Die unbekümmerte Melancholie des Jochen Distelmeyer

30.06.2022 Mehr als zwölf Jahre hat der frühere Blumfeld-Frontmann mit frischen Songs auf sich warten lassen. Trotz mancher Wehmut ist «Gefühlte Wahrheiten» ein leichtes Sommer-Album - mit ungewöhnlichen Momenten.

Sänger eines persönlichen Lebens: Jochen Distelmeyer. © Britta Pedersen/dpa

Als Jochen Distelmeyer Ende April nach vielen Jahren wieder einen neuen Song veröffentlicht, kommt das Lob von quasi einem der seinerzeit größten Influencer in Deutschland.

«Gefällt auch der Coolnesspolizei!», twittert der Berliner Virologe Christian Drosten über die fabelhafte Vorab-Single «Ich sing für dich». Eine Hörempfehlung an rund eine Million Follower sozusagen.

«Nein. Ich glaube, ich bin nicht cool», sagt Distelmeyer - und schiebt zur Betonung noch ein zweites «Nein» hinterher. Nicht wenige werden ihm wohl widersprechen. Als einer der Väter der «Hamburger Schule» steht er seit Jahrzehnten für intellektuellen Deutsch-Pop zwischen Gesellschaftskritik und Gefühlsoffenbarung. Und eigentlich ist er auch weiterhin der Alleinerbe der Band Blumfeld, deren Gesicht er als Frontmann bis zur Auflösung 2007 war.

Mehr als zwölf Jahre sind seit seinem Solo-Debüt «Heavy» vergangen. Mit «Gefühlte Wahrheiten» erscheint eine neue Platte in einer Zeit, die von Ungewissheiten und Skepsis geprägt ist.

Wenn man Textzeilen wie «Rings um dich nur Krieg und Krise tobt» (aus «Ich sing für dich») hört, kann man kaum glauben, dass die zwölf Songs schon vor der Corona-Pandemie und dem Ukraine-Krieg entstanden. «Für gewöhnlich reagiere ich nicht auf zeitgeschichtliche Ereignisse, sondern habe eine Ahnung von Dingen, wohin sie sich entwickeln werden, und schreibe die Songs vorher», sagt Distelmeyer im Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Stimmungen und Gefühlslagen

Seine Platte beginnt mit pluckerndem Mantra-Soul in «Komm (So nah wie du kannst)», das zunächst etwas in die Irre führt: Denn so drumlastig und elektronisch wird das Album nur selten. Abgesehen vielleicht noch vom lieblich-sanften Flirt-Track «Tanz mir mir», dessen hinreißender Spät-80er-Sound über siebeneinhalb Minuten einen fiebrigen prä-orgiastischen Schwebezustand durchhält.

Im sensationellen «Nur der Mond» packt Distelmeyer alles leise Dürsten, das der zärtlichen Hingebung innewohnt, in ein zunächst sparsam instrumentiertes, dann anschwellendes Blues-Kleinod. Bei der Zeile «Brauch dich jetzt hier Haut an Haut» intoniert er jedes einzelne Wort in einer Klarheit, als hänge das Leben davon ab.

Und wenn der Musiker dann mit dem Gegenstück «Manchmal» das Verlorene besingt («Wenn ich nicht weiter weiß, und der Hunger mein Herz zerreißt»), dann wird klar: Der Wahl-Berliner breitet alle Empfindungen bis in die Extreme aus: Triumph der Liebe und Kummer des Verlusts, Jauchzen und Trübsal.

«Mir sind wie allen Menschen alle möglichen Gefühlslagen oder Stimmungen vertraut, auch in ihrer ganzen Dimension», sagt Distelmeyer. Über sein Privatleben ist kaum etwas bekannt. «Ich denke, ich gebe schon sehr viel preis mit meinen Liedern. Und das soll auch so sein, schließlich stehe ich in der Tradition von Sängern und Sängerinnen eines persönlichen Lebens.»

Englischsprachige Country-Songs

In der Mitte des Albums gibt es drei Tracks, die alte Blumfeld-Fans sicherlich staunen lassen werden. Mit «Gone Girl», «The Reason» und «Roads Of Regret» veröffentlicht der Sänger erstmals eigene englischsprachige Country-Songs. Eigentlich wollte er eine Art Country-Mixtape aufnehmen. Doch dazu kam es nicht.

«Beim Mischen haben wir gemerkt, dass die Stücke sehr gut zu den anderen passen, sowohl musikalisch als auch inhaltlich, auch wenn es eine andere Sprache ist», so der Musiker. «Der Vibe, das Grundgefühl und der Flow sind sehr verwandt und gehören dazu.»

Der Sound ist so klassisch und warm, dass man etwa in «The Reason» bei der Zeile, die mit «You can kill a man...» beginnt, in Gedanken an Johnny Cash fast vervollständigen möchte: «... in Reno». Der Südstaaten-Blues im Elfeinhalb-Minuten-Brett «Nicht einsam genug» steht Distelmeyer, der im Juli 55 Jahre alt wird, besonders gut.

Im Herbst 2021 spielte er nochmals mit seinen Kollegen von Blumfeld vor Publikum. Vor 30 Jahren erschien deren Debüt «Ich-Maschine». Weil der Künstler bald auf große Solo-Tournee geht, steht aus diesem Anlass eine Blumfeld-Reunion auf der Bühne derzeit nicht an. «Vielleicht gibt's was zum 31-Jährigen», sagt er. «Mal sehen.»

© dpa

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