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Doku über die Beach Boys: Nicht nur «Good Vibrations»

Mit Hits wie «Surfin' USA» oder «Fun Fun Fun» schrieben die Beach Boys Popgeschichte. Doch ihre Karriere war geprägt von privaten Dramen. Ein neuer Dokumentarfilm bei Disney+ würdigt die Kultband.
Beach Boys
Regisseur Frank Marshall (M) mit den «Beach Boys» Mike Love (l) und Bruce Johnston in den Abbey Road Studios in London. © Philip Dethlefs/dpa

Als das biografische Drama «Love & Mercy» über das Leben von Beach-Boys-Mastermind Brian Wilson 2014 in die Kinos kam, war Beach-Boys-Frontmann Mike Love wenig angetan. Disney hätte den Film machen sollen, sagte Love sarkastisch, schließlich handle es sich dabei um ein Märchen. Zehn Jahre später wirkte der 83-Jährige mit Wilson und anderen Bandmitgliedern an einem Dokumentarfilm über die Beach Boys mit. Produziert wurde er ausgerechnet von Disney.

Der schlicht «The Beach Boys» betitelte Film läuft ab 24. Mai beim Streamingdienst Disney+. Er ist als «Celebration» angekündigt und versteht sich in erster Linie als eine Würdigung der populären Kultband und ihrer Musik. Von einem Märchen kann allerdings keine Rede sein, denn negative Aspekte werden ebenfalls beleuchtet. Schließlich gab es in der langen Karriere der Beach Boys - um einen ihrer großen Hits zu nennen - nicht nur «Good Vibrations».

Geschichte einer musikalischen Familie

«Ich glaube, es sind Dinge im Leben einzelner passiert und Entscheidungen im Leben getroffen worden, die nicht so toll waren», räumt Mike Love im Interview der Deutschen Presse-Agentur in London ein. «Aber damit würde man die wahre Geschichte der Beach Boys aus den Augen verlieren: das Werk, was wir geschaffen haben, die Lieder und ihre Schönheit und die Energie einiger Songs. Ich finde, das ist die eigentliche Geschichte.»

Diese Geschichte begann im Elternhaus der Brüder Brian, Carl und Dennis Wilson im kalifornischen Hawthorne. Mit ihrem Cousin Mike und Freunden spezialisierte sich die Gruppe zunächst auf Gesangsharmonien und dann auf einen kalifornischen Sound mit Songs über das Surfen (obwohl nur Dennis surfte). Auf Singles wie «Surfin' Safari» oder «Surfin' USA» folgten immer raffiniertere Kompositionen des introvertierten Musikgenies Brian Wilson: «Good Vibrations», «Wouldn't It Be Nice» oder «God Only Knows». Die Texte dazu stammten meist aus der Feder von Love.

Alle Beach Boys kommen zu Wort

Neben Leadsänger Love, der inzwischen die Namensrechte hält, und Bruce Johnston (81), mit dem er bis heute als «The Beach Boys» Konzerte gibt, kommen in der Dokumentation Brian Wilson (81) und weitere ehemalige Bandmitglieder sowie verschiedene Weggefährten zu Wort. Die zu früh gestorbenen Brüder Dennis und Carl und sogar die Eltern sind in Archiv-Interviews zu hören. Außerdem äußern sich Musikstars wie Lindsey Buckingham von Fleetwood Mac oder Sängerin Janelle Monáe.

Im Gegensatz zu den gesanglichen Harmonien der Beach Boys wuchsen mit dem Erfolg intern die Spannungen. Murry Wilson, selbst Musiker und der Vater von Brian, Carl und Dennis, war ursprünglich ihr Förderer und Manager, wurde aufgrund seines autoritären Stils jedoch zunehmend zur Belastung. In der Doku ist eine Tonaufnahme aus dem Studio von einer Diskussion zwischen Brian und seinem betrunkenen Vater zu hören.

Konzertauftritte empfand der psychisch kranke Brian als Belastung und konzentrierte sich bald vollends auf die Studioarbeit, während die anderen ohne ihn auf Tournee gingen. Das gesellschaftliche und musikalische Klima änderte sich jedoch gegen Ende der 1960er-Jahre drastisch. Die Beach Boys waren plötzlich außer Mode. Obendrein verhökerte Murry Wilson die Songrechte ohne Rücksprache mit der Band - eine katastrophale Fehlentscheidung, wie sich später zeigte.

Streitereien und Gerichtsprozesse

«Im Leben gibt es Höhen und Tiefen», sagt Love heute. «Manchmal gibt es Streitigkeiten, die zu handfesten Auseinandersetzungen führen. Aber trotzdem sind der wesentliche Kern der Beach Boys die Harmonien und die Liebe zur Musik und zur Familie. In der Familie gibt es manchmal Meinungsverschiedenheiten.» Das ist milde ausgedrückt. Gleich mehrfach verklagte Love seinen Cousin Wilson, teilweise mit Erfolg. Doch wie ein Gewinner fühlte sich vermutlich niemand.

Zwar rauften sich alle Mitglieder zum 50. Bandjubiläum 2012 noch einmal zusammen und gingen gemeinsam auf Tournee. Doch Freundschaft bestand nicht mehr. Als es im Film um das zerrüttete Verhältnis zu seinem Cousin geht, kämpft der extrovertierte Love vor der Kamera überraschend mit den Tränen. «Das war ein sehr emotionaler Moment», erzählt Regisseur Frank Marshall im dpa-Interview. «Mike erinnerte sich daran, wie sehr er Brian und die Arbeit mit ihm geliebt hat.»

Marshall ist ein Hollywood-Schwergewicht und als Produzent der «Indiana Jones»-Reihe und unzähliger Filmklassiker bekannt. Zuletzt drehte der 77-Jährige mehrere Musikdokus, darunter der hervorragende und sehr persönliche Film «The Bee Gees: How Can You Mend A Broken Heart».

Emotionales Treffen vor der Kamera

Als Jugendlicher hatte Marshall selbst instrumentale Surf-Musik gespielt. «Ich habe mich gefragt: Warum war deren Band erfolgreich und meine nicht?», erklärt er seine Motivation für die Beach-Boys-Doku. Die Antwort auf seine Frage liefert er gleich mit. «Es lag daran, dass sie viel talentierter waren und Texte für ihre Lieder hatten.»

Dem Hollywood-Veteranen gelang es, alle lebenden Beach Boys gemeinsam vor die Kamera zu bringen - an dem Strand, wo das Cover-Foto ihres Debütalbums aufgenommen wurde. «Es war wie ein Familientreffen», schwärmt Marshall. «Sie haben gelacht, geweint, Geschichten erzählt und zusammen gesungen. Es war ein unglaublicher Moment.»

Ob sich die früheren Bandkollegen, Verwandten und Freunde durch das Treffen in Pacific Cove wieder nähergekommen sind, ist fraglich. «Ich weiß nicht», sagt Love, der die kurze Reunion aber «besonders schön» fand. Ein paar «Good Vibrations» also, aber auch ein Happy End der Beach-Boys-Story? «Ich glaube nicht, dass die Geschichte zu Ende ist», sagt Bruce Johnston, der im dpa-Interview neben dem gesprächigen Mike Love kaum zu Wort kommt. «Denn die Musik - danke Disney+ - wird einfach weitergehen.»

© dpa ⁄ Philip Dethlefs, dpa

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