Das Mullah-Regime schlägt zurück

Bei ihrem zweiten Vorrundenspiel bei der Fußball-WM sangen die Spieler der iranischen Nationalmannschaft die Hymne der "Islamischen Republik" – denn ihnen und ihren Angehörigen drohten unangenehme Reaktionen des Mullah-Regimes. Gastgeber Katar strich die Segel und England und die Niederlande hatten mehr Mühe als erwartet.

Viel wurde darüber diskutiert, ob es ein Zeichen von Mut gewesen wäre, wären Manuel Neuer und sieben weitere europäische Mannschaftskapitäne in Katar trotz Verbots durch den Weltfußballverband FIFA mit einer „One Love“-Binde aufgetreten. Dabei waren es die iranischen Spieler, die mit ihrem Schweigen beim Abspielen der Hymne im ersten WM-Match gegen England wirklichen Mut gezeigt hatten.

Wales – Iran 0:2

Gegen Wales erhoben die Spieler des Iran dagegen ihre Stimmen, als die Hymne erklang – wenn auch nur allzu zögerlich. Es ist anzunehmen, dass sie aus Teheran zuvor massiv unter Druck gesetzt worden waren.

Auch dies zeigt, dass die Lage im Iran einen Punkt erreicht hat, wo das Mullah-Regime um sein Überleben zittern muss. Trotz Appellen durch die Führer Revolutionsgarden, trotz der Drohung mit Todesurteilen durch das regimetreue Parlament, trotz mangelnder Unterstützung durch demokratische Staaten gehen die Menschen im Iran insbesondere die Frauen auf die Straßen, verbrennen ihre Kopftücher und schneiden sich die Haare ab, um das Regime zu provozieren.

Exil-Iraner, die in westlichen Ländern leben, nutzen ihre dortige Meinungsfreiheit schon seit Wochen, um für die Freiheit ihrer Landsleute im Iran zu demonstrieren – auch hier wieder die Frauen in vorderster Reihe. Die Exil-Iraner nutzen zudem die WM als Bühne für ihren Protest, was immer eine Herausforderung für die Zensoren beim iranischen Staatsfernsehen ist, denn sobald eine Frau ohne Kopftuch, am besten noch mit Protestplakat, von den internationalen Kameras gezeigt wird, geht das Staatsfernsehen offline.

So bitterlich einige Iraner auf den Rängen weinten, weil sie an ihre Angehörigen daheim dachten, so bewegend war auch das Statement der walisischen Fans. Sie applaudierten zusammen mit den Iranern, als deren Hymne geendet hatte, um ein Zeichen der Solidarität zu senden. In der Kurve der „Dragons“ waren auch vereinzelte Plakate zur Unterstützung der Protestbewegung im Iran zu sehen.

Auf dem Rasen selbst passierte dann nicht viel. Die Iraner hatten wie erwartet mehr Feldanteile, während sich Wales aufs Kontern verlegte. Der einzige Aufreger spielte sich in der 16. Minute ab. Nach einem Doppelpass mit Azmoun schob Gholizadeh ins walisische Tor ein, doch der Treffer zählte aufgrund einer klaren Abseitsposition nicht.

Auch in der zweiten Hälfte blieb der Iran die bessere Mannschaft und hatte in der 52. Minute das Pech nicht in Führung zu gehen. Erst traf Azmoun frei vor Hennessey den rechten Pfosten, dann zirkelte Gholizadeh das Leer in der gleichen Situation aus der Distanz an den linken Pfosten.

Wales-Keeper Hennessey sorgte später für die wohl entscheidende Szene des Matches. Er stürmte bei einem langen Ball auf Taremi aus seinem Kasten und räumte den Torjäger rustikal ab. Nach Überprüfung durch den VAR zeigte Schiedsrichter Escobar glatt Rot (88. Minute) – eine vertretbare, wenn auch zu harte Entscheidung.

Nun kam Wales kaum noch aus der eigenen Hälfte und der Iran zog eine Art Powerplay auf. Nach einem zu kurzen Klärungsversuch der „Dragons“-Abwehr donnerte schließlich Chesmi das Leder in der 98. Minute (!) ins lange Eck. Als die Briten dann gänzlich aufmachten, um den Ausgleich zu erzielen, konterten die Iraner eiskalt und Rezaeian lupfte gefühlvoll zum 2:0 ein (101. Minute).

Fazit: Wales muss gegen Favorit England nun schon einen Sahnetag erwischen, um mindestens einen Punkt zu ergattern. Sonst droht das WM-Aus! Der Iran kann hingegen mit einem weiteren Dreier gegen die USA alles klarmachen.

Katar – Senegal 1:3

Weit weniger spektakulär war die Partie zwischen Gastgeber Katar und Senegal. Katars Trainer Sanchez brachte für Al-Sheeb, Al-Rawi und Abdulaziz Hatem die Spieler Barsham, Mohammed und Madibo. Afif, der Hoffnungsträger der Mannschaft, spielte somit wenig überraschend wieder von Beginn an. Der Senegal musste wieder einmal ohne seinen Super-Star, Sadio Mané von Bayern München, antreten.

Trotzdem zeigten die Afrikaner in einer öden ersten Hälfte die weitaus besseren technischen Ansätze. Katars Fans waren eigentlich nur zu hören, wenn Afif am Ball war, wohl auch, weil er der einzige Spieler der „Weinroten“ war, der einigermaßen mit dem Niveau des Gegners mithalten konnte.

In der 41. Minute traf dann endlich das bessere Team. Die Hereingabe von Diatta war eigentlich ungefährlich, doch Khoukhi traf den Ball im Zentrum nicht richtig und legte unfreiwillig für Dia auf. Der Stürmer des italienischen Clubs US Salernitana ließ sich aus rund zwölf Metern nicht lange bitten.

Für viele Katar-Fans war das offensichtlich das Signal wieder einmal frühzeitig das Stadion zu verlassen. Schon bei Wiederanpfiff klafften große Lücken auf den Rängen. Sehen konnte man das in der Totalen nicht so gut, denn die Sitzschalen des VIP-Bereichs im Al-Thumama-Stadion sind so weiß wie der traditionelle Kaftan der Kataris – da war wohl in weiser Voraussicht geplant worden!

Vielleicht haben die Scheichs auch einfach Ahnung von Fußball, denn schon in der 48. Minute setzte der Senegal noch einen drauf. Der gebürtige Kölner Jakobs schlug einen Eckball auf Diedhiou, der per Kopf zum 2:0 vollstreckte.

Während die Zuschauer nun weiter das Weite suchten, setzte die Elf Katars voll auf Offensive. Abwehrrecke Hassan verfehlte bei einer Freistoß-Variante nur knapp das senegalesische Gehäuse. Als dann der kurz zuvor eingewechselte Muntari eine Hereingabe von der rechten Außenbahn ins lange Eck einnickte, war in der 78. Minute tatsächlich sowas wie Jubel im Stadion zu vernehmen.

Nach dem ersten WM-Tor Katars überhaupt ging es für einige Fans zurück zu ihren Sitzschalen. Die Senegalesen hielten nun aber gut dagegen und die Kataris meist weit von ihrem Tor weg. Joker Dieng und dessen Tor zum 3:1 (84. Minute) waren dann der absolute Stimmungs-Killer für die Scheichs auf der Tribüne, die erneute die vorzeitige Flucht ergriffen.

Fazit: Gastgeber Katar darf sich über sein erstes WM-Tor überhaupt freuen, ist aber bereits nach zwei Partien aus dem Turnier ausgeschieden. Allerdings dürften nur die wenigsten eingefleischten Fans hierzulande die „Weinroten“ vermissen, denn allzu dürftig war vor allem die Unterstützung von den Rängen. Der Senegal hingegen hat mit drei Punkten gute Chancen auf das Achtelfinale.

Niederlande – Ecuador 1:1

Wie Fußballstimmung geht, zeigten den Einheimischen im 17-Uhr-Spiel die Fans der Niederlande und Ecuadors. Farbenfroh, lautstark und einfallsreich feuerten beide Fan-Lager ihre Teams an. Vor allem den Anhängern der Südamerikaner muss man das hoch anrechnen, wurde ihre lautstarke Forderung nach alkoholischen Kaltgetränken („We want beer!“) nach dem Sieg gegen Katar von den Gastgebern doch nicht entsprochen.

Auf dem Feld gaben wie zu erwarten zunächst die Niederländer den Ton an. Nach fünf Minuten knallte Gakpo den Ball nach einem Fehlpass von Caicedo hart und platziert in die ecuadorianischen Maschen. Das 1:0 setzte die Südamerikaner gehörig unter Druck, die nun ihrerseits immer mehr in die Offensive gingen.

In der 32. Minute gelang Ecuadors Top-Stürmer Valencia ein Schuss auf das Tor, aber „Oranje“-Keeper Noppert hatte damit keine Probleme. Kurz vor der Pause dann herrschte große Aufregung, als Estupinans vermeintlicher Ausgleichstreffer aberkannt wurde, weil Porozo Nopperts Sicht behindert hatte.

In der 49. Minute war es aber so weit: Valencia markierte per Abstauber das 1:1 – das nun schon dritte Tor für den Stürmer bei diesem WM-Turnier. Danach war Ecuador das bessere Team, verpasste aber ein ums andere Mal den Siegtreffer. Die Niederländer spielten zu langsam und ideenlos, doch sie hielten das Unentschieden.

Fazit: „Oranje“ dürfte trotz dieser dürftigen Leistung mit den schwachen Kataris keine Probleme haben und ins Achtelfinale einziehen. Ecuador und der Senegal spielen den zweiten Platz in der Gruppe A im direkten Duell aus.

England – USA 0:0

Früher galt: Im Frauenfußball sind die USA eine Weltmacht, doch im Männerfußball ein kleines Licht. Im zweiten Spiel der WM in Katar ging es für die US-Boys gegen die alte Kolonialmacht England, die ihnen in der Vorrunde der WM 2010 zeigte, wer das Mutterland des Fußballs ist. Mittlerweile sind die Unterschiede im Kräfteverhältnis aber nur noch minimal.

Das liegt daran, dass viele aktuelle US-Nationalspieler ihr Geld bei hochklassigen europäischen Vereinen verdienen. Stammkeeper Turner spielt beim FC Arsenal, Top-Stürmer Pulisic steht beim FC Chelsea unter Vertrag und Rechtsverteidiger Sergino Dest verdient seine Brötchen beim AC Mailand. Mit Tim Weah vom OSC Lille, Sohn des früheren Ballon-d’Or-Gewinners George Weah, steht darüber hinaus eines der international größten Talente im Sturm der Amerikaner.

Nach ihrer guten Leistung im ersten WM-Spiel gegen den Iran glaubten sich die „Three Lions“ trotzdem im Vorteil – und wurden eines Besseren belehrt. Die USA waren das weitaus aktivere Team. Zunächst drosch McKennie Weahs Hereingabe per Dropkick über die Latte (26. Minute). Die zitterte wenig später wieder, als Pulisic aus halblinker Position im Strafraum den linken Hammer auspackte (33. Minute). Erst in der Nachspielzeit kam England in Form von Mount zu einer echten Torchance.

Dank Maguire stand die englische Abwehr trotz der ständigen Belagerung durch die US-Boys felsenfest, doch erst in der 69. Minute reagierte Englands Coach Southgate auf die Situation und brachte mit Henderson und Grealish zwei neue Leute. Direkt danach verlagerte sich das Spielgeschehen mehr in die US-Hälfte, ohne dass die hochgelobte englische Offensive um Harry Kane wirklich zwingend war. So blieb es beim torlosen Unentschieden.

Fazit: England hat zwar schlecht gespielt, aber den Gruppensieg im Prestige-Duell gegen Wales in der eigenen Hand. Die USA gehen als Favoriten in das Match gegen den Iran, müssen das Spiel aber auch gewinnen, um weiterzukommen.

© Tom Meyer
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