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Wenn zur Gewalt noch Sucht kommt: Mehr Hilfe gefordert

Sucht ist ein Ausschlusskriterium für die Aufnahme ins Frauenhaus. Spezielle Hilfe gibt es im Land genau einmal: bei einem Pilotprojekt in Mannheim. Eine Betroffene berichtet von ihren Erfahrungen.
Blaulicht
Ein Einsatzwagen der Polizei steht vor einer Dienststelle. © Friso Gentsch/dpa/Symbolbild

Mehrere Jahrzehnte lang lebte sie mit einem Narzissten zusammen, der ihr ganzes Leben kontrollierte. Um die physischen und psychischen Qualen ihres Mannes auszuhalten, hat sie immer mehr getrunken. «Mein bester Freund war der Alkohol», berichtet die Frau, die zu ihrem Schutz anonym bleiben möchte. Sie lebt derzeit in einer Schutzwohnung des Pilotprojektes «Segel» des Mannheimer Frauenhauses und des Drogenvereins Mannheim. Bundesweit werden nach offiziellen Angaben ausschließlich dort Frauen aufgenommen, die von häuslicher Gewalt betroffen und gleichzeitig suchtkrank sind.

«Ich kam wie ein Häufchen Unglück mit nur zwei Taschen im Gepäck an», erinnert sich die Betroffene. Am Anfang habe sie vor allem Scham empfunden. Schließlich habe sie in einer Klinik, mit der das Projekt «Segel» zusammenarbeitet, einen Entzug gemacht. Inzwischen sei sie seit mehreren Monaten trocken. «Jetzt kämpfe ich, dass ich zurück ins Leben komme.» Dank «Segel» habe sie Stück für Stück ihre Freiheit wiederbekommen.

Die Frau ist eine von acht Betroffenen, die seit dem Start im Mai 2022 laut Philip Gerber vom Drogenverein Teil des Projekts waren. Einige von ihnen kamen mit ihren Kindern in den Wohnungen unter.

Nahezu keine Versorgung für Betroffene

Rund neun Prozent der gewaltbetroffenen Frauen seien gleichzeitig alkohol- oder medikamentenabhängig, betont Katrin Lehmann vom Paritätischen Wohlfahrtsverband Baden-Württemberg am Freitag. Die Studienlage sei zwar sehr vage, Lehmann gehe aber von einer niedrigen vierstelligen Anzahl aus. Für diese Frauen gebe es in Deutschland nahezu keine Versorgung. Denn Sucht sei ein Ausschlusskriterium für die Aufnahme in Frauenhäuser.

Lehmann fordert daher eine Ausweitung des Schutzangebotes für Frauen mit Suchterkrankungen und mehr Zusammenarbeit zwischen Frauen- und Suchtberatung. Das Unterstützungssystem müsse an die doppelte Problematik angepasst werden, damit Betroffene künftig schnell Hilfe bekämen.

Das bestehende Hilfesystem der Frauenhäuser sei ohnehin schon stark belastet, bestätigt Nazan Kapan vom Mannheimer Frauenhaus. Im Umgang mit Suchtkranken sei außerdem erfahrenes Personal wichtig. Deshalb brauche es übergreifende Projekte wie «Segel».

Wohnraum eines der größten Probleme

Gefördert wird das Modellprojekt vom baden-württembergischen Sozialministerium. Grundlage sei der Landesaktionsplan zur Umsetzung der sogenannten Istanbul-Konvention zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, sagte Staatssekretärin Ute Leidig (Grüne). «Mit dem Projekt gibt es bei uns im Land das bundesweit einzige Angebot für von gewaltbetroffene Frauen mit Suchtproblematiken», betonte sie. So vernetzten sich laut Leidig die beiden bislang getrennten Hilfesysteme, was wichtige Erkenntnisse für die Zukunft bringe.

Eines der größten Probleme war es Gerber zufolge, bezahlbaren Wohnraum für die Unterbringung der Betroffenen zu finden. Letztlich sei die Suche nur dank Beziehungen erfolgreich gewesen. Vor demselben Problem stünden die Frauen, wenn sie dazu bereit seien, aus den Schutzwohnungen auszuziehen. Für den Wohnungsmangel gibt es laut Gerber derzeit keine Lösung.

«Segel» wird noch bis Ende des Jahres gefördert. Über eine Fortführung sind die Beteiligten den Angaben nach im Gespräch. Der Mannheimer Sozialbürgermeister Thorsten Riehle (SPD) signalisierte zudem am Freitag die Bereitschaft der Stadt, «Segel» nach dem Ende der Pilotprojekt-Phase finanziell zu unterstützen.

© dpa ⁄ Catharina Zelt, dpa
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