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Selenskyj tauscht Militärführung aus - Saluschnyj muss gehen

Lange hat der ukrainische Präsident Selenskyj seinem obersten Militär Saluschnyj vertraut. Doch unter dem Druck des russischen Angriffskrieges nahm interner Streit zu, und das hat nun Konsequenzen.
Walerij Saluschnyj
Walerij Saluschnyj

Unter zunehmendem Druck nach fast zwei Jahren russischen Angriffskrieges hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj seinen obersten Militärführer Walerij Saluschnyj entlassen. Das teilte Selenskyj in seiner abendlichen Videobotschaft in Kiew mit. Zum neuen Oberbefehlshaber ernannte er Generaloberst Olexander Syrskyj, den bisherigen Kommandeur der ukrainischen Landstreitkräfte. 

Der Schritt folgte auf Wochen voller Spekulationen über das Schicksal des bei Armee und Bevölkerung beliebten Generals Saluschnyj. Das Zerwürfnis zwischen dem zivilen Präsidenten und dem obersten Militär wurde aber zumindest für den Moment des Abschieds überdeckt. Bei einem Treffen in Kiew gaben Selenskyj und Saluschnjy einander die Hand und lächelten gemeinsam in die Kamera. 

Saluschnyj könnte weiter Teil des Teams bleiben

«Ich habe ihm für zwei Jahre der Verteidigung gedankt», schrieb Selenskyj auf seinen Blogs in sozialen Netzwerken. «Wir haben darüber gesprochen, welche Erneuerung die ukrainischen Streitkräfte brauchen.» Es sei auch darum gegangen, wie die Armeeführung erneuert werden könne. Selenskyj sagte, er habe Saluschnyj angeboten, «weiter Teil des Teams zu bleiben». Er gab aber keinen Hinweis auf eine mögliche neue Aufgabe für den 50 Jahre alten Soldaten. 

Auch Verteidigungsminister Rustem Umjerow dankte dem scheidenden Oberbefehlshaber. Er schrieb aber auf Facebook, die Schlachten der Jahre 2022, 2023 und 2024 seien «unterschiedliche Realitäten». 2024 werde Veränderungen bringen. «Neue Ansätze, neue Strategien sind nötig.» Saluschnyj selbst sagte als letztes Wort vor dem Abschied: «Ich bin stolz auf jeden in den Streitkräften der Ukraine, der die Zukunft unserer Kinder verteidigt.»

Seit Juli 2021 Oberbefehlshaber

Saluschnyj war im Juli 2021 als Oberkommandierender der ukrainischen Streitkräfte eingesetzt worden. Unter seiner Führung hielten die Truppen dem russischen Einmarsch vom Februar 2022 stand. Sie eroberten im Lauf des ersten Kriegsjahres sogar besetzte Teile des Gebietes Charkiw und die Gebietshauptstadt Cherson im Süden zurück. Der General Saluschnyj war auch maßgeblich an der Planung der ukrainischen Sommeroffensive 2023 beteiligt, die aber gegen stark befestigte russische Verteidigungsanlagen kaum vorankam.

In einem aufsehenerregenden Artikel für die britische Zeitschrift «The Economist» schrieb der General davon, dass der Krieg am Boden in eine Pattsituation geraten sei. Nur große Waffenlieferungen und ein Technologiesprung könnten die Ukraine wieder in die Offensive bringen. Selenskyj widersprach seinem höchsten Militär bei dieser Einschätzung öffentlich. Auch in der Frage einer weiteren Mobilisierung von Soldaten waren die Verantwortlichen für die ukrainische Kriegsführung uneins. Nach Medienberichten hatte Selenskyj den General schon Ende Januar zum Rücktritt gedrängt; dieser lehnte demnach aber ab.

Der russische Druck wächst

In der ukrainischen Öffentlichkeit, aber auch bei westlichen Unterstützern hatte der Konflikt in der Kiewer Führung Bedenken ausgelöst angesichts des wachsenden russischen Drucks. In diese Richtung ging auch eine erste Reaktion des Kiewer Bürgermeisters Vitali Klitschko. «Ich hoffe, dass die Regierung der Öffentlichkeit diese Änderungen erläutern wird. Wenn an der Front schwere Kämpfe stattfinden, wenn wir die effektive Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern fortsetzen müssen. Wenn die Einheit der Gesellschaft vertrauenswürdige Autoritäten braucht», schrieb Klitschko auf Telegram. Ex-Präsident Petro Poroschenko nannte Saluschnyj den General, «der die Ukraine im schwierigsten Moment ihrer Geschichte gerettet hat».

Bei seinen Soldaten und in der Bevölkerung galt der bullige Soldat als äußerst beliebt. Deshalb kamen immer wieder Spekulationen auf, der Militär strebe eine eigene politische Karriere an. Er selbst dementierte dies. Saluschnyj ist in den ukrainischen Streitkräften einer der ranghohen Offiziere ohne Vorprägung durch die frühere sowjetische Armee. Er setzte deshalb auf Kommandostrukturen, die sich am Vorbild der Nato orientieren.

Neuer Oberbefehlshaber ist gebürtiger Russe

Der neue Oberbefehlshaber Syrskyj (58) hat noch die sowjetische Schulung durchlaufen, er erhielt seine Offiziersausbildung in Moskau. Der Generaloberst ist ethnischer Russe, er wurde im russischen Gebiet Wladimir geboren und lebt seit 1980 in der heutigen Ukraine. Die Liste seiner Verdienste ist ebenfalls lang. Er war ein Kommandeur bei der Verteidigung gegen die als Separatistenbewegung getarnte russische Besetzung der Ostukraine ab 2014. Seit 2019 kommandiert der verheiratete Vater eines Sohnes die Landstreitkräfte der Ukraine. 

Nach Beginn der großangelegten russischen Invasion im Februar 2022 hatte Syrskyj großen Anteil an der Verteidigung von Kiew und am Durchbrechen russischer Stellungen im Herbst 2022 im Gebiet Charkiw. Er kommandierte auch die hinhaltende Verteidigung der Stadt Bachmut bis Frühjahr 2023. Sie fügte den Russen schwere Verluste zu, war aber auch mit hohen ukrainischen Opfern erkauft.

Kritik von Experten

Zwischen Syrskyj und Präsident Selenskyj gab es Militärexperten zufolge schon länger einen direkten Draht - auch unter Umgehung von Saluschnyj. Unklar ist, welche anderen strategischen Ziele der neue Oberbefehlshaber angesichts der Lage verfolgen kann: Russland wirft immer mehr Soldaten und Material in den Krieg, der Ukraine fehlt es an Waffen und Munition, im Ausland wird lange über die nötige Unterstützung gestritten. «Saluschnyj rauszuwerfen und durch Syrskyj zu ersetzen - das ist kein neuer Ansatz. Sorry», kritisierte der bekannte ukrainische Journalist IIlja Ponomarenko. 

Redaktionshinweis: In einer früheren Version der Meldung war Saluschnyjs Ernennung zum Oberbefehlshaber mit Juni 2021 angegeben worden.Tatsächlich fand die Ernennung im Juli 2021 statt (8.2., 20.05 Uhr).

© dpa ⁄ Friedemann Kohler und Andreas Stein, dpa
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