Nach 50 Jahren ist Schluss: City drehen «Die letzte Runde»

31.03.2022 Sie haben schon einige schwere Zeiten als Band erlebt. Doch 2020/21 erwischte es City so richtig: Schlagzeuger Klaus Selmke starb an Krebs. Nun sind die Ostrocker zurück. Es ist zugleich ein Abschied.

City verabschieden sich mit großem Programm. © Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

Die Rocker-Rente? Nein, das sei noch lange nichts für sie, haben die Musiker der in der damaligen DDR-Hauptstadt Ost-Berlin gegründeten Band City jahrelang gern betont. Aber nun ist es doch soweit. Sie gehen in «Die letzte Runde».

So heißt ihr neues und letztes Album. Es ist das erste ohne ihren Schlagzeuger Klaus Selmke, der 2020 starb. Im Jubiläums-Jahr 50 ist nun Schluss, aber mit riesigem Programm: Die vier Rocker im Alter um die 70 gehen bis zum Jahresende auf Konzertreise und werden mit einem Buch gewürdigt. Die Bandbiografie heißt «Einmal wissen, dieses bleibt für immer - CITY. Das Buch». Am 8. Juli beginnt die Abschiedstournee der Gruppe, die auf DDR-Rockklassiker wie «Am Fenster» (1977) zurückblickern kann.

Sein Tod war ein Schock

Die Cover von Doppel-CD und Buch ähneln sich: Vor dem prägnanten City-Logo stehen die Bandmitglieder, sie schauen ernst. Doch das Buch zeigt fünf Musiker, das Album vier - Selmke fehlt. Sein Krebstod vor zwei Jahren war für die Band ein Schock. Der Schlagzeuger hatte die Band 1972 zusammen mit dem Gitarristen Fritz Puppel (77) gegründet.

«Selbstverständlich fehlt Klaus an allen Ecken und Enden. Als Schlagzeuger sowieso, aber besonders als Mensch», sagt Sänger Toni Krahl (72) im Interview der Deutschen Presse-Agentur. «Klaus hatte auch immer seine ganz besondere, oft praktische Sicht auf die Dinge.»

Das letzte der 24 Stücke auf dem Album ist dem Barfuß-Drummer gewidmet - «War gut» heißt es. Der Refrain: «So war das aber nicht gedacht, mit stillem Abschied über Nacht. Und Blumen auf'm Grab. Kein Lachen und kein Trommeln mehr. Das Gras wächst und der See liegt leer. War gut, dass es dich gab.»

Das Album bietet die für diese Band typische Mischung: Gesellschaftskritik trifft auf Liebeslieder. Im mehr als fünf Minuten langen «Wir haben Wind gesät» heißt es: «Wir trocknen unsre Flüsse aus und stapeln unseren Dreck. Und wenn die letzte Stunde schlägt, dann sind wir kurz mal weg.»

Im beschwingten, mitsingtauglichen «Die Sonne geht auf» schwärmt Krahl, begleitet vom satten Sound der Berliner Philharmoniker: «Du bist noch der Traum der ersten Nacht. Ich bin immer noch nicht aufgewacht. Noch 100 Jahre Arm in Arm. Du hältst mich fest, ich halt dich warm.» Im sozialistischen Staat DDR hatten City sich mit kritischen Texten oft am Rande des Erlaubten bewegt.

Über die Doppelalbum-Produktion sagt Krahl: «Zuerst haben wir an unseren neuen Songs gearbeitet, und die sind auch auf einer geschlossenen CD zu hören. Auf CD 2 dann haben sich aber unsere Freunde von Silly, «Maschine», Dirk Michaelis und auch Matthias Reim bei uns gemeldet und uns mit speziellen Versionen bekannter City-Songs überrascht.» Zusammen mit Ex-Puhdys-Sänger Dieter «Maschine» Birr und Dirk Michaelis singt Krahl das rockige «Born In The GDR» - selbstbewusst auf die Erfolge als DDR-Musiker zurückschauend. Mit Silly und «Maschine» geht es ab 8. Mai auf «Rocklegenden»-Tour.

Große Fans der Rolling Stones

Auch mit den Rolling Stones würde sich Krahl gerne mal die Bühne teilen. Keyboarder Manfred Hennig wünscht sich, dass die Stones einen City-Song covern. Und Gitarrist Puppel ärgert sich, dass die Band vor dem Mauerfall mal eine Einladung von Herbert Grönemeyer zum Bier ausgeschlagen hat. All dies verraten die Musiker in ihrem Buch. Der Musikjournalist Christian Hentschel, der viele aus der DDR stammende Bands seit Jahrzehnten begleitet, gibt in 50 kurzweiligen Kapiteln Einblicke in die Geschichte von City.

Am 4. Februar 1972 im «ABC»-Klubhaus in Berlin-Köpenick ging alles los. Beim ersten Auftritt gab es keine Gage - die Band durfte dafür kostenlos in der Location proben. Im Buch ist ein 50 Jahre alter vergilbter Zettel abgebildet, auf dem die Einnahmen der sechs weiteren Auftritte im Gründungsmonat aufgelistet sind: 346 Mark. Auf einer Original-Setlist von einst ist zu erkennen, dass die City Band - so hieß sie am Anfang - zunächst nur englische Hits coverte.

Auch eine Anklageschrift des Generalstaatsanwalts von Großberlin hat es in die Bandbiografie geschafft. Der Oberschüler Anton Krahl, keine Vorstrafen, wird darin angeklagt, staatsfeindliche Hetze betrieben zu haben. 1968 hatte er gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in Prag demonstriert. Mit 19 Jahren wurde Krahl zu drei Jahren Haft verurteilt.

Noch eine Abbildung mit historischem Wert: Die auf Schreibmaschine getippte Kündigung der Gruppe City an «Herrn Georgi Gogow» vom 15. Dezember 1981. Bei einem Band-Treffen beim Komitee für Unterhaltungskunst hatte der City-Geiger sich überraschend als neuer künstlerischer Leiter der Band präsentiert und erklärt, dass die Besetzung geändert werden müsse. Doch die Kollegen, die er rauswerfen wollte, drehten den Spieß um - und kündigten ihm. Der Mauerfall führte die zerstrittenen Musiker später wieder zusammen.

50 Jahre zusammen durch Höhen und Tiefen - wie haben City das geschafft? «Grundvoraussetzung dafür ist in erster Linie, dass wir Spaß bei der Arbeit haben», sagt Krahl im dpa-Interview. «Und die Erkenntnis, dass, auch wenn wir, jeder einzeln, nicht unbedingt die weltbesten Musiker sind, aber zusammen, geeint, eben doch die beste City-Band sind, die es je gegeben hat.»

© dpa

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