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Kampf um den Ausbau am Flughafen: Startbahn West wird 40

Mit heftigen Protesten versuchten Aktivisten den Bau der Startbahn West zu verhindern. 40 Jahre später ist eines der umstrittensten Bauprojekte in der deutschen Geschichte zentraler Bestandteil des Frankfurter Flughafens.
Demonstration Startbahn West - Auflösung des Hüttendorfes
Ein Demonstrant steht mit freiem Oberkörper und den Tränen nahe zwischen Polizisten. © Roland Holschneider/dpa/Archivbild

Mit Ziel Paris ist der Lufthansa-Airbus «Lüneburg» am 12. April 1984 von der Startbahn West am Frankfurter Flughafen abgehoben. Rund 15.000 Demonstranten verfolgten den ersten kommerziellen Start auf der Piste von der Betonschutzmauer des Flughafengeländes - eine Eröffnungsfeier gab es nicht. Man wollte nicht provozieren, hieß es von der damaligen Betreibergesellschaft. 40 Jahre später finden rund 30 Prozent aller Flugbewegungen auf ihr statt. Damit ist sie ein zentraler Bestandteil des Flughafenbetriebs, erklärte die heutige Betreibergesellschaft Fraport.

So wichtig die Startbahn West heute ist, so umstritten war sie in ihrer Planungsphase: «Die Startbahn hat uns und die Öffentlichkeit mehr als eine Generation beschäftigt», sagte der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Frankfurter Flughafengesellschaft (FAG), Erick Becker, bei der Eröffnung.

Bereits im Dezember 1965 beantragte die Frankfurter Flughafengesellschaft den Bau einer neuen dritten Startbahn. Für den Bau der 4000 Meter langen Piste, die von Norden nach Süden verläuft, wurde viel Aufwand betrieben. Heftiger Widerstand gegen das Projekt führte zu massiven Protesten und Besetzungsaktionen rund um das Flughafengelände. Damit entwickelte sich die «18 West» zum zentralen Umweltnutzungskonflikt in Hessen - zahlreiche Klagen verzögerten den Baubeginn um fast zehn Jahre. Bis zur Eröffnung entstanden nach Fraport-Angaben Sachschäden in Höhe von mehreren Millionen Mark.

«Der Startbahn-West-Konflikt markierte einen bedeutenden Kristallisationspunkt für die Umweltbewegung in Deutschland in den frühen 80er-Jahren», sagt Nils Güttler, Wissenschafts- und Umwelthistoriker an der Universität Wien. Die Hauptmotivation der Bewegung war die Sorge um die Umwelt und der Kampf gegen die fortschreitende Zerstörung der Natur durch die moderne Zivilisation, erklärt der Historiker.

«Der Widerstand im Umland war groß und wurde oft emotional geschürt», hieß es bereits in einem Flughafen-Magazin nach der Eröffnung. Etwa 370.000 Bäume (195 Hektar) mussten für den Bau der Startbahn weichen. Hunderttausende hatten demonstriert, darunter betroffene Anwohner, enttäuschte sozialdemokratische Wähler, Anhänger des erweiterten grünen Milieus und radikale Umweltaktivisten, sagt Wissenschaftler Güttler.

Die Rodungsarbeiten auf dem Baugelände begannen 1980 - Demonstranten besetzten das Areal. Rund ein Jahr lang war ein eigens errichtetes Hüttendorf elementarer Bestandteil der Protestbewegung. «Das Hüttendorf war eine neue Form des Widerstands», erklärt Güttler. Das Dorf galt als Dreh- und Angelpunkt für die Aktivisten.

«Die Stimmung war gut», erinnert sich Dirk Treber im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Es wurde gemeinsam gesungen, gegessen und musiziert. Treber saß ab 1982 als einer der ersten Grünen im hessischen Landtag. Bereits zehn Jahre zuvor war er mit seiner Frau Wilma Frühwacht-Treber in der Bewegung gegen den Ausbau der Startbahn aktiv.

Immer wieder kam es allerdings zu Auseinandersetzungen zwischen den Besetzern und der Polizei: «Schlagstöcke, Wasserwerfer und Tränengas» - die Polizei ging teilweise gewaltvoll gegen die Dorfbewohner vor, wie der heute 72-Jährige berichtet. Trotz großer Unterstützung aus der breiten Bevölkerung wird das besetzte Waldgebiet letztlich im November 1981 geräumt und anschließend gerodet. «Die Räumung des Hüttendorfs bedeutete vorläufig das Ende der Hoffnung», sagt Güttler.

Die Proteste ebbten nicht ab: Am 7. November 1981, dem sogenannten Nacktensamstag, versammelten sich Demonstranten, um die Baustelle der Startbahn zu besetzen. Dies schlug fehl - die Polizei ließ aber 50 ausgewählte Menschen, die mit freiem Oberkörper vor dem Stacheldrahtzaun demonstrierten, mit dem damaligen hessischen Innenminister Ekkehard Gries (FDP) über einen Stopp der Rodungsarbeiten verhandeln - allerdings vergeblich.

Auch an anderen Orten der Region kam es zu Protesten gegen den Bau und die Umweltpolitik der hessischen Landesregierung. Schätzungsweise 150.000 Menschen demonstrierten am 14. November 1981 in Wiesbaden - die bislang größte Demonstration in der Geschichte der Landeshauptstadt. In Slogans gegen den damaligen Ministerpräsidenten Holger Börner (SPD) hieß es unter anderem: «Wer heute holzt, wird morgen abgesägt».

Zeitzeuge Treber war allerdings klar: «Wir wussten, dass wir den Kampf nicht gewinnen können.» Zu groß war ihm zufolge der Gegner. Trotzdem blickt der Aktivist positiv auf die Bewegung zurück. «Wir haben viele Menschen ökologisch sensibilisiert.»

Mittlerweile gelten die Aktionen rund um den Startbahn-West-Konflikt als Vorreiter der Klimabewegung. «Die aktuellen Klimaproteste haben viele Protestformen von damals übernommen, oft unbewusst, etwa durch Camps oder der Besetzung von Flächen», sagt Wissenschaftler Güttler. «Bei fast jeder Straße, die gebaut wird, werden von Anfang an Umwelt- und Ökologie-Aspekte berücksichtigt.» Auf diese Weise sollen ähnliche Proteste antizipiert werden, erklärt er.

Auch nach der Fertigstellung der Bahn gingen die immer radikaler werdenden Proteste gegen die «18 West» weiter. Steine, Molotowcocktails, Stahlkugeln - das waren die Waffen der Baugegner, heißt es in einem Jubiläumsschreiben des Betreibers Fraport in diesem Jahr. Ihren tragischen Höhepunkt erreichten sie zum Jahrestag der Räumung des Hüttendorfs Anfang November 1987: Bei einer Auseinandersetzung fallen tödliche Schüsse auf zwei Polizisten - neun weitere Beamte werden verletzt. Der Täter nutzt eine Polizeiwaffe, die zuvor bei einer Demonstration gegen die Atompolitik in Hanau entwendet worden war. Er wird gefasst und zu 15 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, sein Mittäter erhält viereinhalb Jahre Haft. Kurz nach der Tat brach die Protestbewegung gegen die Startbahn zusammen.

© dpa ⁄ Lukas Fortkord und Evelyn Denich, dpa
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