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Demonstration: Özdemir mahnt zu Kampf gegen Hunger

Kundgebungen mit Traktoren sind in Berlin gerade zu einem gewohnteren Anblick geworden. Diesmal geht es um eine Agrarwende hin zu einer schonenderen Produktion - und parallel um die Ernährung auf der Welt.
Bundesagrarminister Özdemir
Cem Özdemir gibt ein Pressestatement zu den laufenden Protesten der Landwirtinnen und Landwirte ab. © Hannes P. Albert/dpa

Für mehr Umwelt- und Tierschutz, gegen Gentechnik und unfaire Preise: Zur Agrarmesse Grüne Woche in Berlin haben Bauern und andere Organisationen für eine nachhaltigere Landwirtschaft demonstriert. Vertreter des Bündnisses «Wir haben es satt!» übergaben am Samstag eine Protestnote mit dem Titel «Ungerechtigkeit und Hunger stoppen - bäuerliche Rechte weltweit stärken» an Agrarminister Cem Özdemir. Der Grünen-Politiker warb um Unterstützung weiterer Schritte etwa zum Umbau von Ställen. Bei einer Agrarministerkonferenz berieten Vertreter aus rund 70 Ländern über den Kampf gegen den Hunger.

Özdemir sagte: «Gesicherte Ernährung ist ein Beitrag für den Frieden.» Von den acht Milliarden Menschen gehe derzeit jeder zehnte hungrig ins Bett. Die Klimakrise, Russlands Krieg gegen die Ukraine und weitere Konflikte verschärften die Lage. In der Zusammenarbeit komme es auf Wissenstransfer und die Stärkung der Eigenversorgung an. Özdemir verteidigte das internationale Engagement Deutschlands gegen Pauschalkritik, finanzielle Mittel sollten nicht in der Welt, sondern in Deutschland eingesetzt werden. «Indem wir anderen helfen, helfen wir uns selber.» Dies trage dazu bei, dass die Welt sicherer werde.

Am Rande der Konferenz auf dem Messegelände nahm Özdemir Forderungen der Demonstranten für eine Agrarwende entgegen. Sie beklagen auch ein zu zaghaftes Vorgehen der Bundesregierung etwa bei der Finanzierung und der Planungssicherheit für einen Umbau der Tierhaltung hin zu besseren Bedingungen. Özdemir warb um Unterstützung dafür, jetzt lange liegen gebliebene Themen anzugehen - auch als Konsequenz aus den Bauernprotesten gegen den Abbau von Subventionen. «Helft mir, dass wir die Sachen mehrheitsfähig kriegen», rief er. Özdemir wies darauf hin, dass eine Anschubfinanzierung für den Tierhaltungsumbau und ein staatliches Tierhaltungslogo schon beschlossen worden seien.

Zum Start der Agrardemo versammelten sich nach Polizeiangaben am Mittag mehrere Hundert Menschen vor der SPD-Parteizentrale. Rund 1000 Demonstranten mit mehreren Dutzend Traktoren zogen von dort zum Kanzleramt. Dort versammelten sich nach Veranstalterangaben schließlich rund 8000 Menschen. In Rednerbeiträgen wurde vor allem das Vorgehen von Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) kritisiert. Hupen, Trommeln und Dudelsackmusik begleitete den Protest unter dem Motto «Gutes Essen braucht Zukunft - für eine gentechnikfreie, bäuerliche und umweltverträgliche Landwirtschaft!».

Aufgerufen zu der Demonstration hatte erneut das Bündnis «Wir haben es satt!». Dessen Protestzug findet seit vielen Jahren während der Grüne Woche statt. Etwa 40 bis 50 Traktoren waren seit dem Morgen aus dem Umland herangerollt. Auf Transparenten stand: «Bäuerinnenland gehört in Bäuerinnenhand», «Essen ist politisch!» oder «Bauern vor Konzerninteressen». An einem Traktor war auf einem Laken in bunter Schrift zu lesen «Rechte Rüben Unterpflügen» - wohl in Anspielung darauf, dass zuletzt auch von rechtspopulistischer Seite zu Teilnahmen an manchen Bauernprotesten aufgerufen worden war.

Das Bündnis «Wir haben es satt!» setzt sich für eine nachhaltigere Landwirtschaft ein. Das Spektrum der Teilnehmer reiche «von Jung bis Alt», neben Bauern seien weitere Gruppen wie Imker dabei, sagte eine Sprecherin. Gefordert würden auch eine «bunte Landwirtschaft», weniger Bürokratie und Stärkung der Demokratie. Zum Trägerkreis gehören unter anderem auch die Umweltverbände Nabu, BUND, Deutsche Umwelthilfe und die Klimabewegung Fridays For Future.

Grünen-Chefin Ricarda Lang will zur Absicherung der deutschen Landwirtschaft den Handel stärker in die Pflicht nehmen. «Wir wollen, dass in Deutschland auch künftig hochwertige Lebensmittel produziert werden - und dass Bäuerinnen und Bauern gut von ihrer Arbeit leben können», sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. «Wenn große Handelsketten die Preise für Lebensmittel durch ihre Marktmacht alleine bestimmen können und landwirtschaftliche Betriebe dem gnadenlos ausgesetzt sind, ist das schlichtweg ungerecht». Lang sprach sich für feste Abnahmemengen und -preise bei Milch aus.

Der Handel wandte sich gegen Darstellungen, maßgeblichen Einfluss auf die Agrarpreise zu haben. Der Präsident des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels, Björn Fromm, erläuterte, dass mehrere Abnehmer an der Nachfrage und somit an der Preisbildung beteiligt seien. Etwa 50 Prozent der angelieferten Rohstoffe würden im Ausland vermarktet, so dass Weltmarktpreise eine große Rolle spielten. In der Regel würden Rohstoffe zur Verarbeitung an Unternehmen wie Molkereien oder Schlacht- und Zerlegebetriebe verkauft. Direkte Verträge zwischen Handel und Landwirtschaft seien eher selten. Wo es sie gebe, würden sie «unserer Erfahrung nach von der Landwirtschaft geschätzt».

© dpa
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