Saudi-Gaudi im Sauerland

27.05.2022 Eigentlich gehört er in die Wüste. Denn man braucht viel Platz, viel Geld und am besten auch eine eigene Ölquelle, wenn man ein Spielzeug wie den Brabus Crawler so richtig genießen will. Doch selbst im Sauerland fühlt man sich am Steuer des wilden Buggys wie ein Saudi im Sandkasten.

SP-X/Meinerzhagen. Motoren, Getriebe, Fahrwerke und wahlweise auffällige oder aerodynamische Anbauteile – all das beherrschen sie bei Brabus aus dem Effeff. Doch ein vollkommen eigenständiges Gesamtfahrzeug fehlte dem größten unabhängigen Tuner der Welt noch im Portfolio. Bislang zumindest. Weil Entwicklungschef Jörn Gander endlich das volle Spektrum erschließen wollte, haben sie sich in Bottrop für einmal fast vollends von Mercedes & Co emanzipiert und auf einem ziemlich weißen Blatt angefangen.

Und weil ihnen dabei schnell klar wurde, dass die Abteilung „NVH“ für sie das größte Problem sein könnte, haben sie sich für ein Konzept entschieden, bei dem „Noise, Vibration und Harshness“, also Geräusch, Vibration und Härte einfach keine Rolle spielen, erzählt Gander und lenkt den Blick mit einem spitzbübischen Grinsen auf den Crawler – einem überdimensionalen Wüsten-Buggy ohne Scheiben, ohne Türen und ohne feste Karosserie, dafür aber mit einem eigenen Karbon-Chassis und vor allem mit 900 PS.

Dass dabei natürlich immer auch ein bisschen G-Klasse mitschwingt, muss man verstehen, sagt Gander. Schließlich ist der Vierkant aus Graz für Brabus der absolute Bestseller. Und dass ein Gros der Brabus-Produktion schon bislang in die Emirate ging und kein anderer Tuner am Golf so einen klangvollen Namen hat, war bei dem Projekt sicher auch kein Schaden. Dumm nur, dass Brabus seine Entwicklung, Produktion und Verwaltung in Bottrop hat und nicht in Bahrein. Deshalb führt die Jungfernfahrt auch nicht durch die Wüste. Fürs erste muss ein ehemaliger Flughafen im Sauerland genügen, der unter dem Gebrüll des getunten Achtzylinders plötzlich aus seinem Dornröschenschlaf erwacht.

Kaum hat sich der Fahrer wie ein Affe an der Liane durch den Karbon-Käfig ins Auto geschwungen und sich mit den Hosenträgern in den Sitz gezurrt, spielt der Ort allerdings keine Rolle mehr. Denn die vielen PS, die Phantasie und vielleicht auch der überraschend starken Sonne dieses Frühsommertages entfalten eine fast magische Wirkung und lassen das Sauerland ein bisschen wie Saudi-Arabien erscheinen. Mit Wundern kennen sie sich im Orient schließlich aus. Nur dass man hier keinen Aladin braucht und keine Wunderlampe, sondern einen Anlasser. Der weckt den aktuell stärksten Motor im Brabus-Portfolio – den auf 4,5 Liter aufgebohrten AMG-Achtzylinder, den sie in auch in ihren Rocket-Modellen einbauen. In der normalen G-Klasse bis zu 585 PS stark, kommt er bei Brabus auf 900 PS und vor allem auf 1.250 Nm und hat deshalb mit dem Koloss buchstäblich leichtes Spiel – zumal der Crawler zwar ein paar Zentimeter höher ist als ein G, die Luft aber nahezu ungehindert hindurch strömen kann. Ach ja, und bescheidene 500 Kilo leichter ist der Crawler eben auch noch.

Entsprechend gierig hängt das vielleicht größte, auf jeden Fall aber gewaltigste Sandkastenspielzeig der Welt am Gas und stürmt davon, als gäbe es kein Morgen mehr. Gerade mal 3,4 Sekunden reichen dem Riesen deshalb, bis Tempo 100 erreicht sind. Und dass mit Rücksicht auf die Reifen und das Fahrwerk nur 60 km/h später schon wieder Schluss ist, trübt die Freude nicht im Geringsten: Denn noch nie haben sich 160 km/h so schnell angefühlt, wie in diesem Freisitz aus Karbon. Und es braucht schone eine Gewisse Ironie oder einen weit nach oben verschobenen Maßstab, so ein Auto als „Crawler“ (Kriecher)  zu bezeichnen.

Vor allem aber lockt der Crawler vom Asphalt ins Abseits. Wofür sonst haben die Reifen schließlich Stollen, von denen jeder einzelne fast so groß ist wie ein Fußballschuh? Weshalb gibt’s schier endlose Federwege? Warum bleibt es bei den drei Sperren der G-Klasse? Und die Portalachsen mit bald einem halben Meter Bodenfreiheit hat Brabus auch nicht umsonst eingebaut.

Während man in der Realität nur vorsichtig durch die Wiesen rollt, damit dem Erstling nur ja nichts passiert, spielt das Kino im Kopf deshalb immer und immer wieder den PR-Film aus der Wüste: Statt über Schotter geht es durch den Sand, der Boden bebt, der Himmel verschwindet hinter einer Wand aus Staub und die Welt gerät mit jedem Gasstoß weiter aus denFugen, während der Crawler wie ein Wüstenfloh durch die Dünen springt und haken schlägt, als wolle er vor Alibaba flüchten. Ach, wie schön ist doch eine ausgeprägte Vorstellungskraft.

Der Auftritt so auffällig wie immer bei Brabus, der Motor ein Kraftpaket sondergleichen und das Fahrwerk auf Asphalt wie auf Schotter überraschend harmonisch und ausgewogen – bis dahin steht der Crawler einer Bottroper G-Klasse in nichts nach. Nur beim Interieur kann der Buggy naturgemäß nicht mithalten. Denn ihr aufwändiges Manufakturleder haben sich die Barbus-Sattler diesmal genauso gespart wie all den anderen Plüsch, der die Autos aus Bottrop sonst zu Gesamtkunstwerken oft hart an der Grenze des guten Geschmacks machen. Das heißt aber nicht, dass es dem Crawler an Liebe zum Detail mangelt. Auch das minimalistische Interieur ist so vornehm wie irgend möglich gehalten, und statt Noblesse gibt’s ein paar neue Nützlichkeiten - vom riesigen Tablet für die Offroad-Navigation über die Lüfterdüsen im Dach bis hin zur Wechselsprechanlage mit Kopfhörern wie im Kampfhubschrauber und eigens gestalteten Schutzbrillen gegen den ganzen Dreck.

Und es gibt noch eine Disziplin, in der der Crawler ein typischer Brabus ist: beim Preis. Denn schon ohne Steuer werden für die maximal 15 binnen drei Jahren geplanten Crawler je 900.000 Euro fällig. Selbst wenn da das Ticket für die gedankliche Reise an den Golf schon mit drin ist, ist das für so ein Spielzeug natürlich eine stolze Summe. Doch hat Brabus dafür ja auch ganz besonders große Kinder im Sinn, die entsprechend pralle Portemonnaies haben. Und dass es dafür nicht einmal eine Straßenzulassung gibt, wird die Scheichs am allerwenigsten stören. Denn erstens haben die in der Regel hinreichend groß Latifundien, um den Crawler auch abseits des öffentlichen Verkehrsraums auszufahren. Und zweitens stehen die in den Emiraten meist so weit oben in der Rangfolge, dass sie sich nicht an Regeln halten müssen, sondern einfach ihre eigenen machen.

Nur im Sauerland ist das halt keine große Hilfe. Genau wie eine Fata Morgana in der Wüste ist das Vergnügen hier deshalb schnell wieder vorbei und kaum ist der Motor aus, hat uns die Wirklichkeit wieder.

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