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Südwesten nach Pisa-Debakel: Neuer Mathe-Unterricht

Beim Mathe-Unterricht muss sich mehr tun als Aufgaben lebensnäher zu machen, sagt ein Stuttgarter Mathematiker. Der Professor und Autor fordert einen «Wumms». Manches zumindest soll sich bald ändern.
Vorstellung Pisa-Studie 2022
Bei der Vorstellung der Pisa-Studie 2022 in der Bundespressekonferenz liegt ein Exemplar der Studie. © Christophe Gateau/dpa/Archivbild

Der Mathematikunterricht in Baden-Württemberg soll modernisiert werden. Die Bildungspläne aus dem Jahr 2016 würden derzeit überarbeitet und zum kommenden Schuljahr in Kraft treten, teilte das Kultusministerium mit. Eingearbeitet werden demnach Konzepte wie Datenanalyse, statistisches und algorithmisches Denken. Entwicklungen im Bereich der digitalen Bildung würden berücksichtigt.

Aus Sicht des Stuttgarter Mathematik-Professors Christian Hesse reicht das aber nicht. Er fordert nicht zuletzt angesichts des schlechten Abschneidens deutscher Schülerinnen und Schüler bei der jüngsten Pisa-Studie im Fach Mathematik eine grundlegende Reform: «Es müsste ein richtiger Wumms her im Schulwesen in mancherlei Hinsicht», sagte Hesse, der auch zahlreiche populärwissenschaftliche Bücher zur Mathematik verfasst hat, der Deutschen Presse-Agentur.

Mathematik-Didaktiker fordern unter anderem, dass der Unterricht lebensnäher und praxisorientierter werden müsse. «Das sind die gleichen Vorschläge wie schon nach der letzten und vorletzten Pisa-Studie und nichts hat sich geändert», kritisierte Hesse.

100 Module statt ein paar Fächer?

Stattdessen müsste der Unterricht aus seiner Sicht stark entrümpelt werden - etwa ein Viertel der Geometrie gestrichen werden. Als Beispiele nannte er windschiefe Geraden oder Tori - das sind Objekte, die aussehen wie ein Rettungsring. Solche komplexen geometrischen Formen sollten aus Hesses Sicht ähnlich wie abstrakte Vektorbeweise entfallen. «Stattdessen sollte der Einsatz von Geometrie-Software für geometrische Konstruktionen vorgesehen werden.»

Überhaupt spricht sich der Professor für Stochastik dafür aus, mehr statistische, datenanalytische und algorithmische Themen zu lehren. Die werden etwa im Umgang mit Künstlicher Intelligenz (KI) wichtiger.

Hesse schlägt vor, die «Schubladisierung» in gut ein Dutzend Schulfächer aufzubrechen und stattdessen rund 100 Module wie Finanzwissen und Klimawandelkunde anzubieten, von denen manche frei wählbar sind. Darin sollte nicht nur Mathematik unterrichtet werden.

So könnten im Zusammenhang mit Vektoren bestimmte Ameisenarten als Beispiel herangezogen werden, die trotz eines Zickzackkurses auf der Suche nach Futter den schnellsten Weg zurück finden. «Die können Vektoraddition im Kopf rechnen, das können Menschen nicht», machte Hesse deutlich. Anhand dieses Beispiels ließen sich die Funktion von Vektorneuronen beschreiben oder auch aus der Physik, was es mit der Polarisation des Lichts auf sich hat - diese sei nämlich für die Ameisen entscheidend. «Dann wird auch die Sinnfrage auftauchen», sagte Hesse. Anders als bei Fächern wie Sprachen leide die Mathematik stärker darunter, dass der Sinn dahinter hinterfragt werde.

Mehr digitale Bildung

So weit gehen die Pläne des Kultusministeriums freilich nicht. Aber beispielsweise in den Bildungsstandards der Sekundarstufe I (also den Klassenstufen 5 bis 10) soll einer Sprecherin zufolge durch den neuen Kompetenzbereich «Mit Medien mathematisch arbeiten» die digitale Bildung deutlich stärker verankert und die Rolle der Mathematik dabei betont werden. Es gehe etwa darum, Informationen der digitalen Welt kritisch unter mathematischen Gesichtspunkten zu prüfen, digitale Mathematikwerkzeuge wie Tabellenkalkulation, Geometrie-Software und Stochastik-Tools zu nutzen und Algorithmen mit Hilfe digitaler Medien verwenden, entwickeln und reflektieren zu können.

Hesse sprach sich darüber hinaus für eine bessere Stellung von Lehrkräften aus. Pisa-Spitzenreiter Singapur investiere 20 Prozent des Staatshaushalts in das Schulsystem und die Lehrerbildung. «Prozentsätze in dieser Größenordnung sind bei uns natürlich nicht erreichbar, aber die im vergangenen Jahr bei uns aufgewendeten 4,6 Prozent des Staatshaushalts sind definitiv zu wenig.» Das führe zu nicht ausreichender und veralteter Ausstattung an den Schulen und teils zu nicht optimal an neuen Medien ausgebildeten Lehrkräften. Das habe sich im Lockdown während der Corona-Pandemie deutlich gezeigt.

Das Ministerium entgegnete, im europäischen Vergleich bekämen Lehrkräfte in Deutschland, zusammen mit der Schweiz und Luxemburg, die höchsten Gehälter. «Das Land Baden-Württemberg verbeamtet seine Lehrkräfte grundsätzlich und bezahlt sehr gut», erklärte die Sprecherin. Hinzu kämen erhebliche geldwerte Zusatzleistungen wie Kinder- und Familienzuschläge, Pension und Sozialabgabenfreiheit - also deutlich mehr Netto vom Brutto. Um die Arbeitsbedingungen für Lehrkräfte zu verbessern und die Schulen zu entlasten, gebe es zudem Maßnahmen wie pädagogische Assistenz, sozialindexbasierte Ressourcenzuweisung und datengestützte Unterrichtsentwicklung.

Kritik an Förderung von Exzellenz-Universitäten

Mathematik-Professor Hesse kritisierte weiter, Deutschland habe im Vergleich zu viel Geld in den universitären Bereich investiert und hier überproportional viel in die Spitzenforschung. «Etwa durch die nicht sachgerechte Schaffung von Exzellenz-Universitäten, die eine ungute Zweiklassen-Gesellschaft unter den Universitäten schafft», argumentierte er. «Einige der aufgewendeten Gelder wären besser investiert worden, wenn sie für die Aufwertung des Lehrerberufes durch bessere Bezahlung verwendet worden wären.» Zudem binde der Kampf um den Titel Exzellenz-Uni Ressourcen, sagte er.

Dazu teilte das Wissenschaftsministerium mit, die Exzellenz-Strategie fördere wissenschaftliche Spitzenleistung und Profilbildungen der deutschen Universitäten, die in einem harten internationalen Wettbewerb um die besten Köpfe stünden. «Wir sind stolz darauf, dass Baden-Württemberg aktuell die meisten Exzellenz-Universitäten stellt.»

Die Unis erlangten durch die Förderung eine hohe Sichtbarkeit und würden in ihrer Profilierung unterstützt. «Für internationale Spitzenkräfte und unsere Spitzenforschung kann die Exzellenzförderung gerade für junge Forscherinnen und Forscher den Ausschlag für einen Standort geben», erläuterte ein Sprecher. «Es geht um eine nachhaltige Stärkung des Wissenschaftsstandorts Deutschland.» Dies stehe nicht im Widerspruch zu Investitionen in Schulen.

© dpa
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