Die Fehlfarben singen nochmal Tacheles

Schon vor 40 Jahren sangen die Fehlfarben auf dem legendären Debüt «Monarchie und Alltag» Tacheles. Auch mit ihrem neuen Album nimmt die Band aus Düsseldorf und Wuppertal eine trübe Gegenwart ins Visier.
Die Band Fehlfarben mit dem Sänger Peter Hein (vorne) legt ein neues Album vor. © Neal Mcqueen/Tapete Records/dpa

Es ist wohl nur Zufall, dass das neue Album der Postpunk-Ikonen Fehlfarben fast zeitgleich mit einem Meisterwerk des 30 Jahre jüngeren Rock-Trios Die Nerven erscheint (und dass beide ein düsteres Lied auf «Europa» singen).

Aber es passt in diese Zeit, dass zwei fabelhafte Bands - die eine 1979 gegründet, die andere 2010 - derzeit linkes Unbehagen und Schmerz über Deutschland, Europa und die Welt deutlich zum Ausdruck bringen. Und ihren Widerstand.

Die Düsseldorf/Wuppertaler Fehlfarben um Sänger Peter Hein (65) erreichten schon mit dem Debüt «Monarchie und Alltag» (1980) Legendenstatus. Die Platte mit Punkrock-Songs wie «Grauschleier», «Ein Jahr (Es geht voran)» oder «Paul ist tot» gilt vielen Musikkritikern heute als eines der besten deutschsprachigen Alben.

Ein starkes Spätwerk

Nach Trennungen und Neugründungen ist die Band seit dem Comeback «Knietief im Dispo» (2002) wieder regelmäßig auf Konzertbühnen und im Aufnahmestudio aktiv. Das aktuelle Album «?0??» (der rätselhafte Titel steht für die viele Fragezeichen evozierende Verunsicherung im Jahr 2022) knüpft nahtlos an die starken Spätwerk-Veröffentlichungen der Fehlfarben beim Hamburger Indiepop-Label Tapete an.

«Mach dich auf den Weg/den Weg, den keiner sonst geht/geh ihn nicht allein/allein kommst du nicht heim» - schon die ersten Zeilen des Albums im Opener «In die Welt gestellt» sind typisch Fehlfarben: ein Aufruf zur Tat und zugleich ein Appell, sich unterzuhaken. Dazu ertönt der vertraute Mix aus Punk, Rock, Neue Deutsche Welle, Funk und Dub-Reggae, zu dem Hein seine Parolen skandiert und nölt.

Gemütlicher wird es auch danach nicht - die Fehlfarben waren und sind eine sperrige Truppe. Es wird geschimpft und geflucht («Geh scheißen mit deinem Stolz...»), vieles ist in mehrere Richtungen auslegbar. «Es gibt nichts Peinlicheres als das Offensichtliche», zitiert Tapete Peter Hein, der «neue Gedichte in alten Klangschläuchen» ankündigt.

Die Corona-Pandemie war auch für die Fehlfarben eine Herausforderung, aber schließlich wurde «?0??» doch fertig. Dazu nochmal Sänger Hein in gewohnt ironischem Tonfall: «Es entstanden Stücke ohne Ende, die trotz aller "Maßnahmen" und Pestilenz bei körperlichem Einsatz vor Ort entwickelt und während eines letzten Aufbäumens trotz 70%-iger Fallzahlen beendet werden konnten, ja mussten.» Danke dafür.

© dpa

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