Wuchtige Getriebenheit: Placebo sind zurück

Über Jahre waren Placebo aus dem Alternative Rock nicht wegzudenken. Doch zuletzt hatte man nichts Neues mehr gehört. Umso kraftvoller gestaltet sich nun die Rückkehr des britischen Duos.
Brian Molko (l) und Stefan Olsdal sind Placebo. © Mads Perch/Sailor Entertainment/dpa

Eine Welt liegt in Scherben. Und Placebo liefern den passenden Soundtrack. Fast ein Jahrzehnt ist seit der letzten regulären Platte der britischen Rockband ins Land gegangen. Mit «Never Let Me Go» melden sich Sänger Brian Molko und Gitarrist Stefan Olsdal wuchtig-düster zurück.

Die vergangenen Jahre war es ruhig geworden um das wieder auf die Gründungsmitglieder geschrumpfte Duo. Auf der ausladenden Tour nach ihrem Greatest-Hits-Album von 2016 spürten Placebo eine gewisse Fremdheit mit ihren Songs. «Man hat eine Beziehung zu seinem eigenen Material», sagt Molko im Interview der Deutschen Presse-Agentur in London, «ob es einem gefällt oder nicht, oder ob es einen an Dinge erinnert, an die man lieber nicht erinnert werden möchte».

Es wurde Platz geschaffen für einen frischen Ansatz. «Wir hatten das Gefühl, dass wir neues Benzin im Tank brauchen», so Olsdal, «und das sind für uns neue Songs». Achteinhalb Jahre nach «Loud Like Love» erscheint mit «Never Let Me Go» nun das achte Studioalbum.

In den vergangenen mehr als 25 Jahren haben sich Placebo zu einem der Aushängeschilder des Alternative Rock gemausert. In ihrer Heimat Großbritannien schlägt die Band Mitte der 1990er mit dem selbstbetitelten Debüt ein wie eine Bombe: ihr schneidender Post-Punk-New-Wave-Rock, ihre glitzernde Androgynität, ihr Verlorensein in der sprichwörtlich gewordenen «teenage angst».

Spätestens mit der Hitsingle «Every You Every Me» von 1998 wird Molkos unverwechselbare Kopfstimme auch im deutschsprachigen Raum bekannt. Die jüngsten fünf Studioalben können Placebo hierzulande in den Top Ten platzieren. Aus den Nullerjahren sind Songs wie «Special K», «The Bitter End» oder «Meds» nicht wegzudenken. Mittlerweile gehen Molko und Olsdal auf die 50 zu.

Der neuen Platte wohnt ein mächtiger Druck inne, eine kraftvolle Getriebenheit. Der hervorragende Album-Opener «Forever Chemicals» etwa - ein verzerrtes Klangkonstrukt irgendwo zwischen Cyborg-Angriff und Harfenschreddern - wechselt zwischen geradlinigen Gitarrenriffs und experimentellen Soundgebilden. «Es ist so gut, wenn nichts wichtig ist. Es ist so gut, wenn es niemanden kümmert», singt Molko dazu.

Das schmerzhaft-hymnische «Beautiful James» über die Vielfalt menschlicher Beziehungen außerhalb gesellschaftlich vorgegebener Pfade ist eines der besten Stücke. Im Vergleich zu früher scheint die Single beim ersten Hören überproduziert: zu massig, gar verkünstelt. Doch dient die exorbitante Soundlandschaft als machtvolles Fundament für Molkos zerbrechliche Stimme. «Die Hauptmelodie kommt von einem Synthesizer und nicht von einer Gitarre», sagt der Sänger. «Und das zieht sich wie ein roter Faden durch die Platte.»

«Never Let Me Go» ist eine brutale Abrechnung mit der Gegenwart - sowohl in den Melodien als auch in Texten. Mal geht es um die Totalüberwachung der Gesellschaft, mal um die Gefahren des Klimawandels. «Jemand soll ein Foto machen, bevor es zu spät ist», singt Molko im Endzeit-Song «Try Better Next Time».

Prozess umgekrempelt

Den kreativen Prozess haben Placebo dabei auf den Kopf gestellt: Zuerst stand das Plattencover fest, danach die Liedtitel, und erst dann ging es ans Songwriting. «Es war eine Entscheidung, mit der Art und Weise zu brechen, wie wir immer Alben geschrieben haben», sagt Molko. «Wenn man etwas über zwei Jahrzehnte lang gemacht hat, kommt irgendwann der Punkt, an dem man den Prozess umkrempeln möchte.» Die Frische und Radikalität fühle sich an wie am Anfang ihrer Karriere.

Die Platte changiert zwischen anspruchsvoll-experimentellen und zugänglich-melodiösen Tracks. Was alle eint: der Drang zur Änderung. «Solange man das Gefühl hat, dass man sich entwickelt und weiterentwickelt, dass man sich nicht wiederholt, ist das ein Fortschritt», sagt Molko. Oder wie es im letzten Song heißt: «Repariere dich selbst - und nicht jemand anderen.»

© dpa

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