«Bei aller Liebe»: Indierocker Muff Potter sind zurück

Kann man einen Popsong über das Elend in der Fleischindustrie schreiben? Es geht, den vier Jungs von Muff Potter gelingt auf ihrem neuen Album der Spagat zwischen Rebellion und Tanzbarkeit.
«Angry pop music»: Muff Potter singen durch die Distel. © Bastian Bochinski/Hucks Plattenkiste/Indigo/dpa

Gibt es eigentlich noch deutsche Popmusik, die sich auf gesellschaftliche Widersprüche einlässt? Vielleicht zählen ja die aus Westfalen stammenden Indierocker von Muff Potter zu den wenigen Bands hierzulande, die jenseits von abgestandenen Protestparolen so etwas wie produktiven Widerstand leisten, der im Idealfall auch popmusikalisch überzeugt. Ganz einfach ist so eine Gratwanderung natürlich nie.

Muff Potter kommen vom Post-Punk der 1990er, haben sich 2009 aufgelöst und legen jetzt in leicht veränderter Besetzung mit «Bei aller Liebe» ein starkes neues Album mit zehn Songs vor. Sie selbst verwenden das Label «Angry Pop Music» für sich, und dies passt immer noch ganz gut. Im Herbst hat das Quartett zudem eine Tour angekündigt.

Anbiedern wollen sich die vier Wutrocker auf keinen Fall, der düstere Opener «Killer» klingt mit seinen hallenden Gitarren eher wie ein schroffer Abgesang, bevor die Band das Tempo anzieht und ordentlich Lärm macht. Jetzt sind wir wach für die smarte Tanznummer «Ich will nicht mehr mein Sklave sein», aber dann schicken sie den fast achtminütigen Song «Ein gestohlener Tag» hinterher.

Darin entwirft der Sänger und Gitarrist Thorsten Nagelschmidt nichts weniger als die Utopie eines freien Lebens. Die Texte sind bei Muff Potter immer mehr als nur gereimtes Beiwerk. In den vergangenen Jahren hat sich Nagelschmidt als Autor mit Romanen wie «Der Abfall der Herzen» oder dem grandiosen Berlin-Panorama «Arbeit» einen Namen in der Literaturszene gemacht. Auch seine Lyrics für Muff Potter sind meilenweit entfernt von der weichgespülten Gefühligkeit der meisten deutschen Poptexte.

Eine so eindringliche wie wütende Text-Sound-Collage wie «Nottbeck City Limits» findet man auch nicht alle Tage. Wir tauchen ein in die Landschaft des östlichen Münsterlandes. Die Band probt in der Idylle, während nebenan in der Fleischindustrie die Tiere und Menschen geschunden werden. Ein sehr kluges, poetisches und selbstreflexives Pop-Poem ist so entstanden: Muff Potter wissen, dass sie privilegiert sind, aber ihrer Wut tut das keinen Abbruch.

«Bei aller Liebe» klingt dann optimistisch aus, mit dem wehmütig-innigen Lovesong «Schöne Tage» beweisen Muff Potter noch einmal eindrucksvoll, dass es höchste Zeit für ein neues Album war.

Das Album «Bei aller Liebe» erscheint am Freitag (26.08.) beim Label Hucks Plattenkiste.

© dpa

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