Ich muss noch Brote schmieren

Theoretisch gesehen sollten wir regelmäßig unsere gewohnten Bahnen verlassen, um keine trägen Maden zu werden. Praktisch bleibt das schwierig.
Foto: Ole Spata © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Die Welt ist kompliziert. Wir alle brauchen Gewohnheiten und feste Strukturen, sie verleihen unseren kleinen Leben Halt und Sicherheit.  Natürlich machen Gewohnheiten auch träge, aber schon kleine Änderungen können einen tollen Rausch bewirken. Neulich habe ich beim Einkaufen mal nicht willenlos nach dem Üblichen gegriffen, sondern versucht, Plastik zu vermeiden. Die Tomaten plumpsten unverpackt in den Einkaufswagen, ich kaufte lauter verrücktes, loses Gemüse. Es war wahnsinnig aufregend und hinterher hatte ich das großartige Gefühl, die Welt gerettet zu haben.

Der polyamore Mann in meinem Bett schwört auf seine festen Gewohnheiten. Wenn man ihn fragt: ‚was machst Du am ersten Dienstag im September um 6.30 morgens?‘, dann weiß er es: Brote schmieren. Das macht er jeden Werktag, bevor er zur Arbeit geht. Er bereitet seiner Familie das Frühstück und schmiert allen die Butterbrote für den Tag. Das ist sehr wichtig, soviel habe ich verstanden. Wenn die Brote nicht von ihm geschmiert würden, könnte nämlich alles Mögliche passieren. Nichts Gutes jedenfalls. Alles geriete mit ziemlicher Garantie durcheinander, Frau und Sohn in jedem Fall, er selber sicher auch, der Morgen, der ganze Tag, es wäre eine einzige Verstörung, das weiß der ÜM genau. Das Gute an solch sicherer Struktur ist definitiv, dass man nie in Verlegenheit kommt, wenn schwierige Fragen aufkommen. „Noch einen Drink oder ziehen wir weiter?“ - „Ich muss noch Brote schmieren,“ das ist immer eine vernünftige, überzeugende Antwort. 

Wer noch nicht so gefestigt, sondern hin und wieder ratlos ist, wohin es mit ihm gehen soll, guckt sich bitte Carl Josef an. Carl Josef ist vierzehn, sitzt wegen einer Muskelkrankheit dauerhaft im Rollstuhl und hat bei ‚Nightwash‘ einen superlustigen Standup Comedy-Auftritt hingelegt. Er wollte immer einmal auf der Bühne sein und Leute zum Lachen bringen, hat er zum Schluss noch gesagt. Und wenn man einen Traum habe, solle man den verwirklichen, Freunde, das klingt richtig, legen wir los.

© Nele Nielsen
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