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Theatermann Franz Wittenbrink wird 75

Mit seinen szenischen Liederabenden ist Franz Wittenbrink berühmt geworden. Als Arrangeur und Komponist, Dirigent und Regisseur. Dabei hat der 75-Jährige auch eine bewegte politische Vergangenheit.
Franz Wittenbrink
Der Theatermacher, Komponist und Regisseur Franz Wittenbrink im St. Pauli Theater. © Jonas Walzberg/dpa

Unter Theaterfans gilt Franz Wittenbrink als «König der Liederabende» – ein Genre, das er selbst erfunden hat. Die Handlungsabende, in denen er bekannte E- und U-Musik mischt und von Schauspielern vortragen lässt, heißen etwa «Sekretärinnen», «Männer», «Nacht-Tankstelle» und «Forever Young». Aufgeführt an bekannten Häusern in Hamburg, Berlin, Dresden, München oder Wien. Am 15. Oktober feiert sein neues Programm, das sich aus drei früheren Liederabenden zusammensetzt, Premiere am St. Pauli Theater. «Lust auf St. Pauli» lautet der Titel – unter anderem mit Marion Martienzen, Anneke Schwabe, Anne Weber und Uwe Rohde in den Hauptrollen.

Anlass: Der 75. Geburtstag des am 25. August 1948 in Bentheim (Niedersachsen) geborenen Künstlers. «Es wird ein Abend über den Kiez. Mich interessiert dabei dessen Rückseite - nicht der Glitter, den alle Touris sehen. Sondern die Menschen, die dort real leben und arbeiten», sagt Wittenbrink der Deutschen Presse-Agentur. Bei Milchkaffee im großzügigen Arbeitsraum seiner malerisch versteckt liegenden 170 Jahre alten Remise nahe dem Hauptbahnhof. So gehe es «in kritischer, lustiger, liebenswerter Weise» um Reinigungsfrauen morgens um fünf Uhr in einer Table Dance Bar, um den Boxkeller, in dem einst die Klitschkos trainierten und um einsame Kiez-Gestalten in einer legendären Nacht-Tankstelle.

Es geht ihm nicht ums Ablästern

«In solchen Ambivalenzen blühe ich auf», sagt Wittenbrink - wie so oft herzhaft lachend. Neben diesem Projekt ist der Vater dreier erwachsener Töchter auch mit der Komposition einer Kinderoper beschäftigt, die 2024 an der Komischen Oper Berlin uraufgeführt werden soll – «Die kleine Hexe» nach Otfried Preußler. Mit den Liederabenden wolle er seinen Mitmenschen einen Spiegel vorhalten, sagt der Künstler, der mit seiner Schauspiel-Kollegin Weber (59, «Da is' ja nix») zusammenlebt. «Und zwar nicht als Ablästern über die vermeintlich Doofen. Sondern das Publikum zu nehmen, zu pieken und zu sagen, "fragt euch mal, ob ihr wirklich so gut seid, wie ihr denkt".»

Dabei gab es Zeiten, in denen der heute 75-Jährige extrem mit seiner Umwelt haderte. Was dann zu einem ungewöhnlich farbigen und aktiven Leben voller Höhen und Tiefen geführt hat. Nach einer Kindheit mit 12 Geschwistern als Sohn eines streng katholischen wohl kriegstraumatisierten Baustoffhändlers wurde der wilde, aber musikalisch hochbegabte Franz mit neun Jahren im Internat der «Regensburger Domspatzen» untergebracht. Den Missbrauch, den er beim weltberühmten Knabenchor erfuhr, machte Wittenbrink erst viel später öffentlich. Und setzte sich dann auch für die Aufarbeitung ein.

Auf dem linken Auge blind

Wegen seines Missbehagens an den politischen und kirchlichen Zuständen wurde der Jugendliche um 1968 ein Linker - und was für einer: Wittenbrink gründete den Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW) mit. «Ich habe schlimme Sachen vertreten», sagt er. «Robert Mugabe, der Diktator und Mörder aus Simbabwe, hat drei Tage bei mir in meiner Wohnung in Mannheim gewohnt. Ich habe ihn bewundert. Ich gehörte zu einer Organisation, die Pol Pot, dem Massenmörder, eine Grußdelegation geschickt und hinterher erklärt hat, in Kambodscha wäre alles eitel Sonnenschein. Wir haben behauptet, in China herrsche die größte Demokratie. Obwohl wir wussten, dass in der sogenannten Kulturrevolution täglich Zehntausende getötet werden.»

Auf der Bühne fühlt er sich wohl

Das alles – wie auch die Diktatur in der UdSSR und der DDR und den Antisemitismus der Linken – habe er als 19-Jähriger nicht sehen wollen. «Für mich ist das keine Jugendsünde», betont der Künstler, der sich heute als liberalen Humanisten betrachtet. Als die Erkenntnis einsetzte, war er lange desorientiert. Studierte Soziologie. Lernte Klavierbauer als jemand, der unter anderem auch Cello und Orgel beherrschte – sowie Schlosser. War Müllmann, Fernfahrer, Drucker. Spielte als einziger Weißer in einer Reggae-Band für US-Soldaten. Zum Theater kam Wittenbrink mit über 30 aus Zufall – am Tiefpunkt seines Lebens: «Ich spielte ein bisschen auf dem Klavier einer Bar in Mannheim. Da sprachen mich Mitarbeiter des Nationaltheaters an, denen der Pianist fehlte.»

An der Bühne fühlte er sich sofort glücklich – und stürzte sich in die Arbeit. «Was immer ich mache, versuche ich richtig voll zu machen. Und so, dass ich einen Riesenspaß daran habe», sagt er. Wittenbrinks großer Durchbruch kam 1995 mit «Sekretärinnen» am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. «Wittenbrink setzt auf Lachen und Ironie als Weg der Erkenntnis», analysierte einmal «Die Tageszeitung» (taz). Seine gesellschaftlich relevanten Themen flögen ihm quasi auf der Straße zu. So etwa auch für «Pompes Funèbres» mit Birgit Minichmayr und Nicholas Ofczarek – einem Abend am Wiener Burgtheater über den besonders gepflegten Sterbekult in der Donaumetropole.

Nächste Vorstellungen von Franz Wittenbrinks Liederabend «Lust auf St. Pauli» am 15., 16., 18., 19. und 20. Oktober. Voraufführung am 14. Oktober, Karten-Tel. 040 4711-0666.

© dpa ⁄ Ulrike Cordes, dpa
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