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Brisante Statistik: Gewaltkriminalität auf Zehnjahreshoch

Gewalt im öffentlichen Raum macht Angst und prägt eine Gesellschaft. In Baden-Württemberg ist die Zahl der Delikte so hoch wie sehr lange nicht mehr. Auch die Messergewalt ist auf dem Vormarsch.
Polizistinnen und Polizeipferde in Stuttgart
Weibliche Polizeibeamte reiten durch die Fußgängerzone. © Sebastian Gollnow/dpa

Die Gewaltkriminalität im öffentlichen Raum in Baden-Württemberg ist laut einer Statistik zuletzt enorm gewachsen. Die Zahl der Delikte in dem Bereich stieg im vergangenen Jahr um 12,3 Prozent auf 10.101 Fälle, wie die Deutsche Presse-Agentur aus dem Innenministerium erfuhr. Demnach handelt es sich um ein Zehnjahreshoch. Deutlich mehr als jede Stunde kommt es im Südwesten damit zu einem Fall.

Gewaltkriminalität umfasst viele schwere Straftaten wie gefährliche Körperverletzung, Raub, Vergewaltigung, Totschlag und Mord. Bei fast drei von vier Taten handelte es sich den Angaben zufolge um gefährliche Körperverletzung.

Auch bundesweit ist die Kriminalität auf dem Vormarsch: Die Zahl registrierter Straftaten stieg 2023 der «Welt am Sonntag» zufolge in Deutschland um 5,5 Prozent auf fast sechs Millionen. So viele Fälle hatte es zuletzt im Jahr 2016 gegeben. Bei der Gewaltkriminalität gab es demnach bundesweit so viele Fälle wie seit 15 Jahren nicht mehr.

Die Kriminalität hatte 2022 nach Jahren des Rückgangs bundesweit wieder zugenommen. Damals war ein Teil des Anstiegs auf den Wegfall der Corona-Maßnahmen zurückzuführen. Infolge der staatlichen Beschränkungen hatte es 2020 und 2021 weniger Tatgelegenheiten gegeben - etwa weil Geschäfte geschlossen waren und sich weniger Menschen begegneten.

Die Gewaltkriminalität mache nur einen kleinen Teil der Kriminalität im öffentlichen Raum aus, teilte das baden-württembergische Innenministerium mit. «Jedoch handelt es sich hier um schwerere Straftaten mit Opfern, die Menschen stärker und nachhaltiger wahrnehmen. Aus diesem Grund legt die Polizei ein besonderes Augenmerk auf die Verhinderung, Verfolgung und Aufklärung derartiger Straftaten.»

Die Aufklärungsquote liege bei knapp über 70 Prozent. Gewaltkriminalität ist der Statistik zufolge ein klar männliches Phänomen: Neun von zehn Tatverdächtigen und vier von fünf Opfern sind Männer. In mehr als 60 Prozent der Fälle hat das Opfer keine Beziehung zum Täter. Im öffentlichen Nahverkehr im Südwesten stieg die Zahl der Delikte in der Gewaltkriminalität im vergangenen Jahr um fünf Prozent.

Sogenannte Aggressionsdelikte stiegen im Südwesten 2023 um 9,1 Prozent an - sie umfassen neben der Gewaltkriminalität noch etwa leichte oder einfache Körperverletzung oder Angriffe auf Vollstreckungsbeamte.

Die Zahl der Straftaten, bei denen in der Öffentlichkeit eine Person mit einem Messer bedroht, verletzt oder gar getötet wurde, nahm im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2022 um mehr als 13 Prozent auf 3104 Fälle zu. Auch Bedrohungen mit Messern werden mittlerweile als Angriffe in der Statistik erfasst.

«Es war höchste Eisenbahn, dass die Innenministerkonferenz auf meinen Vorschlag hin eine bundesweit einheitliche Statistik zu Messerangriffen eingeführt hat», sagte Innenminister Thomas Strobl (CDU). «Eine genaue Erfassungspraxis ist letztlich ja auch die Grundlage für eine passgenaue Arbeit unserer Polizei.» Er wies in dem Zusammenhang darauf hin, dass das Land 2022 den Kommunen den Weg frei gemacht habe, Waffen- und Messerverbotszonen einzurichten.

Der CDU-Politiker will am Donnerstag offiziell die polizeiliche Kriminalstatistik für das Land vorstellen. Das Innenministerium führt die steigenden Kriminalitätsraten auf eine sinkende Hemmschwelle und eine steigende Gewaltbereitschaft zurück. Mit Blick auf die Messergewalt sagte ein Sprecher, in unterschiedlichen Kulturkreisen gebe es auch eine unterschiedliche Bereitschaft, sich zu bewaffnen und Messer mit sich zu führen. Auch die Hemmschwelle, Gewalt einzusetzen, sei in unterschiedlichen Kulturkreisen unterschiedlich ausgeprägt. Konkreter äußerte er sich nicht.

Die AfD-Fraktion sieht die Ursache der steigenden Kriminalität in einer «ungeregelten Massenzuwanderung». Der innenpolitische Sprecher Daniel Lindenschmid forderte am Montag ein höheres Mindeststrafmaß bei Messerdelikten und eine restriktivere Einwanderungspolitik.

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) hatte mit Hinweis auf bereits veröffentlichte Kriminalzahlen aus den Ländern erklärt, ihr Ministerium habe die Zunahme nichtdeutscher Tatverdächtiger schon länger im Blick. Zu den Ursachen zählten «eigene Gewalterfahrungen durch Terror und Flucht, aber auch Armutsrisiken».

Wie das Innenministerium in Stuttgart mitteilte, hatten bei den registrierten Messerangriffen im vergangenen Jahr rund 55 Prozent der Verdächtigen keinen deutschen Pass. Das hängt allerdings auch damit zusammen, dass die Zuwanderung nach Deutschland in den vergangenen Jahren stark gestiegen ist. Bei der Gewaltkriminalität waren 2023 gut die Hälfte der Verdächtigen deutsch.

Die FDP sieht die Verantwortung für die zunehmende Kriminalität bei Minister Strobl, auch wenn die Kriminalitätsraten bundesweit stark steigen: «Nach acht Jahren Strobl steigt die Gewaltkriminalität auf einen Höchststand. Das ist besorgniserregend», sagte die innenpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Julia Goll. «Das subjektive Sicherheitsempfinden der Bürgerinnen und Bürger, insbesondere in den schwerpunktartig betroffenen großen Städten im Land, leidet darunter erheblich.» Es sei kein Konzept zu erkennen, mit dem der Minister diesem negativen Trend entgegenwirken wolle.

© dpa
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