Wenn die Fairness auf der Strecke bleibt

Es ist schon auffällig bei dieser Fußball-WM, dass viele schon für das Achtelfinale qualifizierte Mannschaften im letzten Vorrundenspiel nur die B-Elf auflaufen lassen. Um das zu ändern, müsste der Spielmodus geändert werden. Die FIFA denkt derweil lieber darüber nach, wie sie noch mehr Geld scheffeln kann.

Der Trend ist nicht der „Friend“ des fairen Fußballs: Zuletzt spielten Frankreich und Spanien nur mit der B-Elf, nun machten es am letzten Spieltag der Vorrunde Brasilien und Portugal genauso. Einzige rühmliche Ausnahme waren die Niederlande und England, die sich auf eine normale Rotation von zwei, drei Spielern beschränkten.

Die Leidtragenden dieser Entwicklung hin zur B-Elf sind vor allem Teams, die bei der Auslosung in Topf 2 lagen. Mexiko, Dänemark und Deutschland scheiterten an einem einzigen Tor. Nun flog mit Uruguay noch ein traditionsreiches Team in der Vorrunde raus. Ein Schelm, der glaubt, dass es bei der FIFA mit rechten Dingen zugeht!

Bei früheren Turnieren war es gang und gäbe, dass die nominell stärksten Teams aus Lostopf 1 erst gegen die nominell schwächsten Gegner aus Lostopf 4 antraten und so leichter ins Turnier kamen – eine faire Lösung, denn schließlich hatten sie sich ihre Position sportlich erarbeitet. Das Spiel gegen den stärksten Gegner aus Lostopf 2 folgte in allen Gruppen immer am Schluss.

Bei dieser Fußball-WM jedoch ist das anders. So spielten Mexiko, Dänemark, Deutschland und Uruguay schon im zweiten Match gegen die Gruppenfavoriten aus Argentinien, Frankreich, Spanien und Portugal – und flogen bis auf Dänemark dank teils irrwitziger Niederlagen der Favoriten raus. Gastgeber Katar durfte dagegen als Team aus Lostopf 1 gegen Ecuador aus Lostopf 4 anfangen. So eine Ungleichbehandlung gab es zuvor noch bei keiner WM und sollte Anlass geben zum alten, einheitlichen Modus zurückzukehren.

Die FIFA denkt derweil darüber nach, wie sie bei der WM 2026 noch mehr Kasse machen kann. Das Turnier in Kanada, den USA und Mexiko wird ja bekanntlich auf 48 Teams aufgebläht, die – Stand jetzt – zunächst in Dreiergruppen gegeneinander antreten sollen. Somit wäre allerdings immer ein Team spielfrei.

Angeblich, um Schiebungen zu vermeiden, will die FIFA wohl nun doch zwölf Vierergruppen spielen lassen. Nach der Vorrunde sollen auch die besten Drittplatzierten weiterkommen, wodurch immer noch stolze 32 Mannschaften übrigblieben. Dadurch würde die Zahl der Matches gegenüber dem Turnier in Katar um sage und schreibe 104 ansteigen – ein Skandal!

Ghana – Uruguay 0:2

Wie schon im Vorwort erwähnt erwischte es im letzten Spiel der Gruppe H auch Uruguay – immerhin eine Mannschaft mit vielen großen Erfolgen in der Vergangenheit. Das nur 3,5 Millionen Einwohner starke Land wurde 1930 und 1950 Weltmeister. Nachträglich erkannte die FIFA sogar die Olympiasiege von 1924 und 1928 als Weltmeistertitel an, weil zu diesem Zeitpunkt keine WM-Turniere ausgespielt wurden. Deshalb tragen die Spieler der „Celeste“ über ihrem Wappen auch vier Sterne.

Mit Suarez, Cavani und Godin standen in Katar drei Spieler mit großer internationaler Erfahrung im Kader, für die diese WM die letzte war. Auch wenn vor allem Suarez seit seiner legendären Bissattacke bei der WM 2014 gegen den Italiener Chiellini bei vielen Fans verhasst ist, war es beschämend diesen großen Spieler auf der Auswechselbank weinen zu sehen, während er zusehen musste, wie sein Team trotz eines souveränen Sieges ausschied.

Dabei sah es zunächst eher nach einem Erfolg Ghanas aus. Die Afrikaner bekamen in der 21. Minute einen Foulelfmeter nach Videobeweis. „Uru“-Keeper Rochet hatte Kudus von den Beinen geholt, doch er machte seinen Fehler gut, indem er Ayews schwach geschossenen Strafstoß parierte.

Dann der Doppelschlag für Uruguay! De Arrascaeta stand am zweiten Pfosten nach Suarez‘ Schuss und dessen zu kurzer Abwehr durch Torhüter Zigi goldrichtig und nickte zum 1:0 für die „Celeste“ ein (26. Minute). Sechs Minuten später war der Stürmer wieder zur Stelle. Nach der erneuten Vorarbeit von Suarez sprang De Arrascaeta seitlich in den Ball, der wiederum durch Zigis Hosenträger ins Netz rutschte.

Vor allem dem deutschen Schiedsrichter Siebert dürfte dieser Nachmittag noch in Erinnerung bleiben. Eine knappe Stunde war gespielt, als er nach dem Zweikampf von Amartey gegen Darwin im ghanaischen Strafraum erneut ein Signal vom VAR bekam. Der Unparteiische überlegte lange vor dem Monitor und entschied letztlich trotz des VAR-Eingriffs nicht auf Elfmeter.

Dann wurde es richtig dramatisch! Kurz vor Schluss der regulären Spielzeit erreichte die Uruguayer die Nachricht, dass Portugal gegen Südkorea zurücklag – Entsetzen bei Fans, Spielern und Trainern, denn die „Celeste“ benötigte nun ein 3:0, um weiterzukommen. Aber auch Ghana war noch in der Verlosung, denn ein 2:2 war durchaus möglich.

Die Afrikaner taten aber kaum etwas dafür und ließen lieber Uruguay kommen, wohl in der Absicht die Südamerikaner ebenfalls ausscheiden zu lassen. Etwas Ähnliches war zu befürchten, denn in Ghana ist Uruguay und vor allem dessen Star Suarez seit dem WM-Viertelfinale von 2010 total verhasst.

Was war geschehen? In der letzten Minute der Verlängerung verhinderte der Angreifer den 2:1-Siegtreffer Ghanas mit einem Handspiel, sah die rote Karte und freute sich auf dem Weg in die Katakomben über den Fehlschuss von Asamoah Gyan – wohl niemand kam in Ghana auf die Idee, dass die Mannschaft damals wie auch heute am eigenen Unvermögen gescheitert war. Stattdessen wurde Suarez in afrikanischen Medien als „Teufel“ verunglimpft.

Während Ghana 2010 noch einen berechtigten Elfmeter bekam, wurde dieser Uruguay 2022 verwehrt. Der eingewechselte Cavani wurde in der Nachspielzeit nämlich eindeutig im Sechzehner von Seidu gefällt, doch Schiri Siebert ließ weiterlaufen und ein Signal des VAR blieb aus. Noch nach dem Abpfiff beschwerten sich mehrere Uruguayer vehement über diese Entscheidung und sahen gelbe Karten.

Fazit: Ghana hat seine Rachegelüste von 2010 gestillt, aber nicht unbedingt Sympathiepunkte gesammelt. Die im Vorfeld von Trainer Addo geäußerte Meinung, Afrika habe deutlich mehr WM-Spielplätze verdient, konnten die „Black Stars“ überhaupt nicht untermauern. Uruguay dagegen fehlt tragischerweise ein einziges Tor zum Weiterkommen. Zudem müssen die „Gauchos“ in den nächsten Jahren ohne altbekannte Stützen auskommen.

Südkorea – Portugal 2:1

Statt den „Urus“ stehen nun die Südkoreaner im Achtelfinale der WM 2022, weil sie gegen eine B-Elf Portugals gewannen. Der schon für das Achtelfinale qualifizierte Europameister von 2016 hatte das Team auf sechs Positionen verändert. Für Nuno Mendes, Ruben Dias, Bernardo Silva, William Carvalho, Bruno Fernandes und Joao Felix starteten Antonio Silva, Diogo Dalot, Vitinha, Matheus Nunes, Joao Mario und Ricardo Horta.

Die Koreaner begannen sichtlich nervös und waren in der Abwehr unsortiert. Portugal hebelte die gegnerische Defensive ohne Probleme aus. Diogo Dalot legte ab und Ricardo Horta sorgte in der 5. Minute für das frühe 1:0. Danach machten es sich die Portugiesen gemütlich und waren bedacht ihre Kräfte für das Achtelfinale zu schonen.

Fast schon zwangsläufig kam nun Südkorea auf und erzielte nach einem Standard den Ausgleich: Young-Kwon Kim schob ein, weil die Abwehr Portugals eine Ecke nicht geklärt bekam und Cristiano Ronaldo unglücklich auf den Torschützen verlängerte (27. Minute).

Nun wurde Portugal wieder etwas aktiver, aber Ronaldo (30. Minute) und Vitinha (42. Minute) verpassten. Von Südkorea kam dagegen lange Zeit nicht genug, um ein Weiterkommen zu rechtfertigen. Erst in der Nachspielzeit schlugen die „Tageuk Warriors“ aus dem Nichts zu.

Tottenham-Star Son steckte beim Konter auf den ehemaligen HSV- und Leipzig-Spieler Hee-Chan Hwang durch. Dieser blieb zehn Minuten nach seiner Einwechslung eiskalt und sorgte mit seinem Tor bei den koreanischen Fans für Ekstase.

Fazit: Portugal hat sich mit einer uninspirierten Vorstellung bis auf alle Knochen blamiert, wird im Achtelfinale aber sicherlich wieder mit der A-Elf antreten. Südkorea wird in der Runde der letzten 16 mit dieser Leistung sicherlich kein Land sehen.

Serbien – Schweiz 2:3

Wie es gehen kann, wenn beide Teams realistische Chancen auf das Achtelfinale haben, zeigten am Abend indes Serbien und die Schweiz. In einem fulminanten Schlagabtausch behielten die Eidgenossen die Oberhand. Leider wurde das Spiel wieder einmal durch zahlreiche Provokationen unterbrochen.

Der Hass hat tiefe Wurzeln. Bei den Schweizern spielten mit Alt-Star Shaqiri und Kapitän Xhaka gleich zwei Kicker mit kosovoalbanischem Hintergrund. Serbien erhebt auf das Kosovo aber immer noch Ansprüche, obwohl die Serben 1998 nach dem versuchten Völkermord an den Albanern durch die NATO zum Rückzug gezwungen wurden und das Kosovo seitdem von den meisten Staaten als eigenständiger Staat anerkannt wurde.

Immer, wenn die Schweiz und Serbien in den letzten Jahren aufeinandertrafen, brachte man zudem den Gegner durch Provokationen zum Ausrasten. So ließ z.B. Shaqiri bei der WM 2018 nach seinem Tor gegen Serbien symbolisch den albanischen Doppeladler hochsteigen. Die Serben ließen sich bei der WM 20222 nicht lumpen und hissten nach ihrem Spiel gegen Brasilien in ihrer Kabine eine Fahne, die die Umrisse des Kosovo in serbischen Farben zeigt.

Alles sehr schade, denn das Vorrundenspiel zwischen Serbien und der Schweiz war ein sportliches Highlight der WM 2022. Zunächst gingen die Eidgenossen durch den früheren Bayern-Star Shaqiri in der 20. Minute in Führung, der sich diesmal allerdings die Adler-Geste verkniff. Mitrovic (26. Minute) und Vlahovic (35. Minute) drehten die Partie.

Kurz vor der Pause stellte der frühere Gladbacher und Schalker Embolo die Anzeigetafel auf 2:2. In der 48. Minute legte Freuler noch einen drauf und besorgte den 3:2-Endstand für die Schweizer, die sich damit am Ende sicher für das Achtelfinale qualifizierten.

Den neutralen Fans werden allerdings die Szenen in der Nachspielzeit in Erinnerung bleiben. Von der serbischen Bank kamen wohl provozierende Worte in Richtung Xhaka. Der Schweizer Kapitän mit albanischen Wurzeln packte sich als Antwort ans Gemächt und schon bildete sich ein wildes Rudel auf dem Platz. Es bleibt also abzuwarten, ob die FIFA nach Auswertung der TV-Bilder nicht noch nachträglich den einen oder anderen Spieler sperrt.

Fazit: Trotz der negativen Schwingungen war es ein tolles Fußballspiel. Die serbischen Kicker waren nicht unbedingt schlechter, aber die Schweizer am Ende effizienter. Die wackeren Eidgenossen haben im Achtelfinale gegen Favorit Portugal einige Chancen.

Kamerun – Brasilien 1:0

Es freut einen für die Schweizer Nachbarn, dass sie ihren Sieg selbst erkämpfen konnten, denn mit brasilianischer Schützenhilfe hatten sie nicht rechnen können. Der bereits qualifizierte große Turnierfavorit beließ nur Eder Militao und Fred in der Startelf und kassierte so die erste Niederlage gegen ein afrikanisches Team bei einer WM.

Der Unterschied zu Teams wie Frankreich ist jedoch, dass die „Selecao“ wirklich 26 hochklassige Kicker in ihren Reihen hat. So bestimmte sie den ersten Durchgang ohne wirklich zwingend zu sein.

Martinelli zwang Kameruns Keeper Epassy in der 14. Minute zu einer Glanzparade und scheiterte kurz vor der Pause erneut an ihm. Kurz darauf traf Rodrygo nur das Außennetz. Kamerun verzeichnete nur einen wuchtigen Kopfball durch Mbeumo, den der neue brasilianische Torhüter Ederson nur mit Mühe parieren konnte.

Die zweite Halbzeit begann mit einer Chance Aboubakars (51. Minute), ehe Kameruns Keeper Epassy gegen Gabriel Jesus (53. Minute), den eingewechselten Everton Ribeiro (56. Minute) und Eder Militao (57. Minute) auf dem Posten war.

Die feldüberlegenen Brasilianer hatten durch Bruno Guimareas in der 84. Minute noch die große Chance zur Führung, doch in der Nachspielzeit schlug Kamerun zu. Kurios: Matchwinner Aboubakar zog nach seinem Kopfball das Trikot aus und kassierte daraufhin die gelb-rote Karte, da er schon eine Verwarnung erhalten hatte.

Fazit: Kamerun darf mit erhobenem Haupt nach Hause fahren. Brasilien wird im Achtelfinale wieder die Rotationsmaschine anwerfen und Südkorea mit hoher Wahrscheinlichkeit vom Platz fegen.

© Tom Meyer
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