Wenn eine Binde wichtiger ist als Fußball

Am vierten Tag der Fußball-WM stieg Deutschland endlich ins Turnier ein – und kassierte eine Niederlage gegen Japan. Das ist die bittere Folge der ebenso langen wie fruchtlosen Diskussion über ein nebensächliches Thema wie eine Kapitänsbinde.

Nachdem der Weltfußballverband dem DFB und sieben weiteren europäischen Verbänden verboten hatte, ihre Spielführer mit einer „One Love“-Kapitänsbinde auflaufen zu lassen, will der DFB nun vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS klagen.

Das berichtete die „Bild“-Zeitung noch vor dem Match gegen Japan unter Berufung auf gut unterrichtete Kreise im größten Sporteinzelverband der Welt. DFB-Mediendirektor Steffen Simon bestätigte, dass man prüfe, ob die FIFA rechtmäßig gehandelt habe. Bei der Ad-hoc-Division des CAS solle die Möglichkeit eines Antrags auf vorläufigen Rechtsschutz geprüft werden. Eine Entscheidung könne dann binnen 48 Stunden fallen.

Deutschland – Japan 1:2

So oder so musste Deutschlands Kapitän Neuer gegen Japan mit der von der FIFA vorgeschriebenen Einheitsbinde auflaufen. Man merkte aber schon beim Singen der Hymne, dass die DFB-Spieler froh waren sich endlich auf Fußball konzentrieren zu dürfen. Das war auch dringend notwendig, stehen in Japans Kader immerhin sieben Profis aus der 1. Bundesliga ergänzt um den Mittelfeldstrategen Tanaka von Fortuna Düsseldorf.

Nach nervösem Beginn kam Deutschland immer besser ins Spiel gegen die tief stehenden Japaner. Nach einer schnellen Kombination war Raum auf der linken Seite völlig frei im Strafraum, hatte aber Probleme den Ball zu kontrollieren. Der japanische Torwart Gonda war aber so nett ihn zu foulen. Den fälligen Elfmeter verwandelte Gündogan eiskalt (33. Minute).

Kurz vor der Pause klingelte es wieder im Kasten der Asiaten. Nach schöner Kombination hatte Havertz aus kurzer Distanz getroffen, doch leider wurde auf Abseits entschieden. Auch nach der Pause diktierte der vierfache Weltmeister das Geschehen. Gnabry verzog (47. Minute), und Musiala verpasste es eine tolle Einzelleitung zu krönen (51. Minute). Gündogans Abschluss landete am Außenpfosten (60. Minute)

Wie so oft im Fußball gilt: Machst du selbst nicht die Tore, erledigt das der Gegner. In der 75. Minute kassierte die DFB-Elf das 1:1 durch den Freiburger Doan. Zuvor hatte Japan maximale Offensiv-Power eingewechselt. Wenige Minuten später ging Schlotterbeck wieder mal nicht entschlossen genug in den Zweikampf gegen Asano. Der in Diensten des VfL Bochum stehende Asano schoss aus spitzem Winkel das 1:2. Die Deutschen waren nun gefordert, rannten an und bekamen acht Minuten Nachspielzeit. Eine gute Ausgleichschance für das 2:2 gab es noch, doch Goretzka setzte die Kugel knapp links vorbei.

Fazit: Die wochenlangen Diskussionen um die „One Love“-Binde dürften sicherlich Konzentration gekostet haben, denn normalerweise darf man so ein Spiel nicht aus der Hand geben. Die DFB-Funktionäre haben aus dem Kommunikationsdesaster um Regenbogen-Binden bei der EM 2021 nichts gelernt und die Spieler wieder nicht ausreichend geschützt. Bei der Heim-EM im Jahr 2024 sollte die DFB-Elf vielleicht zur Abwechslung mal wieder mit einer simplen schwarzrotgoldenen Binde auflaufen, mit der sich alle Deutschen identifizieren können.

Für die DFB-Elf ist das Turnier mit der Niederlage gegen Japan fast beendet. Ausgerechnet gegen Angstgegner Spanien muss mindestens ein Punkt her, um ins Achtelfinale einzuziehen. In Japan, wo man unsinnige Diskussionen um Kapitänsbinden nicht geführt hat, freut man sich über einen Prestige-Erfolg und gute Chancen auf das Weiterkommen.

Marokko – Kroatien 0:0

Was für einen Riesenunterschied musste man bei diesem Spiel gegenüber der ersten Partei im Al-Bayt-Stadion feststellen? Im Gegensatz zu den Kataris machten die Schlachtenbummler aus Marokko ordentlich Rabatz und auch die weiblichen Fans zeigten sich – unverschleiert und genauso positiv fußballbekloppt wie die männlichen Fans.

Pikanterweise hatte sich ja Marokko insgesamt fünfmal um die Ausrichtung einer Fußball-WM beworben, aber nie den Zuschlag erhalten. Das Land am Atlas wäre im Vergleich zum Emirat am Golf sicherlich die bessere Wahl gewesen.

Analog zum Auftritt der Fans ging auch die marokkanische Nationalmannschaft äußerst feurig zur Sache. In der gesamten ersten Halbzeit konnte sich Favorit Kroatien, immerhin amtierender Vize-Weltmeister, spielerisch kaum entfalten, da ihnen die Nordafrikaner im Pressing ständig auf den Füßen standen. Ein bisschen selbst schuld waren die Kroaten aber auch selbst, da sie trotz der Aufforderung ihres Stars Modric kaum in Position liefen und die Angriffe so quälend langsam vorgetragen wurden.

So blieben spannende Szenen die Ausnahme. Das erste Ausrufezeichen setzte der Kroate Perisic in der 17. Minute, der nach einem Ballgewinn Bono zu weit vor seinem Kasten ahnte und die Kugel aus 30 Metern nur knapp über die Latte setzte. Auf der Gegenseite hämmerte Ziyech in der 21. Minute einen Freistoß aus gut 20 Metern in die kroatische Mauer.

Kurz vor der Halbzeit wurde es dann doch aufregend: Erst scheiterte Kramaric nach Hereingabe Sosas aus kürzester Distanz am stark parierenden Bono. Anschließend drosch Modric einen Abpraller über den Querbalken des marokkanischen Tors.

In der zweiten Halbzeit konnte man die Torchancen ebenfalls an einer Hand abzählen. Hakimi prüfte Kroatiens Keeper Livakovic mit einem strammen Schuss nach einer Freistoßvariante (65. Minute). Auf der anderen Seite musste El-Nesyri sechs Minuten spektakulär im eigenen Sechzehner klären.

Fazit: Sowohl Kroatien als auch Marokko haben das Zeug den zweiten Platz in der Gruppe F hinter Favorit Belgien zu erreichen. Ein Klassenunterschied zwischen den beiden Teams war keinesfalls festzustellen.

Spanien – Costa Rica 7:0

Die in der Gruppe E favorisierten Spanier dürften das Spiel der Deutschen mit großem Interesse gesehen haben, doch auf dem Rasen zeigten sie sich im Gegensatz zur DFB-Elf außerordentlich fokussiert. Zwar war vorher die Vergabe der Fußball-WM auch in Spanien heftig diskutiert worden, doch auf der Iberischen Halbinsel schaltete man schon in der unmittelbaren Vorbereitung auf Turniermodus.

Das bekamen die bedauernswerten Costaricaner eindringlich zu spüren. Schon in der 11. Minute machte Olmo das erste Tor für die Spanier, ehe Asensio (21. Minute) und Ferran Torres (31. Minute) frühzeitig für klare Verhältnisse sorgten. Costa Rica hätte zur Halbzeit eigentlich noch mehr Tore kassieren müssen, doch Weltklasse-Keeper Navas hielt sein Team im Spiel.

Spätestens nach Ferran Torres‘ 4:0 in der 54. Minute war die Hoffnung aber dahin und Costa Rica fortan nur noch um Schadensbegrenzung bemüht. Gavi (74. Minute), Carlos Soler (90. Minute) und Morata (Nachspielzeit) sorgten dennoch für den höchsten Sieg der „Furia roja“ in der WM-Geschichte. Für den 18-jährigen Gavi war es ein besonderer Treffer, denn er avancierte damit zum jüngsten WM-Torschützen seit Pelé 1958.

Fazit: Spanien wird für die DFB-Elf in dieser Form ein harter Brocken, aber da Costa Rica nicht einmal aufs Tor der Spanier schoss, war dieses Spiel kein Gradmesser. Mit einer umgestellten Defensive und ihrer individuellen Klasse in der Offensive können die Deutschen den Iberern durchaus ein Bein stellen.

Belgien – Kanada 1:0

Während Costa Rica gegen Spanien wie ein klassischer Fußballzwerg spielte, zeigte Kanada in der Partie gegen die favorisierten Belgier, dass sie diesen Status schon lange hinter sich haben. Im Grunde genommen entschied nur ein Moment individueller Klasse das Match zugunsten der Europäer.

Ein langer Schlag von Alderweireld landete in der Spitze beim früheren Dortmunder Batshuayi, der frei vor Kanadas Torwart Borjan eiskalt blieb und zur Führung einnetzte (44. Minute). Die Kanadier hatten da schon die große Chance zur Führung liegen lassen, als Bayern-Spieler Davies mit einem schwach geschossenen Handelfmeter an Courtois gescheitert war (9. Minute).

Man muss den „Maple Leafs“ trotzdem ein Kompliment machen, denn sie steckten nie auf und waren Belgien läuferisch absolut ebenbürtig. In der zweiten Halbzeit reichte es für die Kanadier aber nur noch zu einem sehenswerten Kopfball durch Davids (48. Minute). Belgien wirkte zwar in der Offensive bemüht, war aber nicht zielstrebig genug.

Fazit: Die Gruppe F ist völlig offen. Kanada hat zwar gegen Belgien verloren, gegen Kroatien aber alle Chancen auf Punkte. Die Belgier können mit einem Sieg gegen Marokko am Sonntag schon das Achtelfinale klarmachen.

© Tom Meyer
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