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«Maria Stuart» in München: Wenn Publikum die Rollen zuteilt

Schillers «Maria Stuart» haben Generationen von Schülerinnen und Schülern gelesen. Wie viel Intensität noch heute in dem Drama steckt, zeigt eine Neuinszenierung in München, die überraschend beginnt.
Neuinszenierung von Schillers Drama «Maria Stuart» in München
Pia Händler (l.) und Lisa Stiegler sind in einer Szene des Dramas «Maria Stuart» von Friedrich Schiller zu sehen, das am Münchner Residenztheater neu inszeniert wurde. © Sandra Then/Residenztheater München/dpa

Wer spielt die Rolle der zum Tode Verurteilten? Wer die der Königin, die am Leben bleibt? Das wird in der Neuinszenierung von Friedrich Schillers Drama «Maria Stuart» am Residenztheater in München zu Beginn jeder Vorstellung immer wieder aufs Neue entschieden. Denn Pia Händler und Lisa Stiegler haben beide Rollen einstudiert. Bei der Premiere am Freitagabend sprach das Publikum Händler den Part der englischen Königin Elisabeth zu, für Stiegler blieb damit Maria Stuart übrig. Ein geschickter Schachzug, mit dem Regisseurin Nora Schlocker gleich zu Beginn die Zuschauer mitten ins Drama zweier Frauen hineinzieht, von denen nur eine überleben kann. Aber beide werden zu Opfern.

Die Beziehung zwischen der amtierenden Herrscherin Elisabeth und der gefangenen ehemaligen Königin Schottlands ist trotz allem, was sie trennt, hochemotional und so intensiv, dass sie mitunter wie zwei widerstreitende Teile einer Einheit wirken. Elisabeth will das Todesurteil nicht vollstrecken, das gegen Maria verhängt wurde, die wiederum immer noch auf Rettung hofft. Die beiden teilen eine Verzweiflung angesichts der Situation, die mitunter an Wahnsinn grenzt. Beide werden von der Wucht ihrer Gefühle immer wieder überfallen.

Schlocker und ihr Team verwandeln Schillers Tragödie in eine moderne und packende Inszenierung. Im Mittelpunkt: zwei starke Frauen, die verzweifelt miteinander ringen, denn nur eine kann über England herrschen. Es geht um Verletzungen, Ängste, Hass und Leidenschaft, aber auch um Intrigen, befeuert von Männern wie dem Grafen von Leicester (Moritz Treuenfels), dem Grafen von Shrewsbury (Oliver Stokowski) oder Mortimer (Vincent zur Linden). Sie alle versuchen, die um eine Entscheidung ringenden Frauen nach ihren Vorstellungen zu beeinflussen. Der Lohn am Ende: viel Beifall für ein Theaterstück, dessen emotionale Wucht sich bis zum Schluss immer weiter steigert und mit seiner Intensität beeindruckt.

© dpa
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