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Angehörige der Hamas-Geiseln erbitten Hilfe mit Flugblättern

Ein halbes Jahr sind die aus Israel entführten Geiseln in der Gewalt der Hamas und anderer Terroristen im Gazastreifen. Angehörige richten einen verzweifelten Appell an Deutschland.
Flugblätter
Israelische Angehörige von Hamas-Geiseln werfen Zettel mit Fotos der Verschleppten aus einem Heißluftballon in Berlin-Mitte. © Bernd von Jutrczenka/dpa

Mit einer spektakulären Flugblattaktion in Berlin haben Angehörige der von der Terrororganisation Hamas verschleppten israelischen Geiseln an das Schicksal ihrer Lieben erinnert: Von einem Aussichtsballon in der Mitte der Hauptstadt warfen sie aus 150 Metern Höhe Hunderte Bilder der Geiseln ab mit der Forderung «Bringt sie nach Hause».

Ihre Hoffnung: Die Bundesregierung soll über ihre diplomatischen Kanäle den Druck auf Katar und damit indirekt auf die Hamas erhöhen, damit die Menschen freikommen.

Die Terrororganisation hatte bei dem Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 nicht nur etwa 1200 Menschen ermordet, sondern auch etwa 230 Frauen, Männer und Kinder entführt. 105 von ihnen kamen im Zuge einer Vereinbarung zwischen Israel und der Hamas nach knapp zwei Monaten frei. Das Schicksal der übrigen Geiseln ist unklar. Knapp 100 von ihnen dürften nach israelischen Schätzungen noch am Leben sein. Vor der Flugblattaktion hatten die Angehörigen im Berliner Regierungsviertel eine große Sanduhr aufgestellt mit der Aufschrift: «Die Zeit läuft davon».

Yoga-Kurse in der Gefangenschaft

«Wir sind hier, um die Leute daran zu erinnern, dass wir immer noch darauf warten, dass meine Schwester Carmel aus Gaza nach Hause kommt, denn sie haben keine Zeit mehr», sagte der Angehörige Alon Gat. Seine 39 Jahre alte Schwester war am 7. Oktober aus dem Kibbuz Beeri in der Nähe der Grenze zum Gazastreifen verschleppt worden - ebenso wie Alon Gat selbst, seine Frau Yarden Roman-Gat und ihre dreijährige Tochter. Alon Gat gelang mit dem Kind vor dem Transport in den Gazastreifen die Flucht. Yarden kam nach 54 Tagen mit anderen Geiseln frei.

Die Freigelassenen hätten erzählt, dass Carmel Gat, eine Verhaltenstherapeutin, sich in der Geiselhaft um die übrigen Gefangenen gekümmert und Yoga-Kurse organisiert habe, erzählte ihr Bruder Alon. Sie hätten sich gegenseitig gestützt. Doch wo sie jetzt ist, ist nach seinen Worten unbekannt. «Wir sorgen uns um ihre mentale und physische Gesundheit, vor allem, nachdem wir von den Vergewaltigungen gehört haben, die da vor sich gehen», sagte der Bruder. «Wir müssen alle überzeugen, dass wir die Menschen aus dieser Hölle herausbekommen müssen.»

Deutschland habe bereits wichtige Unterstützung geleistet und die Angehörigen mit großer Sympathie umarmt. Doch müssten alle mehr tun. Deutschland sei einflussreich, vor allem bei Katar, das wiederum eine wichtige Rolle für die Hamas spiele. «Das wichtigste Ziel ist jetzt, Deutschland zu drängen, Katar zu drängen und die Hamas zu drängen, damit die Hamas einen Kompromiss schließt», sagte Alon Gat.

«Jede Geisel hat ihre eigene Sanduhr»

Katar, Ägypten und die Türkei hätten Einfluss auf die Hamas, und das seien alles Länder, zu denen Deutschland enge Beziehungen unterhalte, sagte Melody Sucharewicz, die die Aktion der Angehörigen in Deutschland betreut. «Katar hat milliardengroße Investments in deutschen Großunternehmen, die Beziehungen sind sehr eng, es gibt Gasabkommen», sagte sie. «Und da liegt es natürlich nahe, dass Deutschland genau diese enge, auch auf Interessen basierte Beziehung nutzt, um Druck auszuüben.»

Naama Weinbergs Cousin wurde 99 Tage nach seiner Entführung von seinem Bewacher ermordet. «Wir stehen heute hier vor der Sanduhr, um daran zu erinnern, dass jede einzelne der Geiseln ihre eigene Sanduhr hat», sagte die junge Frau. «Wir bitten um Hilfe und erinnern alle daran, dass keine weitere Geisel in die Situation kommt, dass ihre Zeit abläuft.»

Ein paar Meter entfernt von der Sanduhr stand der bayerische Tourist Hans-Jürgen Drasdo und betrachtete die Szene nachdenklich. Eine Position beziehen wolle er nicht, sagte Drasdo, aber seine Meinung sei die: «Ich bin eigentlich überzeugter Pazifist. Am Ende jeder kriegerischen Handlung waren Verhandlungen, und ich habe das Gefühl, dass man einen Weg finden muss zueinander.»

© dpa ⁄ Verena Schmitt-Roschmann, dpa
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