Politik contra Fußball

Acht europäische Fußballverbände hatten lange vor der Fußball-WM angekündigt, mit der sogenannten "One Love"-Kapitänsbinde auflaufen zu wollen. Von der FIFA kam darauf lange keine Reaktion, doch nun schlug das Imperium zurück.

Gianni Infantino, seines Zeichens Präsident des Weltfußballverbands FIFA und seit kurzem auch Einwohner Katars, ließ die Europäer wissen, dass die FIFA bei einer WM bestimme, wie eine Binde auszusehen habe. So weit, so gut! So steht es tatsächlich in Artikel 13.8.1 der Ausrüstungsregeln.

Man fragt sich, was die FIFA gegen eine Kapitänsbinde hat, die allgemein für Liebe, Respekt, Toleranz und Menschenrechte eintritt. Im Zweifel geht für den wohl korruptesten Sportverband des Planeten neben dem IOC aber immer das Geld vor. Gastgeber Katar fühlte sich wegen der offensichtlichen Anspielung auf die miese Menschenrechtslage in dem Land auf den Schlips getreten und setzte Infantino unter Druck.

Die Europäer und damit auch der Deutsche Fußball Bund hatten sich auf Geldstrafen seitens der FIFA schon eingestellt, doch Infantino ließ sich einen besonders perfiden Winkelzug einfallen. Die Kapitäne, die mit einer „One Love“-Binde aufliefen, sollten vom Schiedsrichter mit einer Gelben Karte bedacht werden. Wenn also Manuel Neuer gegen Japan und Spanien mit dieser Binde aufgelaufen wäre, wäre er gegen Costa Rica gesperrt gewesen. Auch ein Platzverweis z.B. wegen Zeitspiels wäre möglich gewesen. Also knickten DFB & Co ein.

England – Iran 6:2

Besonders genervt von der Dreistigkeit des FIFA-Präsidenten waren die Engländer, schließlich mussten die „Three Lions“ wenige Stunden nach der Maßregelung durch den Weltverband gegen den Iran antreten. Als wenn es diese zusätzliche Politisierung noch gebraucht hätte! Die iranischen Nationalspieler standen ja schon unter Beobachtung des Mullah-Regimes in Teheran, denn die meisten Kicker hatten sich mit den Protesten insbesondere iranischer Frauen gegen die Terrorherrschaft in der „Islamischen Republik“ solidarisiert.

So war der bewegendste Moment wohl der vor dem Spiel, als die iranische Nationalhymne intoniert wurde. Kein einziger Spieler sang mit – aus Protest gegen die Verhaftung, Verletzung und Ermordung von Demonstranten in der Heimat. Nur ein paar regimetreue „Jubelperser“ sangen mit. Die viele iranischen Frauen mit offenem Haar im Publikum zeigten das V-Zeichen für „victory“ („Sieg“). Das iranische Staatsfernsehen hatte allerhand Arbeit beim Zensieren dieser Bilder.

So hatten also eigentlich beide Teams anderes im Kopf als Fußball, doch die Engländer konnten besser damit umgehen. Zusätzlich aus der Fassung gebracht wurde im defensiven 4-5-1 angetretenen Iraner von der schweren Kopfverletzung ihres Stammtorhüters Beiranvend, wegen dessen Behandlung und anschließender Auswechslung in der ersten Halbzeit rekordverdächtige 14 Minuten nachgespielt wurden.

Die Engländer hielten sich während der Unterbrechung mit zwei Bällen warm und legten dann los wie die Feuerwehr. Borussia Dortmunds Profi Bellingham (35. Minute), Kopfballungeheuer Maguire (43. Minute) und der ultraschnelle Sterling (45. Minute) entschieden die Partie eigentlich schon vor der Pause.

Nach Wiederanpfiff ließen es die Mannen aus dem Mutterland des Fußballs etwas gemütlicher angehen. Trotzdem legte Saka in der 62. Minute zum 4:0 nach. Die Iraner schöpften nach Taremis Anschlusstreffer in der 65. Minute kurz Hoffnung, doch die eingewechselten Joker Rashford (71. Minute) und Grealish (77. Minuten) machten endgültig den Sack zu. Taremi durfte aber immerhin in der Nachspielzeit noch einen Foulelfmeter nach Videobeweis zum 6:2-Endstand vollstrecken.

Fazit: Der Iran kassiert die höchste Niederlage in seiner WM-Geschichte, doch angesichts der politischen Situation in ihrer Heimat kann man den Spielern keinen Vorwurf machen. England indes zeigt, dass es tatsächlich das Zeug zum Titel hat. In dieser Form sind die „Three Lions“ klarer Favorit auf den Sieg in der Gruppe B.

Senegal – Niederlande 0:2

Auch die Niederländer hatten zu den europäischen Teams gehört, die mit der „One Love“-Binde ihre Position für Menschenrechte hatten klarmachen wollen, doch daraus wurde bekanntlich nichts. Auch Regenbogenfahnen, die bei den Fans von „Oranje“ noch bei der letzten EM als Statement gewedelt wurden, fanden aufgrund der strengen Kontrollen durch die katarischen Security nicht den Weg ins Stadion.

Dafür machte schon kurz nach Spielbeginn ein lustiges Foto die Runde in den sozialen Medien. Einige für ihre Trinkfestigkeit bekannten Niederländer hatten ihre Biervorräte in Dosen mitgebracht und diese in einem Cola-Tarn-Sleeve transportiert. Zwar kam man damit nicht ins Stadion, aber so ein Sleeve ist ja auch praktisch fürs Kühlen und erfüllt somit seinen Zweck zumindest eine halbe Stunde vor dem Kick.

Die Fans der Senegalesen konzentrierten sich ihrerseits aufs stetige Trommeln und sorgten somit 90 Minuten lang für den Sound dieses Spiels. Sie bildeten ein rot-gelb-grünes Knäuel auf der einen Seite des Al-Thumama-Stadions bei Doha, auf der anderen Seite leuchtete es in Orange. Dazwischen taten sich viele, viele Lücken auf.

Wie erwartet neutralisierten sich beide Teams in der ersten Hälfte weitgehend. Die Mannschaft des Senegal machte auch ohne Bayern-Star Mané, immerhin Afrikas Fußballer des Jahres, den besseren Eindruck, weil sie meist schnell nach vorn spielte. Die Niederlande wirkten vor allem im Abwehrzentrum mit van Dijk von Liverpool FC und de Ligt von Bayern München seltsam hüftsteif.

Am Ende entschieden die beiden Torhüter das Spiel. „Oranje“-Torwart Noppert feierte unter Trainer-Urgestein van Gaal sein WM-Debüt und hielt seinen Kasten sauber. Dreimal war der 2.03 Meter lange Keeper rechtzeitig unten, als Dia, Gueye und Sarr abzogen – keine Spur von Nervosität!

Ganz anders dagegen sein Gegenüber Mendy. Der frühere Welttorhüter irrte bei einer langen Flanke von Mittelfeldstratege de Jong durch seinen Strafraum und unterlief den Ball. Gakpo bedankte sich und netzte per Kopf zum 0:1 ein (84. Minute). Nun warf der Senegal alles nach vorn, doch in der Nachspielzeit kassierte der Afrikameister das zweite Tor. Mendy ließ einen harmlosen Schuss von Depay in die Mitte abklatschen und der frühere Bremer Klaassen schob ganz gemütlich ein.

Besonders viel Spaß am Spiel hatte übrigens anscheinend der brasilianische Schiedsrichter Pereira Sampaio. In der ersten Halbzeit ließ er sieben und in der zweiten gleich fast zehn Minuten nachspielen – zwar nicht ganz so viel wie die 24 Minuten Nachspielzeit bei England-Iran, aber auch immer noch viel zu lang!

Fazit: Die Niederlande gewinnen ihr Spiel gegen den Afrikameister nur aufgrund ihrer höheren Effizienz, werden aber mit Ecuador und vor allem Gastgeber Katar wenig Mühe haben. Der Senegal hat auch ohne Bayern-Star Mané eine Truppe, die sicher ins Achtelfinale einziehen wird.

USA-Wales 1:1

Wie die Niederlande und England hatte auch Wales vorgehabt, sein Team um Super-Star Gareth Bale mit der „One Live“-Binde auflaufen zu lassen, aber wer will es den Walisern verdenken, dass für sie das Sportliche an diesem Tag klar wichtiger war? Schließlich waren die „Dragons“ nach 64 Jahren endlich überhaupt mal wieder bei einer Fußball-WM dabei. Entsprechend zahlreich und stimmgewaltig war denn auch der Anhang von der Insel.

Für die USA auf der anderen Seite ging es darum, eine passable WM vor allem in Hinblick auf das Jahr 2026 zu spielen. Dann nämlich richten die Vereinigten Staaten zusammen mit Kanada und Mexiko die nächste Fußball-WM aus. Entsprechend strotzt das US-Team nur so von jungen Talenten rund um den Ex-Dortmunder Pulisic.

Der war es auch, der die im Schnitt 25,3 Jahre junge Mannschaft im 4-4-2-System in die Offensive führte und Wales fast die komplette erste Halbzeit in der eigenen Hälfte einschnürte. Die Mannen von der Insel fanden kein Mittel gegen das aggressive Pressing der US-Boys. In der 36. Minute klingelte es dann folgerichtig im Kasten der Waliser, als Weah einen feinen Steckpass von Pulisic nutzte.

Nach dem Pausentee wirkten die Amerikaner merkwürdig passiv – und bekannterweise ist es nie eine gute Idee, ein Spiel so früh nach Hause schaukeln zu wollen. Wales wurde immer stärker und fand über den Kampf ins Spiel. Mit der 1,96-Meter-Kante Moore war nun auch endlich ein kopfballstarker Stürmer im Spiel. Er hatte nach einem Davies-Kopfball, den Arsenal-Keeper Turner parieren konnte, in der 66. Minute die beste Chance, doch der Ball strich über das Tor.

Wales-Star Bale war indes kaum zu sehen, weil er sich mannschaftsdienlich in Scharmützeln im Mittelfeld aufrieb, doch sein großer Auftritt sollte noch kommen. Die Geschwindigkeitsnachteile des US-Verteidigers Zimmerman äußerten sich in einem klaren Foul am früheren Real-Star im Strafraum. Bale ließ sich nicht lange bitten und verwandelte den Elfer vor den eigenen Fans zwar nicht platziert, aber knallhart zum 1:1 (82. Minute).

Das war die Gelegenheit für einen kleinen blonden Fan im walisischen Block, ausführlich die Faust zu ballen und zu jubeln. Da war es doch, das eigentliche Gesicht des Fußballs, den wir alle lieben, in Form eines Jungen mit glänzenden Augen, der im Spielverlauf gleich mehrmals von Kameras eingefangen wurde!

Fazit: Die USA und Wales konkurrieren nach dem Unentschieden weiter um Platz in der Gruppe B. Die Amerikaner hinterließen spielerisch den besseren Eindruck, aber wenn Wales über den Kampf kommen, ist für die „Dragons“ vieles möglich.

© Tom Meyer
Das könnte Dich auch interessieren
Empfehlungen der Redaktion
Sport news
Tennis: Klage gegen Tennisstar Kyrgios abgewiesen
Tv & kino
Satiriker: Böhmermann: Rückzug wie von Raab «erstrebenswert»
Musik news
Musikpreis: Beyoncé greift nach spektakulärem Grammy-Rekord
Musik news
Musik: Viel Pop, etwas Country: Bewährter Mix von Shania Twain
Auto news
Sieger beim Green NCAP 2022: Klein vor groß
Internet news & surftipps
Quartalszahlen: Apple, Amazon und Alphabet enttäuschen Börse
Job & geld
Erfolgreiche Jobsuche: Wie ein Bewerbungscoaching funktioniert
Internet news & surftipps
Alphabet: Google macht seine ChatGPT-Konkurrenz startklar