Express-Lieferung

01.07.2022 Romain Dumas hat schon so ziemlich jedes Auto den Hügel von Goodwood hinaufgefahren – und im VW ID.R sogar den Streckenrekord gebrochen. Doch diese Fahrt wird ihm auf ewig im Gedächtnis bleiben. 

SP-X/Goodwood/Großbritannien. „Die wollen mich doch auf den Arm nehmen!“ Als kürzlich sein Telefon klingelte und ihm Ford einen neuen Job angetragen hat, konnte es Romain Dumas kaum glauben. Nicht, dass ihn eine Buchung für den Hillclimb beim Festival of Speed in Goodwood wirklich überraschen würde. Schließlich hält der LeMans-Sieger dort den Streckenrekord, seitdem er die 1,9 Kilometer mit der scharfen rechts und der langen Linkskurve vor dem Herrenhaus des Earl of March mit dem VW ID.R binnen 39,9 Sekunden bewältigt hat. Doch das Auto, das er diesmal fahren sollte, kam ihm wie ein schlechter Scherz vor. Denn ein Ford Transit ist vielleicht was für Paketboten, für Schulkinder oder für Camper, aber doch ganz sicher nichts für einen Rennfahrer.

Denkste! Der Anruf war kein Scherz. Und Dumas hat die Rechnung ohne Mark Rushbrook gemacht. Der leitet die Motorsportaktivitäten für Ford Performance und hat sich einer irren Geschichte erinnert: Seit 1971 baut Ford alle paar Jahre einen SpeedVan und pflanzt dafür einen irren Motor in den nüchternen Kastenwagen. Damals war es der V6 aus dem Ford GT40, der gerade die 24 Stunden von Le Mans gewonnen hat, dann gab es zwei Transit mit über 590 und 650 PS starken Formel1-Motoren und jetzt also hat Rushbrook es mal wieder getan – allerdings ganz im Geist der neuen Zeit: Der SpeedVan Nummer Vier ist der erste, der voll elektrisch fährt.

Keine vier Wochen nach dem vermeintlichen Scherzanruf sitzt Dumas deshalb festgeschnallt in einer Kreuzung aus Transit und Transrapid und realisiert so langsam, dass es den Kölnern bitterer Ernst ist mit ihrem Eiltransporter. Denn sie haben den Lieferwagen nicht nur durch den Windkanal geschoben, ihm ein Flachdach gezeichnet und mit Schwellern und Flügeln bestückt wie einen Formel-Rennwagen. Sie haben auch das Cockpit ausgeräumt bis auf den großen Bildschirm rechts vom Lenkrad, über den die Performance-Daten flimmern. Und vor allem haben sie vier E-Motoren montiert, die zusammen auf rund 2.000 PS kommen und mit 1.800 Nm an den Slicks reißen. „Das ist ganz sicher das stärkste Auto meiner Karriere“, sagt Dumas und will von Scherzen nichts mehr wissen. Stattdessen wird der PS-Profi mit jeder Minute ernster, kehrt in sich und bereitet sich vor auf den nächsten Start. Schließlich wird es so langsam Zeit, das riesige Rennzäfpchen aus der Boxengasse zu fahren und sich zum Hillclimb aufzustellen.

Die Vorbereitungen dafür sind diesmal ein bisschen einfacher: Wo er beim letzten Job ins Cockpit gestopft wurde wie eine Sardine in eine Büchse aus Karbon, steigt er jetzt aufrecht ein und sitz bequemer als in der Business-Klasse der Lufthansa. Es bleibt zwar bei der Kletterpartie durch den Überrollkäfig und ein Schalensitz bleibt ein Schraubstock mit Stoffbezug, erst recht wenn einem die Boxencrew beim Anschnallen noch die letzte Luft aus der Lunge presst. Aber die drangvolle Enge ist passé, Dumas kann die Beine ausstrecken und fast stehen in der Kabine, und die Distanz zum Beifahrer ist größer, als es Pandemie-Pessimisten vorschlagen: „So viel Platz hatte ich noch nie in einem Rennwagen“, schwärmt der Franzose.

So ungewöhnlich der SuperVan auch sein mag, ist eines allerdings wie immer in Dumas Dienstwagen - der Speed. Denn wenn er den rechten Fuß aufs Bodenblech stempelt und den linken von der Bremse schnappen lässt, wird der Transit zum Torpedo und schießt in der schmalen Gasse zwischen den lächerlichen Strohballen den Hügel hinauf, als gäbe es kein Morgen mehr. Die Reifen quietschen, dicker weißer Qualm quillt aus den Radhäusern, schwarze Streifen auf dem Asphalt zeugen vom Kampf um Traktion, die Motoren surren wie Sirenen und das Bild vor den Scheiben verwischt, als hätte der Vorführer im Kopfkino auf schnellen Vorlauf geschaltet. Von 0 auf 100 in weniger als zwei Sekunden - das muss das Gehirn erst einmal verarbeiten.

Gespeist wird Dumas Rennwagen dabei aus einer flüssigkeitsgekühlten Batterie mit rund 50 kWh. Während der gerade vorgestellte E-Transit mit seinen 68 kWh bis zu 317 Kilometer weit kommt, muss sich Dimas etwas einschränken. Viel mehr als die paar Hillclimbs am Wochenende sind mit einer Akku-Ladung nicht drin. Aber erstens hat der Earl of March mittlerweile Ladesäulen auf seinen Latifundien aufgestellt. Und zweites hält sich die Langstreckenqualität dieses Transit doch in engen Grenzen, muss der PS-Profi einräumen und freut sich, dass ihn damit niemand für ein 24-Stunden-Rennen gebucht hat.

Aber selbst, wenn Dumans froh ist, nach ein paar Minuten wieder aus der Kabine zu klettern, der aerodynamische Einzug viel Platz hinter den Sitzen frisst und die Batterie natürlich auch einen gewissen Bauraum beansprucht, bleibt der Transit ein Praktiker und wurde schon genügend Stauraum für ein paar Päckchen bieten. Schneller jedenfalls ließe sich die Auslieferung lang ersehnter Versandgüter kaum gestalten, und sauberer und spektakulärer wohl auch nicht.

Wenn demnächst also die Post bei Romains Dumas am Telefon ist, UPS, DHL oder Amazon-Chef Jeff Bezos, wird es der schnellste Paketbote der Welt sicher nicht mehr für einen Scherz halten.

© Spot Press Services GmbH

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