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Falcos «Jeanny» als Inzest-Thriller

In der Nähe von Wien verschwinden in immer kürzeren Abständen junge Frauen. Die Geschichte des ARD-Films «Jeanny - Das fünfte Mädchen» ist von Falcos Skandal-Song aus den 1980er Jahren inspiriert.
Jeanny (Therese Riess) in einer Szene des Films «Jeanny - Das fünfte Mädchen». © Anjeza Cikopano/MDR/ORF/Rowboat/dpa

«Bitte, ich habe gleich ein Date. Das erste seit langem und da möchte ich so nicht auftauchen», bettelt eines Abends ein Fremder an der Ladentür eines Friseursalons. Der Laden gehört der Mutter der 19-jährigen Jeanny Gruber, die kurz vor der Matura, dem österreichischen Abitur, steht und gelegentlich im Salon aushilft. In der Kleinstadt in der Nähe von Wien, wo sie mit ihrer Mutter lebt, sind in den vergangenen Jahren vier Frauen zwischen 18 und 20 Jahren spurlos verschwunden. Aber von dieser Tatsache lässt sie sich in ihrer Freiheit nicht einschränken. Jeanny (Theresa Riess) lässt den fremden Mann in den Laden und in ihr Leben eintreten.

Nach nur neun Minuten Sendezeit ist der Zuschauer mittendrin in dem Film «Jeanny - Das fünfte Mädchen», der am Mittwoch um 20.15 Uhr im Ersten läuft. Der Thriller aus dem Jahr 2022 ist von dem Skandal-Hit «Jeanny, Part I» des österreichischen Sängers Falco (1957-1998) inspiriert. Der meist als Vergewaltigungsfantasie interpretierte Song war 1985 heftig umstritten - unter anderem wurde die Verherrlichung von Gewalt gegenüber Frauen vorgeworfen. Der Song wurde von zahlreichen Radiosendern boykottiert.

Es ist nicht leicht, vom Film die Brücke zum Skandal-Song von einst zu schlagen. Ein Grund ist sicherlich, dass der Film in der Gegenwart spielt. Und nicht in den 80er-Jahren. Falco-Fans kommen dennoch auf ihre Kosten - und das ist dem Schauspieler Manuel Rubey in seiner Rolle des geheimnisvollen Steuerberaters und Jeanny-Verehrers Johannes Bachmann zu verdanken. Er schlüpfte 2008 selbst in die Rolle des Sängers in dem Biopic «Falco - Verdammt, wir leben noch!». Und fast jeder, der ihn in diesem Film gesehen hat, dürfte seine grandiose Darstellung des Pop-Exzentrikers in Erinnerung geblieben sein - nicht nur wegen der Ähnlichkeit.

Aber auch die Rolle des Psychopathen füllt er in «Jeanny - Das fünfte Mädchen» grandios aus, wie er als Johannes immer ein wenig entrückt durch den Film schleicht - mal leidend und mitleiderregend, dann wieder charmant, selbstbewusst, fast arrogant. Als Jeanny Fotos bei ihm findet, die er heimlich von ihr gemacht hat, fragt sie: «Was ist das für ein kranker Scheiß?» Dennoch fühlt sie sich von seinem merkwürdigen Verhalten ihr gegenüber - einer Mischung aus Bewunderung, Annäherung und Abweisung - angezogen.

Jeanny und der Zuschauer erfahren, dass Johannes eine Schwester hatte, die ermordet wurde. Und wer außer Jeanny sollte sich jetzt noch wundern, dass Ellen, so der Name der toten Schwester, ihr wie aus dem Gesicht geschnitten ist? Und als dann auch noch ihre beste Freundin Luzia verschwindet und der Bürgermob, der sich zum Schutz der jungen Frauen in der Kleinstadt formiert hat, sich gegen ihren Schwarm wendet, weiß Jeanny nicht mehr, wo sie stehen soll - in diesem an Themen ziemlich überladenen Thriller.

© dpa
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