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Wolfspopulation in Hessen nimmt zu und mit ihr die Sorgen

Der Wolf wird in Hessen zunehmend heimisch. Experten rechnen mit einer weiter wachsenden Population. Das erfreut nicht jeden.
Europäischer Wolf
Ein Wolf sitzt in seinem Gehege im Tierpark. © Boris Roessler/dpa

Die Zahl der Wölfe in Hessen wächst stetig. Im Jahr 2023 wurden nach Angaben des Hessischen Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) in Wiesbaden 26 Wolfsindividuen nachgewiesen. Von ihnen wurden Rückstände wie beispielsweise Speichelspuren an gerissenen Tieren gefunden. 2022 waren es 19 Tiere gewesen, 2021 erst 13 und in den beiden Jahren davor jeweils 8 Wölfe. 2018 gab es noch keinen einzigen Wolfsnachweis.

Sechs Wolfsterritorien gibt es laut Annika Ploenes vom Wolfszentrum des HLNUG aktuell im Land: jeweils ein Rudel in Rüdesheim und Wildflecken, ein Einzeltier in Greifenstein, Ludwigsau und Spangenberg sowie ein Paar in Butzbach. Ein Wolf gilt dann offiziell als territorial, wenn er in einem bestimmten Gebiet mindestens zweimal im Abstand von sechs Monaten genetisch erfasst wird. «Das Territorium Waldkappel, das im Vorjahr in Nordhessen nachgewiesen wurde, wurde im laufenden Monitoringjahr 23/24 noch nicht bestätigt», erläutert Ploenes.

Im aktuellen Beobachtungszeitraum von Mai 2023 bis April 2024 wurden ihr zufolge bislang neun Welpen in zwei Territorien nachgewiesen - zwei in Rüdesheim und sieben in Wildflecken. Und die Population könnte weiter wachsen. «Es ist davon auszugehen, dass unter den derzeitigen Rahmenbedingungen auch die derzeit nicht durch sesshafte Wölfe besiedelten Gebiete in Zukunft dort besiedelt werden, wo es die Lebensraumbedingungen zulassen», erklärt Ploenes. Wie schnell dieser Prozess ablaufen wird, sei nicht absehbar. «Hat ein Wolfspaar bereits Nachwuchs bekommen, ist im Regelfall davon auszugehen, dass es auch im kommenden Jahr im Mai Nachwuchs bekommen wird.»

Nach aktuellem Stand wurden der Expertin zufolge im vergangenen Jahr hessenweit 117 Nutztiere bei 45 Übergriffen von Wölfen getötet, verletzt oder danach als vermisst gemeldet. Im Vorjahr waren es 11 Übergriffe mit 26 geschädigten Tieren. Die meisten Übergriffe, nämlich 16, ereigneten sich laut Ploenes im Main-Kinzig-Kreis. In 12 von den 16 Fällen seien die Tiere zum Zeitpunkt des Übergriffs nicht ausreichend geschützt gewesen.

Naturschützer plädieren für besseren Herdenschutz

«Bei flächendeckendem Herdenschutz aller Schafe und Ziegen würde sich die Situation schnell verbessern», sagt Thomas Norgall, stellvertretender Geschäftsführer des BUND Hessen. Die Zahl der Nutztierrisse hänge nicht von der Zahl der Wölfe, sondern von der Qualität des Herdenschutzes ab. Herdenschutz habe aber ein Akzeptanzproblem, weil er neu sei und Mehrarbeit bedeute. Außerdem würden die wenigen Einzelfälle, in denen Wölfe einen Herdenschutz überwinden, dazu benutzt, Herdenschutz-Maßnahme generell als sinnlos zu diffamieren.

«Damit kommt ein problematischer Kreislauf in Gang», erklärt Norgall. Seit Jahren werde nämlich bemängelt, dass die Mehrzahl der Weidetierrisse an ungeschützten Tieren erfolge und dass die Wölfe an diesen ungeschützten Weidetieren erst auf den Geschmack kämen. «Wenn aber Wölfe an ungeschützten Weidetieren lernen, wie leicht ein Schaf im Vergleich zu einem Reh zu erbeuten ist, dann werden sie mit immer größerer Intensität versuchen, wieder ein Weidetier zu reißen.» Solche Wölfe würden irgendwann auch einen Herdenschutzzaun überspringen. «Das Problem ist gewaltig, weil Ursache und Wirkung verkannt werden», sagt Norgall.

Bauern und Jäger fordern Begrenzung der Wolfspopulation

Der Hessische Bauernverband (HBV) wirft den zuständigen Stellen vor, den Anstieg der Wolfspopulation zu verharmlosen. Nachwuchszahlen würden systematisch ausgeblendet. «Ohne Begrenzung der Wolfspopulation hat die Weidehaltung von Schafen, Ziegen, Pferden, Rindern keine Zukunft», sagt eine Sprecherin.

Die Entnahme von auffälligen Wölfen, die Nutztiere gerissen hätten, werde durch die damit einhergehenden Vorgaben so eingeschränkt, dass sie kaum machbar sei, kritisiert sie mit Blick auf ein Beispiel im Kreis Fulda. Das Regierungspräsidium Kassel hatte mit Verweis auf Nutztierschäden im Bereich der Gemeinde Ehrenberg im Oktober eine Abschussgenehmigung für zwei Wölfe in der Rhön erteilt - zum ersten Mal in Hessen. Kurze Zeit später wurde der Abschuss vom Verwaltungsgericht in Kassel gestoppt. Zwei Natur- und Umweltschutzverbände hatten gegen die Ausnahmegenehmigung geklagt.

«Ohne Bestandsmanagement in Deutschland wird ein vernünftiges Zusammenleben mit dem Wolf nicht möglich sein, da er seine Scheu verliert und in einigen Fällen - Beispiel Fulda - gelernt hat, dass Nutztiere eine leichte Beute sind», sagt die HBV-Sprecherin. Seitens der Politik passiere jedoch zu wenig. Einen Schritt in die richtige Richtung sieht der Verband im Koalitionsvertrag der neuen schwarz-roten Landesregierung. Er sieht vor, den Wolf in das hessische Jagdrecht aufzunehmen und, soweit rechtlich möglich, eine aktive Bestandsregulierung zu ermöglichen.

Auch der Hessische Jagdverband fordert das seit Langem. Er spricht sich zudem für eine jährliche Entnahmequote aus. «Nur so wird der Wolf eine natürliche Scheu vor dem Menschen behalten und nur so wird sich langfristig die Akzeptanz des Wolfes und ein Zusammenleben in der dicht besiedelten Kulturlandschaft in Hessen realisieren lassen», erklärt ein Sprecher.

Wie sich in der Praxis zeige, ließen sich Schafe und Ziegen, aber auch Pferde und Rinder nicht überall wirksam durch Zäune schützen. Der Einsatz von Herdenschutzhunden erhöhe den finanziellen und personellen Aufwand enorm. Das Wolfsmonitoring in Hessen gehöre – wie beispielsweise bereits in Niedersachsen erfolgreich praktiziert – in die Hände von ausgebildeten und staatlich geprüften Jägerinnen und Jägern. «Die Beprobung von Rissen oder das Dokumentieren und Sammeln von Wolfshinweisen könnte so flächendeckend sichergestellt werden», erklärte der Sprecher.

Analog zur Bestandsentwicklung der Wölfe würden Risse an Weide- und Wildtieren in Hessen zunehmen. «In einigen Gebieten kommt es zu häufigen Wolfssichtungen oder Rissen in der Nähe von Wohngebieten, die zur Verunsicherung der Bevölkerung führen. Diese Sorgen der Bürgerinnen und Bürger, der Haustier-, Pferde- und Weidetierhalter müssen ernst genommen werden», fordert er.

© dpa
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