Wenn der Favorit mit der B-Elf spielt

Es ist eine Unsitte, aber leider nicht verboten. Frankreich war schon für das Achtelfinale qualifiziert und ließ im dritten Vorrundenspiel gegen Tunesien eine B-Elf antreten. Dänemark erlebte sein grün-gelbes Wunder und Argentinien pflügte das Feld von hinten auf.

Dass es durchaus gefährlich sein kann mit einer B-Elf zu spielen, hätte Frankreichs Coach Deschamps eigentlich wissen müssen. Bestes Beispiel ist der Turnierverlauf der Niederlande bei der letzten Europameisterschaft.

Bei der EM 2021, die dank einer Schnapsidee des früheren UEFA-Präsidenten Platini über den ganzen Kontinent verstreut stattfand, siegte „Oranje“ in den ersten beiden Vorrundenspielen mit der Stamm-Elf souverän gegen die Ukraine und Österreich. Dann ließ man die B-Elf gegen Nordmazedonien antreten, die dieses Spiel ebenfalls gewann, doch das Team war aus dem Rhythmus gekommen und so gab es eine 0:2-Klatsche gegen Außenseiter Tschechien im Achtelfinale und die Niederlande waren raus.

Tunesien – Frankreich 1:0

Andere mögen sagen, dass Deschamps gegen Tunesien einfach die Spieler „belohnen“ wollte, die sonst nur in der zweiten Reihe stehen. Andererseits veränderte er sein Team auf gleich neun Positionen. Die französische B-Elf bestand aus Torwart Mandanda, den Abwehrrecken Camaving, Konaté, Varane und Disasi, den Mittelfeldspielern Veretout, Tchouameni und Fofana und schließlich den Stürmern Guendouzi, Kolo Muani aus und Coman von den Bayern.

Nichts gegen die Tunesier, aber auch diese B-Elf der Franzosen war Favorit in diesem Match. Die staunende Fußballwelt bekam im Laufe der Partie aber eindrucksvoll vorgeführt, dass der zweite Anzug des Weltmeisters überhaupt nicht sitzt. Nicht nur die Aufstellung, sondern auch die Einstellung ließen arg zu wünschen übrig. Tunesien kämpfte im ersten Durchgang eindrucksvoll, stellte die Abwehr der „Equipe tricolore“ mit zahlreichen Flanken aus dem Halbfeld aber vor keinerlei Probleme.

Auch im zweiten Durchgang blieben die „Adler von Karthago“ die bessere Mannschaft und verzeichneten kurz nach Wiederanpfiff durch Laidouni einen gefährlichen Schuss aufs Tor (52. Minute). In der 58. Minute erzielte dann Khazri mit einer Willensleistung das erlösende 1:0 für die Nordafrikaner. Der Kapitän des Teams ließ die nur passiv verteidigenden Varane und Tchouameni stehen und spitzelte den Ball zur Führung ins Netz.

Wer nun ein Aufbäumen der französischen B-Elf erwartet hatte, wurde enttäuscht. Deschamps reagierte auf die miese Leistung und wechselte die Stammkräfte Mbappé, Dembelé und Griezmann ein. Letzterer erzielte in der achten Minute der Nachspielzeit sogar das 1:1, aber der Treffer wurde wegen einer Abseitsstellung durch den VAR annulliert.

Fazit: Frankreich muss am Samstag im Achtelfinale eine Schippe drauflegen, um ins Viertelfinale zu kommen. Allerdings wird da wohl auch wieder eine A-Elf auf dem Platz stehen. Die Tunesier haben sich mit einer weiteren guten kämpferischen Leistung würdevoll aus dem Turnier verabschiedet.

Australien – Dänemark 1:0

Der überraschende Zweite der Gruppe D heißt nämlich Australien. Die knorrigen „Aussies“ schickten mit einer beeindruckenden Energieleistung nicht nur die tapferen Tunesier, sondern mit Dänemark sogar einen Geheimfavoriten der diesjährigen WM vorzeitig nach Hause.

Der letzte Achtelfinal-Einzug der Mannen aus „Down under“ ist lange her. Bei der wohl besten WM aller Zeiten, den Titelkämpfen in Deutschland 2006, schaffte man dieses Wunder. Nun machte ausgerechnet ein Spieler den Traum erneut wahr, der zehn Jahre lang in Deutschland gespielt hatte.

Die Rede ist von Matthew Leckie. Der Spieler ging 2011 von Adelaide United zu Borussia Mönchengladbach, 2012 zum FSV Frankfurt, 2014 zum FC Ingolstadt und 2017 zu Hertha BSC Berlin. Erst seit 2021 kickt Leckie wieder in der Heimat bei Melbourne City.

Doch zurück zum Spiel, in dem erst einmal Dänemark besser war. Der Europameister von 1992 kontrollierte das Spiel und kam zu guten Chancen durch Jensen (12. Minute) und Maehle (19. Minute), doch ansonsten hatte man Mühe das australische Bollwerk zu durchbrechen.

Die „Socceroos“ ihrerseits kamen erst im zweiten Durchgang auf. Erst wurde der stramme Schuss von Behich geblockt (47. Minute) und eine Minute später kam Irvine, der Kapitän des FC St. Pauli, nach einem Doppelpass im gegnerischen Sechzehner zum Abschluss.

Dänemark öffnete immer mehr, um den nötigen Siegtreffer endlich zu erzielen – und wurde in der 61. Minute mustergültig ausgekontert. Ein Steckpass von McGree landete beim besagten Leckie. Der frühere Bundesliga-Profi hatte nur noch Maehle gegen sich, schlug zwei Haken, die einem Känguruh zur Ehre gereicht hätten, und jagte dann seinem Gegenspieler den Ball beim Abschluss durch die Beine und ins dänische Tor.

Die Skandinavier waren sichtlich geschockt, berappelten sich aber bald. In der 71. Minute sollte es Elfmeter für Dänemark geben, doch der gefoulte Dolberg hatte zuvor im Abseits gestanden. „Danish Dynamite“ kämpfte weiter gegen die Fünferkette der Australier, doch erst in der Nachspielzeit wurde es noch einmal brenzlig. Der Kopfball von Cornelius landete nach einer Eriksen-Ecke nur auf dem Tordach.

Fazit: Die Dänen müssen sich vorwerfen lassen schon im ersten Spiel gegen Tunesien nicht mit der nötigen Überzeugung zu Werke gegangen zu sein. So ist nun vorzeitig Schluss für das „neue Belgien“ mit seinen vielen talentierten Spielern. Die Australier sind trotz ihrer Energieleistung nur Außenseiter gegen Argentinien.

Polen – Argentinien 0:2

Dabei hatte es nach dem ersten Match der Argentinier gar nicht danach ausgesehen, dass der zweifache Weltmeister das Achtelfinale erreichen würde, hatte die „Albiceleste“ doch völlig überraschend gegen Saudi-Arabien verloren. Es folgte dann ein dramatischer Sieg gegen Mexiko und schon war die Chance zum Gruppensieg da – so schnell kann sich das Blatt im Fußball wenden.

Um die Gruppe C zu gewinnen, musste für Messi & Co allerdings ein Sieg gegen Polen her. Das Team um den früheren Bayern- und jetzigen Barcelona-Torjäger Lewandowski hatte allerdings in den Spielen gegen Mexiko und Saudi-Arabien alles andere als überzeugt.

Für Argentiniens Super-Star Messi war es auch persönlich ein Meilenstein. Das Spiel gegen Polen war sein 22. Match für die „Albiceleste“ bei einer WM. Damit zog er mit der argentinischen Legende Maradona gleich. Wie bitter war es da, dass ausgerechnet Messi zur tragischen Figur zu werden drohte?

Nach ein paar guten Chancen für die Südamerikaner bot sich dem Super-Star, der mittlerweile bei Paris St. Germain spielt, in der 39. Minute die Riesenchance vom Elfmeterpunkt, nachdem er selbst bei einer Flanke von Torwart Szczesny, der abwehren wollte, leicht von dessen Hand im Gesicht getroffen worden war.

Erst nach VAR-Eingriff und Video-Studium entschied der niederländische Referee Danny Makkelie auf Foulelfmeter – eine Fehlentscheidung, die einmal mehr zeigte, dass der Videobeweis eben nicht immer zu mehr Gerechtigkeit führt. Szczesny konnte Messis Schuss aber entschärfen. Polens Keeper hatte ja schon gegen Saudi-Arabien einen Strafstoß gehalten.

Der polnische Super-Star Lewandowski hing auch in der zweiten Halbzeit völlig in der Luft. In der 54. Minute münzten die Argentinier ihre Überlegenheit dann in das 1:0 um. Molina flankte ins Zentrum, wo Mac Allister per Direktschuss traf. Die Polen versuchten direkt zu antworten. Glik köpfte nach einer Freistoßflanke mit der bis dahin besten Chance für die Mannschaft nur knapp am Tor vorbei (50. Minute).

Ein polnischer Sturmlauf fand aber nicht statt. Argentinien wollte dagegen den Gruppensieg unbedingt und kreierte Chance um Chance. Der agile Alvarez war es schließlich, der in der 67. Minute mit einem Schlenzer in den Winkel das 2:0 markierte.

Auch danach war Polen in Not. Szczesny verhinderte gegen Messi das 0:3 (71. Minute). In der Nachspielzeit rettete Kiwior noch vor der Torlinie gegen Tagliafico – und damit sein Team vor dem Turnieraus.

Fazit: Argentinien spielte wie wiedergeboren und ist nun im Achtelfinale der klare Favorit gegen Australien. Es gehört schon viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, dass Polen seinerseits gegen Frankreich eine Chance hat. Die Osteuropäer konnten in der Vorrunde nicht überzeugen.

Saudi-Arabien – Mexiko 1:2

Im Prinzip verdankten die Polen ihr Weiterkommen weniger der eigenen Qualität als dem schludrigen Umgang der Mexikaner mit ihren Chancen gegen Saudi-Arabien. Dem WM-Gastgeber von 1970 und 1986 fehlte am Ende nur ein Tor zum Weiterkommen. Zwar war man punktgleich mit Polen, hatte aber mit 2:3 im Vergleich zum 2:2 der Polen die schlechtere Tordifferenz.

In Mexiko war der Fußball in den letzten Jahren eine willkommene positive Abwechslung von den Schauergeschichten um Entführungen und die vielen Toten im Drogenkrieg an der Grenze zur USA. Umso schmerzlicher ist da die Art und Weise des Ausscheidens.

Mexiko war gegen die Saudis nämlich von Anfang an die klar bessere Mannschaft, konnte aber beste Chancen in der ersten Halbzeit nicht nutzen. Erst Martin (47. Minute) und kurz darauf Chavez (52. Minute) schienen „El Tri“ mit ihren beiden Toren auf die Siegerstraße zu bringen.

Zu diesem Zeitpunkt fehlte Mexiko nur ein Tor – und dann zappelte der Ball wieder im Netz der Saudis: Mit einem Doppelpass hatten Martin und Lozano die gegnerische Abwehr zunächst ausgehebelt, woraufhin Letzterer einschob. Allerdings wurde vom Linienrichter korrekterweise auf Abseits entschieden (56. Minute).

Trotzdem probierte es Mexiko weiter, doch Lozano scheiterte aus großer Distanz am saudischen Keeper Al-Owais (67. Minute) und Martin aus guter Position an sich selbst (70. Minute). Auch Chavez fand mit einem erneut tollen Freistoß seinen Meister in Al-Owais (73. Minute). In der 79. Minute wurde Chavez in letzter Sekunde daran gehindert den Ball ins leere Tor der Araber einzuschieben. In der 87. Minute wurde Antunas Treffer wegen Abseits aberkannt.

Mexiko rannte bis in die Nachspielzeit an, doch ein Konter der „Grünen Falken“ beendete dann jegliche Hoffnung. Mit einem Doppelpass überspielten Al-Dawsari und Joker Bahebri die mexikanische Abwehr und Al-Dawsari schoss aus kurzer Entfernung ein.

Fazit: Die Mexikaner können einem wirklich leidtun. Sie hätten es mehr verdient gehabt weiterzukommen als die uninspiriert wirkenden Polen. Saudi-Arabien, das anfangs noch gegen Argentinien gepunktet hatte, gönnt man dagegen eher die Heimfahrt, hat man sich dort doch ebenso wie in Katar über die Gesten der deutschen Mannschaft für die Menschenrechte lustig gemacht.

© Tom Meyer
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