratenschulte/dpa

Ein Großaufgebot der Polizei, schweres Gerät und wütende Demonstranten: Die Polizei macht ernst bei der Räumung der Baumhäuser von Klimaaktivisten gegen den umstrittenen Ausbau des Südschnellwegs in Hannover.

Unter anhaltenden Protesten räumte eine Hundertschaft der Polizei am Montagnachmittag zwei Baumhäuser nahe einer Dauermahnwache. Mehrere Menschen wurden per Hubsteiger und Kran herausgeholt, wie ein dpa-Reporter berichtete. Die Baumhäuser sollten abgebaut und damit der Weg für die Rodung der Bäume freigemacht werden. Sechs Aktivisten verließen zudem ein «Tümpeltown» genanntes Protestcamp freiwillig, wie eine Polizeisprecherin sagte. Das Camp sollte demnach am Montag nicht mehr geräumt werden.

Die Aktivisten protestierten mit Schildern mit Aufschriften wie «Die Straßenbaulobby sagt "Danke"» gegen das Projekt, andere Demonstranten hatten sich mit Hängematten in die Bäume gehängt. Eine Sprecherin der Aktivisten von «Leinemasch bleibt» sprach von «Konflikten». Nach ihren Worten beteiligten sich im Laufe des Tages mehrere Hundert Demonstranten an der Mahnwache.

Seit Monaten protestieren Umweltschützer und Klimaaktivisten gegen das aus ihrer Sicht überdimensionierte Straßenbauprojekt im Überschwemmungsgebiet der Leine. Sie kritisieren vor allem die geplante Verbreiterung der Schnellstraße von 14,50 auf 25,60 Meter. Der Ausbau ersticke die Verkehrswende, kritisierte die Sprecherin. Neben der Dauermahnwache entstanden in «Tümpeltown» weitere mit Barrikaden und Stacheldraht geschützte Baumhäuser.

Der Ausbau der wichtigen Schnellstraße im Süden Hannovers soll helfen, den oftmals stark stockenden Verkehr zu entzerren. Wegen einer maroden Brücke ist die Straße derzeit auf einem längeren Abschnitt nur einspurig befahrbar. Geplant ist ein neuer Tunnel, der in den kommenden Jahren diese Brücke ersetzen soll. Nach Angaben eines Sprechers der niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr handelt es sich mit einem Volumen von rund 580 Millionen Euro, angelegt auf zehn Jahre, um eines der größten Verkehrsprojekte in Niedersachsen - finanziert vom Bund. Anfang Dezember 2022 begannen die Bauarbeiten unter anderem mit Baumrodungen im Überschwemmungsgebiet der Leine.

Das niedersächsische Verkehrsministerium teilte mit, die Bauarbeiten umfassten einen etwa 3,8 Kilometer langen Streckenabschnitt des Südschnellwegs zwischen dem Landwehrkreisel und den Bahnbrücken vor dem Seelhorster Kreuz. Insgesamt gehe es um sechs Brückenbauwerke, die mittlerweile rund 70 Jahre alt seien und wegen Materialermüdung und Überlastung ersetzt werden müssten. Der Südschnellweg und seine Brücken seien «mittlerweile sinnbildlich für die in den vergangenen Jahrzehnten versäumten Investitionen in unsere Infrastruktur». Derzeit werde eine Behelfsbrücke gebaut, damit die alte Brücke abgerissen und der Tunnel gebaut werden könne.

«Alle, die mit dem Projekt befasst sind, sind sich der Sensibilität des Themas bewusst», heißt es in einer Stellungnahme des Ministeriums. Es sei aber nicht akzeptabel, dass Kolleginnen und Kollegen der Landesbehörde angefeindet und Gebäude beschmiert und beschädigt würden. Laut Ministerium sollen nach Abschluss der Arbeiten 9 der insgesamt benötigten 13 Hektar Fläche renaturiert und aufgeforstet werden.

Nach Angaben der Landesbehörde geht es aber zunächst um Vorbereitungen für die Neubauten der Leine- und der Leineflutbrücke. Der Südschnellweg wurde dafür am Sonntagabend gesperrt, die Sperrung soll voraussichtlich bis zum Freitag dauern. Autofahrer müssten mit gravierenden Einschränkungen rechnen, weil einige umliegende Straßen wegen des Hochwassers noch gesperrt seien. In dem Gebiet von 4,7 Hektar Fläche lebten etwa Amphibien, Fledermäuse, verschiedene Vogelarten und zwei Biber. Die Behörde habe die Umsiedlung der Biber beantragt.

Die Sprecherin der Bürgerinitiative «Leinemach bleibt» sagte, die Demonstranten seien per Lautsprecher aufgefordert worden, bis 12.30 Uhr von den Bäumen herunterzukommen. Begleitet von Protesten begannen am Montagmorgen auch die Baumfällarbeiten für den Ausbau der Schnellstraße. Wann «Tümpeltown» geräumt werden soll, war zunächst noch unklar. Die Polizei baute am Montagnachmittag große Scheinwerfer auf.

Schon am Sonntag hatten in Hannover mehr als 1200 Menschen gegen den Ausbau des Südschnellwegs und die geplanten Baumrodungen protestiert. Dabei kam es auch zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, weil Medienberichten zufolge mehrere Menschen den Aktivisten in den Baumhäusern Lebensmittel bringen wollten. Dabei wurden nach Angaben einer Polizeisprecherin zwei Beamte leicht verletzt. Die Polizei setzte auch Pfefferspray ein. Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi bemängelte, dass der Zugang beschränkt worden sei und die Medien nicht durchweg die Maßnahmen hätten begleiten können.

«Das Landschaftsschutzgebiet Leinemasch dem Straßenbau zu opfern, ist falsch und nicht mehr zeitgemäß», kritisierte Clara Thompson, Mobilitätsexpertin von Greenpeace.

Redaktionshinweis: Räumung von «Tümpeltown» am Montag nicht mehr geplant

© dpa ⁄ Christina Sticht, Sarah Knorr, Thomas Strünkelnberg (Text) und Julian Stratenschulte (Fotos)
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