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Vizemeister VfB: Fabel-Saison als Stuttgarter Zeitenwende?

Die Schwaben spielten eine Saison für die Geschichtsbücher - und ließen es anschließend entsprechend krachen. Jetzt nicht direkt wieder vom Kurs abzukommen, wird die große Herausforderung für den VfB.
VfB Stuttgart - Bor. Mönchengladbach
Stuttgarts Woo-yeong Jeong (r) jubelt nach seinem Tor zum 3:0 mit der Mannschaft. © Tom Weller/dpa

Von dieser Saison, ihrem furiosen Finale und der anschließenden Party dürfte in Stuttgart noch eine ganze Weile geschwärmt werden. In nur einem Jahr vom Fast-Absteiger zum Vizemeister - der VfB hat in der Fußball-Bundesliga eine außergewöhnliche Geschichte geschrieben. Voller Rekorde, voller Emotionen. Nach vielen Rückschlägen und Turbulenzen in der jüngeren Vergangenheit spielen die Schwaben kommende Saison in der Champions League, womöglich auch noch um den Supercup. Es klingt wie ein Märchen. Und die Fans hoffen eigentlich nur eines: Dass es noch ein Weilchen so weitergeht.

«Die Mannschaft hat uns diese Saison schon öfter sprachlos gemacht. Aber jetzt mit der Vizemeisterschaft sind wir noch sprachloser», sagte Sportdirektor Fabian Wohlgemuth nach dem 4:0 zum Abschluss gegen Borussia Mönchengladbach am Samstag. Den zweiten Platz in der kommenden Spielzeit zu wiederholen, wäre keine gerechtfertigte Erwartungshaltung an den VfB. Sich weiter zu festigen und nicht direkt wieder in sportliche Not zu geraten, wird aber die Herausforderung sein, der sich die Stuttgarter zu stellen haben.

In den kommenden Wochen stehen wichtige Personalentscheidungen an. Am Montag wurde schon mal die Verpflichtung von Nick Woltemade von Werder Bremen verkündet. Doch was wird aus den Senkrechtstartern Serhou Guirassy, Deniz Undav und Chris Führich? Das gilt es zu klären. Genau wie eine mögliche Beförderung von Wohlgemuth zum Sportvorstand. Das «unbeschreibliche Fußball-Fest», das der VfB laut Trainer Sebastian Hoeneß am Wochenende gefeiert hat, soll nicht das letzte gewesen sein in Bad Cannstatt. Daher hoffe er, «dass die meisten zusammenbleiben», sagte Stürmer Undav mitten in der großen Sause.

28-Tore-Mann Guirassy ist die heißeste Aktie des VfB auf dem Transfermarkt. Wohlgemuth sieht die Stuttgarter im Poker um den Guineer «nicht chancenlos». Der Vertrag des Spielers läuft noch bis 2026, enthält aber eine Ausstiegsklausel. «Ich bearbeite ihn die ganze Zeit», sagte Undav über seinen Sturmpartner. Sollte dieser sich letztlich trotzdem für den Wechsel zu einem internationalen Topclub entscheiden, würde sich in Stuttgart aber keiner wundern.

Undav selbst, bislang vom englischen Erstligisten Brighton & Hove Albion ausgeliehen, würde gerne bleiben. «Ich glaube, die Fans mögen mich», sagte der 27-Jährige. Und er liebe die Anhänger des VfB. Der ganze Verein sei «überragend». Daher hatte er sich nach der Partie gegen Mönchengladbach auch mitten ins Getümmel gemischt.

Gemeinsam mit Guirassy, Torwart Alexander Nübel und Kapitän Waldemar Anton war Undav auf den Zaun vor der Kurve geklettert. Flügelspieler Jamie Leweling stand ein paar Meter weiter am DJ-Pult. Aus den Stadionlautsprechern ertönte schon mal die Champions-League-Hymne, Coach Hoeneß kassierte von seinen Spielern eine Sektdusche. Später wurde bis in die Nacht hinein noch in der Innenstadt weiter gefeiert. Wer die Szenen in Stuttgart verfolgt hat, kann sich eigentlich nur wünschen, dass dieses Team nicht auseinander gekauft wird.

Einer der größten Garanten für den Aufschwung des VfB war und ist der Trainer. Der Punkte-Rekord und die Vizemeisterschaft seien noch «das i-Tüpfelchen auf einem ganz wilden Ritt» gewesen, meinte Hoeneß. 73 Zähler holten die Schwaben - mehr als je zuvor in einer Bundesliga-Saison. Auch die 23 Siege, die sie bejubelten, bedeuten eine neue Bestmarke in der Clubhistorie. Dass sie sich letztlich noch am FC Bayern vorbei auf Platz zwei schoben, bedeute ihm mit Blick auf seine persönliche Verbindung zu den Münchnern - Onkel Uli leitete über viele Jahre hinweg die Geschicke des Rekordmeisters - nichts, erklärte Hoeneß.

Es sei aber einfach «ein Unterschied, ob du Vizemeister bist oder Dritter», so der Coach. «Das steht jetzt erst mal.» Das hätten Mannschaft, Fans und Stadt nach schwierigen Jahren verdient. Oder wie die Fans sagen würden: «Nach all der Scheiße geht's auf die Reise.» Königsklasse statt Abstiegskampf. Beim VfB ist womöglich eine neue Zeit angebrochen.

© dpa ⁄ Christoph Lother, dpa
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