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Viele offene Fragen nach Absturz von russischem Transporter

Ein russisches Militärflugzeug stürzt ab - angeblich mit Dutzenden ukrainischen Kriegsgefangenen an Bord. Russische Propaganda? Kiew hat keine Hinweise und will bei der Aufklärung internationale Hilfe.
Russischer Militärtransporter abgestürzt
In der Nähe der Absturzstelle des russischen Militärtransportflugzeugs in der Nähe von Jablonowo in der Grenzregion Belgorod ist ein Polizeifahrzeug im Einsatz. © Alexander Zemlianichenko Jr/XinHua/dpa

Die Ukraine verlangt nach dem Absturz eines russischen Militärtransporters unter rätselhaften Umständen eine internationale Untersuchung. Das sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in seiner Videoansprache vom Mittwochabend.

Auch der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Lubinez erhob am Donnerstag diese Forderung. Russland meldete seinerseits Aufklärungsbedarf an, ohne auf die ukrainische Forderung einzugehen.

Unabhängige Angaben, wen oder was die Maschine vom Typ Iljuschin Il-76 transportierte, gab es auch am Tag nach dem Absturz nicht. Doch nach Darstellung des russischen Verteidigungsministeriums saßen darin 65 ukrainische Kriegsgefangene, die angeblich zu einem geplanten Gefangenenaustausch geflogen wurden. Auch drei Mann Wachpersonal und sechs Mann Besatzung seien an Bord gewesen. Moskau wirft der Ukraine vor, die Maschine über dem grenznahen russischen Gebiet Belgorod mit westlichen Flugabwehrraketen abgeschossen zu haben. Alle Menschen an Bord seien getötet worden. Der Vorfall ereignete sich am Mittwoch - 23 Monate nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine.

Ukraine hat keine Hinweise auf Gefangene in der Maschine

Lubinez sagte, die ukrainische Seite habe bisher keine Hinweise auf einen Transport von Kriegsgefangenen in der Maschine. «Wir haben keinerlei Anzeichen dessen gesehen, dass sich im Flugzeug eine große Anzahl von Menschen befand - ob nun Bürger der Ukraine oder keine Bürger der Ukraine», sagte er im Fernsehen.

«Es ist offensichtlich, dass die Russen mit dem Leben von ukrainischen Gefangenen, mit den Gefühlen ihrer Angehörigen und mit den Emotionen unserer Gesellschaft spielen», sagte Selenskyj in seiner Ansprache. Er nennt die Heimholung Tausender Ukrainer aus russischer Gefangenschaft stets als vorrangiges Ziel.

Russland fordert seinerseits Aufklärung

Auf russischer Seite wurden am Donnerstag die Namen der Besatzung auf der Iljuschin veröffentlicht. Die zwei Flugschreiber seien unversehrt gefunden worden und würden zum Auslesen gebracht, meldete die Agentur Tass unter Berufung auf Rettungskräfte. Demnach seien auch Raketenteile gefunden worden.

«Es ist noch nicht bis zum Ende geklärt, was passiert ist, gestern erst haben die Ermittler damit begonnen, die Überreste des Flugzeugs zu untersuchen», sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow. Kremlchef Wladimir Putin sei vom Militär informiert worden. Eine Reaktion werde es erst geben, wenn offene Fragen geklärt seien. Zu Selenskyjs Forderungen nach einer internationalen Untersuchung sagte Peskow: «Wenn er damit eine internationale Untersuchung zu den kriminellen Handlungen des Kiewer Regimes im Blick hat, dann ist das nötig.»

Der russische Dumaabgeordnete und Verteidigungspolitiker Andrej Kartapolow wies Kiewer Angaben zurück, wonach Russland nicht über den Gefangenentransport mit dem Flugzeug informiert habe. «Die ukrainische Seite ist offiziell unterricht worden», sagte er. Kiews Militärgeheimdienst habe die Flugabwehr aber nicht angewiesen, das Feuer einzustellen. Überprüfbar waren diese Angaben nicht.

Kiew äußert sich nicht zu möglichem Abschuss

Nicht authentifizierte Bilder und Videos in sozialen Medien, die das Wrack zeigen sollen, könnten auf den Einschlag von Flugabwehrwaffen hinweisen. Sie liefern aber keine Hinweise, dass an der Absturzstelle viele Leichen lagen. Die Ukraine hat sich bisher nicht offiziell zu einem möglichen Abschuss geäußert. Anfängliche Medienberichte darüber wurden nach kurzer Zeit zurückgezogen. Nach unbestätigten ukrainischen Militärangaben wurde in der Maschine Nachschub für die russische Front vermutet. Der ukrainische Geheimdienst SBU nahm Ermittlungen wegen eines mutmaßlichen Kriegsverbrechens auf.

Der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Lubinez betonte, gemäß der Genfer Konvention trage das Aufenthaltsland die gesamte Verantwortung für Leben und Gesundheit der Kriegsgefangenen. «Das ist die Russische Föderation», unterstrich der Ombudsmann. Moskau sei vor dem Austausch verpflichtet gewesen, das Internationale Komitee vom Roten Kreuz über den Transportweg der Gefangenen zu informieren. Er warf Moskau eine gezielte und lang geplante Kampagne zur Verleumdung der Ukraine vor.

Vorfall wird für Propaganda genutzt

Experten des US-Instituts für Kriegsstudien (ISW) in Washington schrieben, dass weder die russischen noch die ukrainischen Angaben unabhängig überprüft werden könnten. Nach ihrer Einschätzung instrumentalisiert aber die russische Führung den Vorfall, um in der ukrainischen Gesellschaft Misstrauen zu säen gegen die Regierung in Kiew. Der Austausch von Kriegsgefangenen gelte für Ukrainer und Russen gleichermaßen als sensibles Thema, das Emotionen auslöse. Zudem wollten russische Funktionäre mit unbewiesenen Behauptungen, dass die Ukraine für den mutmaßlichen Abschuss deutsche oder US-Raketen eingesetzt habe, die militärische Unterstützung des Westens für das Land schwächen.

© dpa
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