«In Liebe lassen»: Chronik eines Sterbens

17.01.2022 «In Liebe lassen» handelt von den letzten Monaten eines krebskranken Mannes in den besten Jahren. Ein Film von außergewöhnlicher Intimität und Behutsamkeit. Und mit tollen Darstellern.

Crystal (Catherine Deneuve) kann das Schicksal ihres Sohnes Benjamin (Benoît Magimel) nur schwer akzeptieren. Foto: Laurent Champoussin/Studiocanal GmbH/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Benjamin ist Schauspiellehrer und hat nur noch kurze Zeit zu leben. Der Vierzigjährige leidet an Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Mit «In Liebe lassen» macht sich Emmanuelle Bercot an ein schwieriges Thema: Die Chronik eines schleichenden Sterbens. Die französische Regisseurin und Schauspielerin filmt darin Leben und Tod mit außergewöhnlicher Intimität und Behutsamkeit.

Benjamin (Benoît Magimel) ist ein Einzelgänger und hat nur noch etwa ein Jahr zu leben. Ein Schicksal, das seine Mutter Crystal (Catherine Deneuve) und er schwer akzeptieren. Dr. Eddé, eine Koryphäe in der Behandlung von Krebserkrankungen, ist ihre letzte Hoffnung. Doch auch er kann nicht mehr tun, als Benjamin auf seinem Weg bis zum unaufhaltsamen Ende so gut wie möglich zu begleiten und ihm zu helfen, sich der Realität zu stellen.

Bercot hat den Tod nicht romantisiert. Ohne Pathos hält die Kamera das Sterben fest, das sich knapp über ein Jahr hinzieht. Benjamin lernt, mit der Krankheit zu leben - oder zu Lebzeiten zu sterben, worauf im Französischen der Filmtitel «De son vivant» anspielt. In dieser Zeit kommen viele Ängste in ihm hoch, vor allem die, dass er eigentlich niemandem wichtig war und die Welt als Versager verlässt. Dr. Eddé rät ihm deshalb, in seinem Leben etwas aufzuräumen.

Allmählich erfährt das Publikum, dass Benjamin mit knapp Zwanzig Vater geworden ist und wegen seiner fürsorglichen, aber dominanten Mutter die Beziehung abgebrochen hat. Seinen Sohn hat er nie gesehen.

Beeindruckendes Trio

Die Stärke des Films basiert auf dem Schauspielerduo Magimel/ Deneuve und der Figur des Arztes Dr. Eddé, dessen Rolle der echte Onkologe Gabriel Sara verkörpert. Das Drama war nicht nur inhaltlich schwerer Stoff. Deneuve erlitt während der Dreharbeiten im November 2019 einen Schlaganfall. Die Filmarbeiten mussten mehrere Monate unterbrochen werden.

Magimel («Die Klavierspielerin») brilliert. Er beherrscht perfekt die Gratwanderung der Gefühle. Deneuve verkörpert eine überfürsorgliche, von Trauer überwältigte Mutter. Und Doktor Gabriel Sara in seiner eigenen Rolle ist unglaublich menschlich und offen. Allein das ist ein Grund, den Film zu sehen.

Er beschönigt nichts, hat einen direkten Kontakt mit den Patienten und einen ganz eigenen Führungsstil. Er kauft sich für jeden Krebsleidenden eine Krawatte mit dem jeweiligen Lieblingsmotiv. Mit seinen Mitarbeitern trifft er sich regelmäßig, um Erfahrungen auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen. Dabei wird gemeinsam musiziert und gesungen. Zwischen Benjamin und einer Mitarbeiterin entwickelt sich eine Romanze, auf die Bercot allerdings durchaus hätte verzichten können.

Bei der Auseinandersetzung mit dem Tod und der Todesangst, die den Menschen begleitet, geht Bercot behutsam und feinfühlig vor. Ohne klischeehafte Szenen und romantisches Ergriffensein zeigt sie die Wut und die Akzeptanz gegenüber dem Unvermeidlichen, die Gefühle des Sterbenden und seiner Angehörigen, die hilflos das unaufhaltsame Ende miterleben.

In Liebe lassen», Frankreich, 2021, 122 Min., FSK o.A, von Emmanuelle Bercot, mit Benoît Magimel, Catherine Deneuve, Gabriel A. Sara

© dpa-infocom GmbH

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