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«NRW-Plan für seelische Gesundheit»: Experten sehen Defizite

Seelische Leiden werden häufig noch tabuisiert. Dabei sind Millionen betroffen. Die Hilfsangebote sind nach Meinung vieler unzureichend - vor allem, wenn sich Krisen nicht an Öffnungszeiten halten.
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Zwei Parkschilder mit der Aufschrift «Besucher» und «Psychiatrie». © Tim Vogel/dpa/Archivbild

Das Gesundheitsangebot für Patienten mit seelischen Erkrankungen ist aus Sicht der SPD-Opposition in Nordrhein-Westfalen mangelhaft. In einem Antrag an den Düsseldorfer Landtag fordern die Sozialdemokraten einen «ganzheitlichen NRW-Plan für seelische Gesundheit». Am Mittwoch hört der Gesundheitsausschuss des Landtags Sachverständige dazu an.

Handlungsbedarf sehen die Sozialdemokraten insbesondere bei Angeboten für Kinder und Jugendliche. Darüber hinaus listen sie in ihrem umfangreichen Forderungskatalog Defizite auf von der Prävention über den Umgang mit Zwang und Gewalt in der Psychiatrie bis hin zur Notfallversorgung.

Zahlreiche Fachverbände stimmen der Bestandsaufnahme in schriftlichen Stellungnahmen in wesentlichen Teilen zu. Der Landesverband Psychiatrie-Erfahrener NRW hinterfragt hingegen grundsätzlich die Definition von «seelischer Gesundheit» und warnt vor einer «Pathologisierung von psychischem Leiden».

Millionen von psychischen Leiden betroffen - nur wenige suchen Profis auf

Fast jeder zweite Mensch in Deutschland entwickele im Laufe seines Lebens eine behandlungsbedürftige, seelische Erkrankung, heißt es im Antrag der SPD. «Fast 18 Millionen Menschen leiden im Laufe eines Jahres an einer seelischen Erkrankung in Deutschland. Nur jede/r fünfte davon nimmt professionelle Hilfe in Anspruch.» Die Auswirkungen seien verheerend: «Menschen mit seelischen Erkrankungen haben eine bis zu zehn Jahre verkürzte Lebenserwartung.»

In Kooperation mit der Europäischen Union, dem Bund, den Kommunen, Krankenkassen, der Selbsthilfe und weiteren Akteuren müsse die Landesregierung eine ganzheitliche Strategie erarbeiten, fordert die SPD. In einem neuen Landespsychiatrie-Plan seien auch die sozialen und seelischen Auswirkungen multipler Krisen zu berücksichtigen - wie etwa der Krieg mitten in Europa und die Sorge um das Klima.

Psychotherapeuten empfehlen Vorsorge-Screening in Kitas und Schulen

Mehrere Sachverständige rücken die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen besonders in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen. «Jedes 4. bis 5. Kind wächst bei psychisch- oder suchtkranken Eltern auf», stellt die Freie Wohlfahrtspflege NRW in ihrer Stellungnahme fest. «Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Kinder später selbst an einer psychischen oder Suchterkrankungen leiden werden, liegt bei bis zu 50 Prozent.» Daher kämen Kindergärten und Schulen eine besondere Bedeutung zu, diese Kinder zu erreichen. Die Psychotherapeuten-Kammer NRW empfiehlt in solchen außerfamiliären Räumen «Vorsorgeuntersuchungen bei jungen Menschen durch psychotherapeutisches Fachpersonal zur Vorbeugung seelischer Erkrankungen.

142 Tage Wartezeit

Rein rechnerisch gibt es in NRW laut Techniker Krankenkasse (TK) «derzeit im Bereich der Psychotherapie keine unterversorgten Regionen». Allerdings habe die bisherige Bedarfsplanung die steigende Nachfrage und die ungleich verteilten Therapeuten-Kapazitäten noch nicht zufriedenstellend kompensieren können, räumt die TK ein. Sie schlägt einen Vermittlungsanspruch des Versicherten für einen Therapieplatz vor. Psychotherapeuten sollten dazu verpflichtet werden, «mindestens 50 Prozent ihrer frei werdenden Therapieplätze umgehend den Terminservicestellen zur Vermittlung dringlicher Patient:innen zur Verfügung zu stellen». Nach Angaben der SPD liegt die durchschnittliche Wartezeit vom Erstgespräch bis zur Psychotherapie bei 142 Tagen.

Der Goldstandard in der Psychotherapie

Zur Forderung der SPD, Telemedizin und Video-Sprechstunden zu fördern, hält die Psychotherapeuten-Kammer fest, dass der zeitliche Aufwand kaum geringer sei. Fernbehandlungen könnten zwar in geeigneten Fällen zum Einsatz kommen. Gerade die Erfahrungen in der Corona-Pandemie hätten jedoch gezeigt, dass der direkte persönliche Kontakt weiterhin der Goldstandard sei.

Krisen richten sich nicht nach Öffnungszeiten

Die Deutsche Depressionsliga fordert die Einführung einer flächendeckenden psychosozialen Notrufnummer. Auch der Verein «Aktion psychisch Kranke» unterstreicht die Bedeutung einer solchen bundesweiten Nummer für die Suizid-Prävention. Ebenso wie die Arbeitsgemeinschaft Gemeindepsychiatrie (AGpR) verweist er auf die unzureichende Notfallseelsorge vor allem in den Abendstunden und am Wochenende. Zudem sei eine aufsuchende Hilfe wegen Personalmangels nicht sichergestellt. «Krisen richten sich nicht nach Öffnungszeiten», mahnt der Verein. Außerhalb der regulären werktäglichen Öffnungszeiten seien vielerorts nur noch psychiatrische Kliniken Anlaufstellen im Notfall, stellt die AGpR fest. «Viele Menschen haben aber Vorbehalte, sich in einer solchen Situation an psychiatrische Kliniken zu wenden.»

Seelisch krank oder völlig normal

Besonders kritisch setzt sich der Landesverband Psychiatrie-Erfahrener (LPE) mit dem Thema auseinander. Der Begriff «seelische Gesundheit» werde in dem SPD-Antrag völlig unreflektiert verwendet, kritisiert der Verein in seiner Stellungnahme. «Die Aussage, die Sie treffen, ist folgende: Wenn es Menschen durch ganz konkrete bedrohliche Ereignisse schlecht geht, sind sie seelisch krank. Wir denken, dass es eine völlig normale, sinnvolle Reaktion ist, sich nach schlechten Ereignissen schlecht zu fühlen.»

Der Verein fordert mehr unabhängige, nicht psychiatrische Anlaufstellen. Darüber hinaus seien unabhängige Beschwerdemöglichkeiten auszubauen. «Viele Menschen erleben Fehlbehandlungen und/oder verschiedene Arten der Gewalt in der psychiatrischen und auch psychotherapeutischen Behandlung», argumentiert der LPE. «Dagegen vorzugehen oder gar eine Entschädigung zu bekommen ist derzeit schwierig bis unmöglich.» Nötig sei auch mehr Aufklärung über Psychopharmaka. Der Verein wendet sich außerdem gegen jede Art von Freiheitsentzug und Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie - auch zur Suizid-Prävention.

© dpa ⁄ Bettina Grönewald, dpa
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