Der Tag der Überraschungen

Vor dem 2. Spieltag der Gruppe E schien das Aus für die DFB-Auswahl quasi unausweichlich, doch dann machten erst Costa Rica und dann eine kämpferische deutsche Nationalmannschaft den Besserwissern einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Belgiens Super-Stars enttäuschten dagegen erneut und könnten nach der Vorrunde nach Hause fahren.

Katar wird bei den Deutschen wohl für immer als der schlechteste WM-Gastgeber aller Zeiten in Erinnerung bleiben. Die Fans, die tatsächlich ins Emirat gereist waren, bekamen nur alkoholfreies Bier – obwohl Katar zuvor Alkohol zumindest in der Nähe der Stadien zugesagt hatte.

Dann gab es noch gleich mehrere Affronts gegen die deutsche Nationalmannschaft! Erst durfte Neuer als Kapitän des vierfachen Weltmeisters nicht mit der Binde seiner Wahl auflaufen, dann drückte die FIFA dem DFB eine Geldstrafe aufs Auge, weil zur Pressekonferenz einen Tag vor dem Spiel gegen Spanien nur Bundestrainer Hansi Flick, aber kein Spieler angereist war.

Und dann war da noch dieser Tweet des katarischen „Journalisten“ Mohammed Al-Kaabi nach der deutschen Niederlage gegen Japan: „Das passiert, wenn du dich nicht auf Fußball konzentrierst!“ Die Araber vom Golf, die als erste und einzige Mannschaft bereits ausgeschieden waren, zeigten sich somit als schlechte Verlierer und dürften die deutschen Nationalspieler mit ihrer Häme nur noch mehr angestachelt haben gegen Spanien eine gute Leistung zu zeigen.

Spanien – Deutschland 1:1

Vor dem Spiel waren die Rollen klar verteilt. Spanien galt als glasklarer Favorit, hatten die Iberer doch Costa Rica mit 7:0 auseinandergenommen. Die DFB-Elf ihrerseits hatte seit 2014 nicht mehr gegen den Weltmeister von 2010 gewinnen können. Noch unter Jogi Löw hatte es in der Nations League ein demütigendes 0:6 in Sevilla gegeben.

Dazu kam dann auch noch der aktuelle WM-Blues. Erst gab es das Theater um die vom DFB präferierte „One Love“-Binde. Dann verlor Deutschland trotz 70% Ballbesitz und 1:0-Führung mit 1:2 gegen Japan durch teils haarsträubende Abwehrfehler der Dortmunder Süle und Schlotterbeck.

Mit dem Überraschungserfolg Costa Ricas gegen Japan waren aber plötzlich die Karten neu gemischt. Gepusht von der unverhofften Schützenhilfe aus Lateinamerika und mit einer ordentlichen Portion Frust im Bauch ließen Hansi Flicks Mannen den Gegner die typisch deutschen Tugenden spüren, d.h. die Spieler der „Furia roja“ wurden früh angelaufen und bei Bedarf unsanft in die Zange genommen. Sichtlich beeindruckt von der Körperlichkeit der Deutschen kamen diese erst gar nicht ins Spiel.

Für den ersten Kracher im wahrsten Sinne des Wortes sorgte aber Olmo. Der Spanier, der seine Brötchen in Leipzig verdient, zog relativ unbedrängt von der linken Strafraumkante ab und zwang Neuer zu einer Flugeinlage. Mit der Faust lenkte der Kapitän des DFB-Teams das Leder noch geradeso an die Latte!

Doch auch die Deutschen kamen zu Chancen. Goretzka hätte in der 10. Minute selbst auf das Tor schießen müssen, legte aber auf Gnabry ab, der ins Abseits lief. Eine Viertelstunde später versuchte es ebenjener Gnabry mit einem Schlenzer aus halbrechter Position im Strafraum.

Es brauchte schließlich einen Freistoß, um die Spanier zu knacken. Nach Kimmichs Standard köpfte Rüdiger völlig freistehend ein (40. Minute) – riesiger Jubel im DFB-Tross, doch der VAR annullierte das Tor wegen einer angeblichen minimalen Abseitsstellung. In den guten, alten Zeiten ohne Videobeweis hätte dieses Tor mit Sicherheit gezählt.

Nach der Pause ließen Musiala (46. Minute) und Müller (47. Minute) die Chancen verstreichen, doch der Schwung zeigte Wirkung und ließ die DFB-Elf den deutlich besseren Start erwischen. Spaniens Coach Enrique reagierte mit seinem ersten Wechsel und brachte Morata für Ferran Torres (54. Minute). Sechs Minuten später vollstreckte der Vollblutstürmer aus kurzer Distanz, nachdem er das Laufduell gegen Süle gewonnen hatte.

Die Mannen mit dem Adler auf der Brust zeigten sich kurz geschockt, übernahmen aber dann das Kommando. Bundestrainer Flick brachte mit Klostermann, Sané und vor allem Füllkrug mehr Präsenz auf den Rasen. Gleich danach hatte Musiala freistehend die große Chance, scheiterte aber mit seinem unplatzierten Schuss am spanischen Schlussmann (73. Minute).

Zehn Minuten später belohnte sich die Mannschaft für die klare Leistungssteigerung im zweiten Durchgang. Sané fand Musiala mit einem tollen Pass, Füllkrug stibitzte Musiala den Ball und jagte ihn aus halbrechter Position norddeutsch-humorlos unter die Latte (83. Minute). In der Nachspielzeit verpasste Sané dann sogar noch den möglichen Sieg.

Fazit: Die DFB-Elf hat ein Lebenszeichen gesendet und es gegen Costa Rica nun in der eigenen Hand das Achtelfinale zu erreichen. Allerdings sind die Deutschen vom Ausgang der parallelen Partie zwischen Spanien und Japan abhängig.

Japan – Costa Rica 0:1

Vor dem Spiel der beiden europäischen Fußballnationen fand in der Mittagshitze bei 32 Grad das Spiel der anderen beiden Teams in der Gruppe E statt. Mit dabei waren einige Hundert Anhänger aus Costa Rica, die den langen Weg aus dem kleinen zentralamerikanischen Land nach Katar gefunden hatten.

Natürlich waren die Costaricaner gegenüber den Japanern vor Ort klar in Unterzahl, doch das dürfte ihnen herzlich egal gewesen sein, denn da war dieser eine goldene Moment in der 81. Minute, von dem echte Fußball-Fans noch Jahrzehnte später mit leuchtenden Augen erzählen.

In der Schlussphase, in der Japan beim Stande von 0:0 den Druck immer mehr erhöhte, reichte den „Ticos“ ein Fehler des japanischen Abwehrspielers Morita am eigenen Strafraum. Er konnte den Ball nicht klären und ermöglichte Tejeda so den freistehenden Fuller zu finden. Dieser zirkelte das Leder von der Strafraumkante punktgenau ins linke Eck. Nippons Torwart Gonda streifte die Kugel zwar noch mit den Händen, konnte den Einschlag aber nicht verhindern.

Damit war der Spielverlauf völlig auf den Kopf gestellt, denn die „Blue Samurai“ waren schon in der ersten Halbzeit das spielbestimmende Team. Costa Rica kam kaum aus der eigenen Hälfte heraus und hatte nur eine Möglichkeit. Campbells schöner Versuch mit dem Außenrist ging aber deutlich vorbei (35. Minute). Auf der anderen Seite blieb Endos Versuch aus rund 18 Metern ungefährlich (38. Minute).

Nach dem Seitenwechsel kam bei den Japanern der in Bochum spielende Asano aufs Feld und brachte frischen Wind in die Partie. So verzeichneten die Asiaten, die ihren Mittelfeldstrategen Tanaka von Fortuna Düsseldorf über die gesamten 90 Minuten schonten, in den ersten vier Minuten der zweiten Halbzeit mehr Torchancen als in der gesamten ersten Hälfte. Erst zwang Morita von der Strafraumgrenze Navas zur Parade (46. Minute). Dann scheiterte Endo an Calvo und Asano erneut an Navas (48. Minute).

Auch danach konnten die Asiaten trotz mehrerer Wechsel kein Tor erzielen. Selbst zwei hochkarätige Freistoßgelegenheiten direkt am Strafraum Costa Ricas wurden kläglich versemmelt. So wie Japan gegen Deutschland vom Chancenwucher des Gegners profitiert hatte, wurde nun Japan für seine Fahrlässigkeit von Costa Rica bestraft.

Fazit: Japan hat die sicher geglaubte Pole Position vergeigt und muss gegen Spanien mindestens einen Punkt holen, um nicht doch die frühe Heimreise antreten zu müssen. Costa Rica, das gegen Spanien noch 0:7 untergegangen war, hat einen Sieg für die Moral erzielt und selbst noch Chancen weiterzukommen.

Belgien – Marokko 0:2

Ein altes deutsches Sprichwort besagt: „Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen!“ Dieses Bonmot möchte man bei dieser wohl umstrittensten WM aller Zeiten Eden Hazard ins Poesiealbum schreiben.

Belgiens Kapitän hatte die deutsche Mannschaft dafür kritisiert, dass sie vor dem Spiel gegen Japan mit zugehaltenen Mündern Haltung für Menschenrechte und gegen die Drangsalierung durch die FIFA und das Gastgeberland Katar gezeigt hatte. Dabei hatte bei 1:0-Belgiens Sieg gegen Kanada die belgische Außenministerin Hadja Lahbib mit eben jener Binde neben FIFA-Boss Gianni Infantino gesessen, um ein Zeichen zu setzen.

Tja, hätte sich Monsieur Hazard mal lieber um die eigenen Angelegenheiten gekümmert, denn offensichtlich verstand der Kapitän der belgischen Nationalmannschaft es nicht seine Mitspieler entscheidend zu motivieren und den nicht gerade berauschenden Auftritt gegen Kanada als Warnung ernst zu nehmen. So kassierte das überheblich und lustlos kickende Team eine durchaus verdiente 0:2-Niederlage gegen den krassen Außenseiter Marokko.

Belgien, das mit Top-Stars wie de Bruyne, Courtois, Witsel und eben den beiden Hazard-Brüdern nur so gespickt ist, aber noch nie einen internationalen Titel gewinnen konnte, hatte dabei noch in der 5. Minute das erste Ausrufezeichen gesetzt. Batshuayi erlief einen Steilpass in den marokkanischen Strafraum, doch seinen Schuss aus spitzem Winkel parierte Keeper Munir. Der Schluss hatte in letzter Minute wegen einer Verletzung von Stammtorwart Bono übernehmen müssen.

Danach plätscherte die Partie vor sich hin. Marokko stand gut und wartete geduldig auf die Angriffe des Favoriten. Die Belgier ihrerseits hatten kaum Ideen und spielten viel zu langsam – und wären in der Nachspielzeit der ersten Hälfte fast bestraft worden. Der Treffer von Saiss wurde aber wegen Abseits annulliert.

Dennoch ging es auch im zweiten Durchgang im gleichen bräsigen Trott weiter. Dann gab es doch mal eine Chance für die „Roten Teufel“! Eden Hazard ging in der 52. Minute rechts in den Strafraum und zog wuchtig ab. Munir war aber im rechten Eck und parierte.

Marokko indes bleib weiter gefährlich. Boufal ließ eine gute Chance aus 14 Metern in der 57. Minute noch liegen, doch in der 73. Minute fiel das Tor für die Nordafrikaner. Sabiri zog einen Freistoß von der linken Seite direkt ins Gehäuse. Da Courtois keine freie Sicht hatte, schlug das Leder im kurzen Eck ein. Da Saiss diesmal nicht im Abseits stand, zählte das Tor.

Wer nun eine Reaktion der Belgier erwartet hatte, wurde enttäuscht. Vor allem der hochgelobte Man-City-Star de Bruyne blieb blass und verschleppte das Spiel anstatt es schneller zu machen. In einem Akt der Verzweiflung brachte Trainer Martinez sogar Stürmer Lukaku, der wegen einer lang anhaltenden Verletzung zuvor ganze zweimal mit dem Team trainiert hatte.

Ganz anders die Marokkaner! Sie nutzen in der Nachspielzeit die Chance auf das 0:2. Ziyech setzte sich im Strafraum gekonnt durch und legte perfekt zurück auf Aboukhlal. Der Joker vollendete aus sechs Metern rechts oben.

Fazit: Belgien enttäuschte ein zweites Mal krass und könnte, wenn es schlecht laufen sollte, nach der Vorrunde nach Hause fahren, denn im dritten Spiel der Vorrundengruppe F wartet Vize-Weltmeister Kroatien. Marokko hat indes mit Kanada den leichteren Gegner und somit alle Chance ins Achtelfinale einzuziehen.

Kroatien – Kanada 4:1

Kanada hat einige talentierte Spieler in seinen Reihen, von denen hierzulande sicherlich Davies am bekanntesten ist, schließlich spielt er für Bayern München. Insofern ist es auch nicht ganz so überraschend, dass die „Maple Leafs“ im ersten WM-Spiel gegen Belgien nur sehr unglücklich verloren hatten.

Gegen Vize-Weltmeister Kroatien spielte Kanada dann auch gleich selbstbewusst auf und überrumpelten den Favoriten mit seinen schnellen Außenspielern auch direkt. Nach gerade mal 90 Sekunden kam Buchanans weiter Pass in die Box hereingeflogen und Bayern-Profi Davies nickt unwiderstehlich aus sieben Metern ein.

Die Kroaten waren sichtlich geschockt und brauchte ein paar Minuten, um sich zu sammeln. Modric, immerhin Weltfußballer von 2018, ordnete das Spiel. In der 26. Minuten schienen sich die Mühen gelohnt zu haben. Livaja schickt Hoffenheim-Profi Kramaric auf die Reise, der sich stark gegen zwei Gegenspieler durchsetzte und Borja aus acht Metern überwand. Allerdings stand Livaja zuvor knapp im Abseits und der Treffer zählte nicht.

Dann aber verschärfte der amtierende Vize-Weltmeister das Tempo und Perisic legte durch die Beine des Verteidigers Johnston auf Kramaric ab. Der Hoffenheimer bleibt aus kurzer Distanz cool und schob zum 1:1 ein (37. Minute). Kurz vor der Pause dann die Führung für den Favoriten: Juranovic zog in die Mitte und der Ball sprang über Umwege zu Livaja. Der fackelte nicht lange und traf von der Strafraumkante ins linke untere Eck.

Nach der Pause behielten beide Teams ihr hohes Tempo bei. In der 54. Minute war Kroatien in Form von Kramaric nach Pass von Modric am Zug. Zwei Minuten später schoss David aus kurzer Distanz über den kroatischen Kasten.

So ging es hin und her, bis wieder einmal Kramaric zur Stelle war, der in der 70. Minute eine Flanke von Kovacic in Seelenruhe in der Box annahm, einen Abwehrspieler austanzte und dann mit links ins lange Eck schoss – 3:1! Mit diesem Treffer zog Kroatien den tapferen „Maple Leafs“ endgültig den Zahn. In der Nachspielzeit erhöhte Majer für die Vize-Weltmeister nach einem Fehler Millers sogar auf 4.1.

Fazit: Kanada hat sich in zwei Spielen bravourös geschlagen und wird bei der Heim-WM in vier Jahren sicherlich cleverer auftreten. Kroatien hat gegen Belgien alles allein in der Hand und dürfte in dieser Form leichter Favorit sein.

© Tom Meyer
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