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Ur-Elefanten entdeckt - Wissenschaftler: «Spektakulär»

Es waren die Kinder des Museumsleiters, die zuerst einen Knochen aus der Erde ragen sahen: Im Landkreis Erding bei München sind ungewöhnlich gut erhaltene Überreste von Ur-Elefanten entdeckt worden.
Pressekonferenz zur Entdeckung eines Urelefanten-Friedhofs
Peter Kapustin, Museumsleiter des Urzeitmuseum, erklärt die Funde eines Urelefanten-Friedhofs. © Peter Kneffel/dpa

Der Oberarm wiegt 100 Kilogramm, das Schulterblatt hat einen Durchmesser von fast einem Meter: Die Ur-Elefanten, die vor über zehn Millionen Jahren im Raum München lebten, waren riesig. Die ungewöhnlich gut erhaltenen Überreste von drei Tieren wurden im Landkreis Erding gefunden und sind Experten zufolge von der Menge der Knochen und deren Zustand her eine Sensation. Am Montag stellte Peter Kapustin, Leiter und Gründer des Urzeitmuseums in Taufkirchen an der Vils, den Fund vor.

Die Tiere, die bis zu 13 Tonnen schwer wurden und über vier Meter Schulterhöhe erreichten, gehörten der Gattung Deinotherium und der Art Deinotherium giganteum an. Charakteristisch für diese Gattung sind die nach unten gebogenen Stoßzähne des Unterkiefers. Die meisten anderen Gattungen von Ur-Elefanten hatten damals sogar vier Stoßzähne, ein Paar unten und ein Paar oben.

Kapustins neun und zehn Jahre alte Söhne hatten vor einem Jahr bei der Fossiliensuche mit dem Vater an einem Abhang an einem Fuchsbau den ersten Knochen entdeckt.

Nun liegen rund 120 Knochen vor. Darunter sind Schädel und Stoßzähne eines Jungtieres, das zu 70 Prozent erhalten ist. Das sei «spektakulär», sagt Gertrud Rößner, Oberkonservatorin für fossile Säugetiere an der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie, die in die Bewertung des Fundes eingebunden war. «Dass diese Ur-Elefanten hier lebten, wissen wir. Aber relativ vollständige Skelette sind selten.»

Immer wieder war Kapustin - gelernter Betriebswirt, Autodidakt im Fach der Paläontologie - in der Gegend unterwegs gewesen. 2004 war bei Langenpreising der Schädel eines Deinotheriums entdeckt worden. «20 Jahre lang bin ich immer wieder an die Stelle gepilgert und hab gedacht: Vielleicht kommt da noch irgendwas - leider war es immer ergebnislos.» Bis zum Fund seiner Kinder am 13. April 2023.

Danach begann eine monatelange Suche mit ehrenamtlichen Helfern, bei der auch Knochen einer Raubkatze und eines Ur-Nashorns zutage kamen. Ein Zahn des Nashorns steckt am Wirbelfortsatz eines Elefanten. Es sei nicht so, dass das Nashorn etwa den Elefanten jagte, vielmehr seien vermutlich die Knochen der Tiere - auch der Katze - in dem damaligen Flusslauf zusammen gespült worden. «Solche kleinen Säugetierfunde sprechen für eine sehr schnelle Einbettung in die Flusssedimente», erläuterte der Geologe Alexander Benn. Andernfalls wären die Knochen nicht erhalten geblieben.

Für die Deinotherien als größte Landsäugetiere Europas sei es die größte Fundstelle, die je entdeckt wurde, sagte der geologische Präparator, Nils Knötschke. Er sprach von einem Glücksfall für die Wissenschaft. Das zweite gut erhaltene Tier war bereits größer und älter, jedoch noch nicht ausgewachsen, so dass daran auch die Entwicklung der Tiere sichtbar werde. Von dem dritten Tier wurde ein riesiger Oberschenkelknochen gefunden. Nach ihren Findern, Kapustins Söhnen, erhielten die beiden besser erhaltenen Tiere die vorläufigen Namen «Little Consti» und «Big Alex».

Um den Zerfall der rissigen und fragilen Knochen zu verhindern, seien «literweise Sekundenkleber» verwendet worden, berichtet Knötschke. «Wir mussten ein bisschen trickreich die Bergung vorbereiten. Wir wollten nichts zerstören.» Danach seien sie in einem Gipsmantel geborgen worden.

Warum die Knochen der Ur-Elefanten alle an einer Stelle gefunden wurden, ist offen. Dass sie wie heutige Elefanten zum Sterben einen bestimmten Ort aufsuchten und es sich somit um einen urzeitlichen «Elefanten-Friedhof» handelte, wäre möglich, sagt die Oberkonservatorin Rößner, «aber sicher ist das nicht zu beantworten».

Aus Bayern sind relativ viele Überreste von Ur-Elefanten bekannt, davon rund fünf Teilskelette, zu denen auch die der Erdinger Funde zählen. Herausragend ist ein 1971 in der Nähe von Mühldorf am Inn entdecktes, mit knapp 200 Knochen fast vollständiges Gomphotherium, dessen Replik in der Bayerischen Staatssammlung ausgestellt ist.

Bayern war allerdings nicht speziell ein «Elefantenland». Im Gebiet des heutigen südlichen Freistaats haben sich Überreste der Ur-Elefanten aufgrund der günstigen geologischen Situation im Molassebecken nördlich der Alpen vergleichsweise gut und nah an der Oberfläche erhalten.

Vor etwa 18 bis etwa 2,5 Millionen Jahren lebten im heutigen Europa zahlreiche Ur-Elefanten. Der Artenreichtum sei weit größer gewesen als bei heutigen Elefanten. «Rüsseltiere waren bis in die Eiszeit sehr vielfältig und nahezu weltweit verbreitet», sagt Rößner.

Die Ursache für ihr Aussterben dürfte an den klimatischen und damit verbundenen ökologischen Veränderungen liegen. Bis vor 14 Millionen Jahren habe es keinen Frost gegeben, damals lebten hierzulande auch Krokodile und Riesenschildkröten. «Dann ist es sukzessive kühler und trockener geworden.» Die letzte Rüsseltiergattung hierzulande waren bis vor etwa 14.000 Jahren die Wollhaarmammuts.

© dpa ⁄ Voin Sabine Dobel, dpa
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