«Mr. Vain» oder doch «Sing Hallelujah!» - 30 Jahre Eurodance

«What Is Love»: Vor 30 Jahren war Eurodance angesagt. 1993 schwappte die Welle besonders heftig über Deutschland. Der Sommerhit hieß «Mr. Vain». Eine Zeitreise - mit Anschluss an die Gegenwart 2023.
Eurodance
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Ob der singende Zahnarzt Dr. Alban aus Schweden, DJ BoBo aus der Schweiz oder Dancefloor-Formationen aus Deutschland wie Snap und Culture Beat: Sie alle gehören zur Eurodance-Ära. Nach der Neuen Deutschen Welle zehn Jahre zuvor und der weltpolitischen Wende der Jahre 1989 bis '91 war Popmusik vor drei Jahrzehnten plötzlich internationaler, paneuropäisch, auch diverser.

Einer der größten Hits dieser Phase nach dem Kalten Krieg war «Mr. Vain» von Culture Beat. Vor 30 Jahren kam der Song in die deutschen Charts und wurde dann der Sommerhit '93. Neun Wochen stand «Mr. Vain» auf Platz eins (21.6. bis 22.8.1993). Der Hit-Produzent Torsten Fenslau starb noch im selben Jahr mit nur 29 Jahren. Am 6. November 1993 hatte er in der Nähe von Messel bei Darmstadt einen tödlichen Autounfall.

Den Genre-Namen «Eurodance» bekam das Pop-Phänomen mit Ohrwürmern von Aqua («Barbie Girl») über Mo-Do («Eins, Zwei, Polizei») bis Rednex («Cotton Eye Joe») erst später verpasst. Kulturkritiker nannten die Musik damals zunächst von oben herab gern «Kirmestechno». Viele Eltern tauften die Musik - abfällig gemeint - «Kindertechno». Die Formel für Songs dieser Art lautete (oder lautet): 124 Beats per minute (BPM), weibliche Soulstimme, männlicher Sprechgesang.

Mutter oder Vater aller Eurodance-Hits ist «Rhythm Is a Dancer» von 1992. Die Dance-Gruppe Snap hatte schon 1990 mit «The Power» einen Welthit. Zehn Wochen - von Ende Mai bis Anfang August 1992 - war «Rhythm Is a Dancer» der Frankfurter Produzenten Michael Münzing und Luca Anzilotti Nummer eins in Deutschland. Gleich danach gelangte dann Dr. Alban acht Wochen auf Platz eins mit «It's My Life».

Das Eurodance-Jahr schlechthin

1993, das Eurodance-Jahr schlechthin, begann in Deutschland mit «More and More» an der Spitze - das Lied kam vom Captain Hollywood Project. Der Rapper und Breakdance-Künstler Tony Dawson-Harrison alias Captain Hollywood war hier Namensgeber. Auch Dr. Albans «Sing Hallelujah!» war '93 ein Hit: «Der Titel erreichte als Höchstposition Rang vier und war insgesamt 33 Wochen platziert», wie die Ermittler der Offiziellen Deutschen Charts von GfK Entertainment berichten.

In Großraumdiscos von Flensburg bis Füssen wurden Popsongs dieser Art gefeiert, als gäbe es kein Morgen - «No Limit» halt, so wie der Hit von 2 Unlimited (29 Wochen in den Charts im Jahr 1993).

«What Is Love» von Haddaway war 1993 von Februar bis November insgesamt 39 Wochen in den Charts. «Aktuell ist der Titel sogar wieder ziemlich angesagt - oder zumindest Teile daraus», heißt es von GfK Entertainment. «Denn die Hook verwendet David Guetta (feat. Anne Marie & Coi Leray) in seinem neuen Song «Baby Don't Hurt Me».»

Fehlende Diversität in deutschsprachiger Kulturbranche

«Seit Jahren werden Debatten um fehlende Diversität in der deutschsprachigen Kulturbranche geführt und Öffnungsprozesse herbeigesehnt», sagt die Soziologin und Bloggerin Nadia Shehadeh. Dabei seien Deutschland und Europa schon mal weiter gewesen. «Eurodance war ein kultureller Durchbruch. Die Sängerinnen und Sänger und Rapper vieler Eurodance-Gruppen waren mehrheitlich BIPoC und sorgten für ein halbes Jahrzehnt für die größte Vielfalt, die die europäischen Länder bis dato im eigenen Pop-Markt erlebt hatten.»

Wer Eurodance Inhaltsleere und Gute-Laune-Oberflächlichkeit attestiere, übersehe die vereinigende Kraft und den utopischen Charakter, meint Shehadeh. Ende der 90er habe es in Teilen der Kultur dann eine Art Rückfall in sogenannte alte weiße Zeiten gegeben.

BPoC oder BIPoC kommt aus dem angloamerikanischen Sprachgebrauch: Black oder eben Black Indigenous People of Color meint alle Menschen, die Formen von Rassismus ausgesetzt sind, nicht nur Schwarze.

Mix aus Hip-Hop und Elektronischer Tanzmusik

Der Musikwissenschaftler Nico Thom erläutert: «Eurodance-Produktionen zeichnen sich durch eine klare Arbeitsteilung aus: ein Team von europäischen Musikproduzenten erstellt einen Track und lässt attraktive People of Color dazu rappen, singen und tanzen - und zwar auf Englisch.» Im Grunde handle es sich um eine Mischung aus Hip-Hop und Elektronischer Tanzmusik. «Die Texte sind in der Regel hedonistisch und kreisen um Themen wie Verliebtheit, Sexualität, Musik, Tanzen und unbekümmertes Partymachen.»

Eurodance sei umstritten, weil es meist gecastete Formationen waren, die ihre kommerziellen Interessen und ihre Chartorientierung nicht verbargen, sagt Thom, Leiter des Klaus-Kuhnke-Instituts für Populäre Musik an der Hochschule für Künste Bremen. «Insofern erscheint Eurodance manchen als synthetische, inhaltsarme und neoliberale Musik.»

Doch Eurodance habe wesentlich dazu beigetragen, Techno international populär zu machen. Die Eurodance-Künstlerinnen und -Künstler gaben Elektronischer Tanzmusik massenwirksam ein Gesicht und machten sie mit ihren Videoclips auch visuell anschlussfähig.

© dpa ⁄ Gregor Tholl, dpa

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