Der schlechteste WM-Gastgeber aller Zeiten

Katar ist nicht nur im Sinne der Menschenrechte, sondern nun auch im sportlichen Sinne der schlechteste WM-Gastgeber aller Zeiten. Mit den Niederlanden, Senegal, England und den USA stehen indes die ersten vier Achtelfinal-Teilnehmer fest.

Bislang galt Südafrika, wo die WM 2010 stattfand, als schlechtester Gastgeber aller Zeiten – aber nur im sportlichen Sinne, denn das Land am Kap der Guten Hoffnung muss zwar mit Armut, Korruption und ja, immer auch noch mit Rassenhass leben, aber es ist eine Demokratie. Allenfalls das nervtötenden Getröte der Vuvuzelas mag einem da negativ in Erinnerung bleiben.

Katar aber hat wirklich alles dafür getan, um zumindest die europäische Fußballwelt gegen sich aufzubringen: Verbot von Alkohol an den Stadien trotz vorheriger Zusage, miserable Lebensbedingungen für Fremdarbeiter trotz vorheriger Zusage auf Verbesserung, Behinderung der Presse und dann noch das Theater um die „One Love“-Binde – all das wird im Gedächtnis bleiben. Die sportliche Leistung der Katarer dagegen weniger…

Niederlande – Katar 2:0

Bis zum Anpfiff waren die katarischen Fans, die im Al-Bayt-Stadion logischerweise die große Mehrheit der stellten, noch gut gelaunt. Man wollte sich mit Würde von dieser WM verabschieden. Viele waren in traditioneller weißer Tracht gekommen, während die Fans der Niederländer meist in Orange gekleidet waren.

Natürlich war da auch wieder die ganz in Weinrot gekleidete Jubeltruppe, die wie in den beiden Partien Katars zuvor zum Anpfiff ihre Arbeit aufnahm und die anderen Weinroten, nämlich die katarische Nationalmannschaft, auch „Al-Annabi“ genannt, anfeuerten. Lustiges Detail: Offenbar waren die Herren nicht so ganz textsicher, was die katarische Nationalhymne anging. Deshalb bekamen sie vor dem abschließenden Spiel gegen die Niederlande noch mal Unterricht. Ursprünglich sollen die bezahlten Ultras aus dem Libanon verpflichtet worden sein.

Auf dem Rasen tat sich erwartungsgemäß nicht viel, denn Katar war schon ausgeschieden und so harmlos, dass die Niederlande das Spiel ohne Probleme kontrollieren konnten. Dann war der in diesem Turnier überragende Jung-Stürmer Gakpo, der in der 26. Minute per platziertem Flachschuss ins linke untere Eck das 1:0 für den Favoriten machte.

Nach der Pause fiel das 2:0 schon in der 49. Minute. Erst konnte die katarische Hintermannschaft einen Schuss von Depay noch abwehren, doch de Jong staubte aus kurzer Distanz humorlos ab. Berghuis erzielte später zwar noch ein drittes Tor (68. Minuter), aber weil Gakpo den Ball kurz zuvor mit dem Oberarm gespielt hatte, wurde diesem zu Recht die Anerkennung verweigert.

Wo waren eigentlich die Gastgeber? Sie hatten in jeder Halbzeit nur jeweils eine Halbchance – sonst kam da nichts. Und so beendete Katar das Turnier im eigenen Land mit null Punkten und einem einzigen Tor auf der Habenseite, das gegen den Senegal fiel – eine durch und durch armselige Leistung.

Fazit: Die Niederlande profitieren von einer leichten Gruppe und qualifizieren sich für die Runde der letzten 16 ohne wirklich zu glänzen. Im Achtelfinale wartet aber ein deutlich stärkerer Gegner, gegen den sich die uninspiriert kickende Truppe von Trainer van Gaal steigern muss.

Ecuador – Senegal 1:2

Parallel zur peinlichen Vorstellung der Katarer gegen die Niederlande trafen Ecuador und der Senegal aufeinander – allein schon auf den Rängen war das im Vergleich zu den bräsigen Scheichs im Al-Bayt-Stadion ein farbenfroher Genuss. Die Senegalesen boten mal wieder ihre Trommlertruppe mit weiß bemalten Oberkörpern nebst Sang- und Tanztruppe auf. Die Ecuadorianer zeigten sich mitunter im traditionellen Kondor-Kostüm und ließen ihre Sprechchöre erschallen.

Angetrieben von so viel positiver Energie ließen sich die beiden Teams auch nicht lange bitten. Ecuador stand zwar meist in der Defensive, aber ein Punkt reichte ja zum Weiterkommen. Der Senegal musste indes gewinnen und das sah man auf dem Platz.

Die Afrikaner, die auch in diesem dritten Vorrundenspiel ohne ihren verletzten Super-Star Mané auskommen mussten, hatten im ersten Durchgang gute Chancen durch Dia (8. Minute) und Sarr (24. Minute). Dann ging kurz vor dem Pausenpfiff der bei Bayer Leverkusen unter Vertrag stehende Hincapie im Strafraum viel zu ungestüm gegen Cissé ans Werk. Den fälligen Elfmeter verwandelte Saar für den Senegal ganz cool zum 0:1 (44. Minute).

Nach der Pause musste Ecuador mit Top-Torjäger Valencia also kommen und die Südamerikaner kamen tatsächlich immer mehr auf. Ein Standard brachte in der 68. Minute den nicht unverdienten Ausgleich durch Caicedo nach Torres‘ Kopfballverlängerung. Er unterbrach damit die Serie seines Mannschaftskameraden Valencia, der die vorherigen sechs WM-Treffer für Ecuador erzielt hatte.

Die ecuadorianischen Fans waren nun völlig aus dem Häuschen und einige dürften 152 Sekunden später gar nicht mitbekommen haben, dass ihre Mannschaft wieder hinten lag. Valencia verteidigte bei einem Freistoß im eigenen Strafraum schlecht und spielte den Ball unfreiwillig zu Koulibaly, der per Volley-Schuss einnetzte (70. Minute). Ecuador rannte zwar ein ums andere Mal an, war aber am Ende erfolglos.

Fazit: Die sympathischen Fans aus Ecuador müssen leider nach Hause fahren. Der Senegal qualifiziert sich nach 20 Jahren erstmals wieder für ein Achtelfinale. Mit Trainer Aliou Cissé schafft dies allerdings zum ersten Mal ein Trainer aus dem eigenen Land.

Iran – USA 0:1

Richtig vergiftet war die Atmosphäre vor dem entscheidenden Spiel um den zweiten Platz in der Gruppe B. Der Iran und die USA unterhalten seit dem Sturz des Schahs 1979 und der anschließenden Festsetzung amerikanischer Botschaftsangehöriger im Iran keine diplomatischen Beziehungen.

Aktuell kommen die massiven Proteste gegen das Mullah-Regime in dem nahöstlichen Land dazu. Kein Wunder also, dass das bedrohte Regime versuchte die Pressekonferenz des US-Teams vor dem Spiel für seine Zwecke zu nutzen.

Kapitän Adams wurde gezielt nach Rassismus in den USA gefragt. Trainer Berhalter wurde gefragt, was er davon halte, dass die Social-Media-Abteilung des US-Teams eine Tabelle mit einer iranischen Flagge ohne das Symbol der „Islamischen Republik“ gepostet hatte. Die US-Sportler ließen die „Journalisten“ im Dienste des Mullah-Regimes aber gekonnt abblitzen und antworteten nur auf Fragen, die etwas mit Sport zu tun hatten.

Rund um das Stadion machte sich eine aggressive Atmosphäre breit, denn Teheran hatte 5.000 regimetreue „Fans“ nach Katar entsandt, um den dort schon anwesenden Exil-Iranern die Bühne streitig zu machen. Die im Ausland lebenden Iraner sind nämlich wichtig, weil sie den Protest bei der WM vor den Kameras der Welt unterstützen und Aufmerksamkeit schaffen.

Im Stadion allerdings war die Atmosphäre friedlich – und beide Teams versuchten durch vorbildliches Verhalten Druck vom Kessel zu nehmen. Fußballerisch übernahm die junge US-Mannschaft das Kommando, die sich in der ersten Halbzeit 8:0 Torchancen erarbeitete, ein ums andere Mal aber an ihrer Unerfahrenheit scheiterte.

Schließlich belohnten sich die US-Boys dann doch für ihre deutliche Überlegenheit. Der Ex-Schalker McKennie bediente Milans Außenverteidiger Dest mit einem hohen Ball hinter die Abwehrkette des Irans, Dest legte per Kopf auf Pulisic quer und der Ex-Dortmunder schob zur Führung ein (38. Minute).

Allerdings verletzte sich Pulisic bei dieser Szene und musste zur Pause ausgewechselt werden. Kurz zuvor erzielte Weah das vermeintliche 2:0, stand aber im Abseits.

Der Iran rannte in der zweiten Halbzeit an – allerdings eher in einer wilden Angriffswolke als mit Struktur. In der Nachspielzeit hatte das Team noch die beste Gelegenheit zum Ausgleich. In der 92. Minute brachte Rezaeian einen Freistoß in die Mitte, doch Pouraliganjis Flugkopfball ging knapp am Tor vorbei. So siegten die USA letztlich verdient mit 1:0.

Fazit: Die USA treffen im Achtelfinale auf die favorisierten Niederländer, haben gegen den Europameister von 1988 aber aufgrund ihrer Schnelligkeit und Physis durchaus Chancen. Für die Iraner geht es nach Hause – und damit für so manchen in eine ungewisse Zukunft.

Wales – England 0:3

Im Parallelspiel waren die Rollen klar verteilt. Schon 1879 trafen Wales und England in einem Länderspiel aufeinander – und seitdem hatten die Waliser immer den Part des Underdogs für sich. In 62 Matches siegte England, in nur 13 Wales. 16 Partien endeten unentschieden.

Da Wales nur noch sehr geringe Chancen auf ein Weiterkommen hatte, war diesmal aber die Luft aus dem sonst so brisanten Match schon vorher raus. Die britische Presse beschäftigte sich lieber mit dem Senegal, dem nächsten Gegner der Engländer im Achtelfinale, und natürlich mit Gareth Bale. Würde der Super-Star bei dieser WM seinen letzten Auftritt im Trikot der „Dragons“ haben?

Zumindest war es ein sehr kurzer Auftritt Bales. Er war angeschlagen aus dem Spiel gegen den Iran gekommen und blieb zur Halbzeit in der Kabine. Dabei war es bis dahin äußerst gemütlich zugegangen. Auf Seiten der „Three Lions“ sorgten nur Foden per Drehschuss (38. Minute) und Maguire per Kopf (45. Minute) für etwas Gefahr. Die Waliser hatten gar keine Torchance.

Dann kam nach der Pause der Doppelschlag. Erst schlug Rashfords sehenswerter Freistoß zur Führung ein (50. Minute). Dann bediente der Torschütze des 0:1 Foden. Der ließ sich nicht lang bitten und markierte den zweiten Treffer für England (51. Minute).

Nun wollten die „Dragons“ den Anschlusstreffer erzielen, doch ein langer Pass von Philipps genügte, um die walisische Abwehr auszuhebeln. Wieder war Rashford zur Stelle und erzielte seinen dritten Turniertreffer nach feinem Solo (68. Minute). Danach verwalteten die „Three Lions“ nur noch das Ergebnis.

Fazit: Die sympathischen Waliser, die im Spiel gegen den Iran vom VAR massiv benachteiligt wurden, fahren mit nur einem Punkt nach Hause. England steht souverän im Achtelfinale und ist dort Favorit gegen Afrikameister Senegal.

© Tom Meyer
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