Eine gespenstische WM-Eröffnung

Die Fußball-WM in Katar hat begonnen. Die Vergabe der WM in ein Land ohne Fußballtradition und mit fragwürdigem Umgang mit Menschenrechten sorgte schon vor elf Jahren für Empörung. Als dann peu è peu bekannt wurde, dass Tausende von Fremdarbeiten aus armen Ländern wie Nepal oder Bangladesch auf den WM-Baustellen starben, wurde die Empörung noch größer. Doch nun rollt der Ball im Emirat am Golf.

Die halbstündige Show vor dem Eröffnungsspiel zwischen Katar und Ecuador nutzten die Gastgeber, um ihr Land und das Turnier in fröhlichen Farben leuchten zu lassen. Dabei war eine Mischung aus landestypischen Traditionen und modernen Effekten zu bewundern.

Die Säbeltänzer im Kaftan erinnerten irgendwie an die Schuhplattler-Armada, die weiland 1972 bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in München auftrat – ein wenig bizarr, aber eben traditionell, wenn auch in gänzlich anderer Ausstattung. Die meisten westlichen Künstler hatten ja dankend abgesagt, aber irgendwann trat dann doch Morgen Freeman auf die Bühne, um gemeinsam mit dem katarischen Paralympics-Sportler Ghanim Al-Muftah über Diversität und Miteinander der Kulturen zu reden. Merkwürdigerweise war der Hollywood-Superstar während seines Auftritts kaum zu verstehen.

Für ungewollte Lacher dürfte indes La’eeb gesorgt haben. Das Maskottchen der Fußball-WM, das man für einen Zehner bei eBay erwerben kann, hat massive Ähnlichkeit zum deutschen Film-Gespenst Hui Buh. Der „allerbeste Spieler“, so die Übersetzung, trägt allerdings katarische Tracht. Nun gut, merkwürdige Maskottchen gehören zu einer Fußball-WM irgendwie dazu. Erinnern wir uns mal an Goleo, den Deutschland zur WM 2006 ins Rennen schickte. Das wäre Löwe mit Trikot, aber ohne Hose!

Katar - Ecuador 0:2

Bis zum Anpfiff musste sich die katarischen Fans, die im Al-Bayt-Stadion logischerweise die große Mehrheit der 60.000 Zuschauer stellten, gut unterhalten fühlen. Ganz in Weiß, aber ohne Blumenstrauß standen sie da, während die ganz in Gelb gekleideten Fans der Ecuadorianer schon beim Singen der Hymne deutlich mehr Inbrunst zeigten.

Aus dem Rahmen fiel da eigentlich nur die ganz in Weinrot gekleidete Jubeltruppe, die pünktlich zum Anpfiff ihre Arbeit aufnahm und die anderen Weinroten, nämlich die katarische Nationalmannschaft, auch „Al-Annabi“ genannt, anfeuerten. Irgendwie wirkte die absolut gleich gekleidete und ausschließlich mit Männern bestückte Truppe ähnlich bestellt wie die „Fan-Gruppen“, die vor dem ersten Spiel der WM in der Hauptstadt Doha für die internationalen Kameras posierten. Egal, ob Deutschland, England oder Brasilien – merkwürdigerweise stammten die Fans aller Gruppen größtenteils vom indischen Subkontinent, woher ja auch die meisten Gastarbeiter in Katar kommen. Ob das Emirat da eine joberhaltende Maßnahme gestartet hatte?

So viel Aufwand also, doch am Ende so wenig Ertrag! Von der ersten Minute an war klar, dass Katar – immerhin Asienmeister von 2019 – gegen Ecuador keine Chance haben würde. Defensiv orientiert in einem 5-3-2, doch mit großen Lücken zwischen den Mannschaftsreihen wirkte die vom Katalanen Felix Sanchez trainierte Truppe hilflos gegen Mannen aus Südamerika, die die deutlich schneller in einem 4-4-2 agierten.

Schon nach drei Minuten klingelte es im Kasten der Gastgeber, als der für Fenerbahce Istanbul stürmende Enner Valencia wuchtig einköpfte. Zur Verwunderung der meisten Fans wurde aber per VAR auf Abseits entschieden. Das stachelte die Gelben aus Ecuador nun noch mehr an. Torhüter Al-Sheeb, der schon beim vermeintlichen 0:1 durch seinen Strafraum geirrt war, holte Valencia wenig später in der Box klar von den Beinen. Beim anschließenden Elfmeter verlud der Kapitän Ecuadors den Keeper ganz lässig zum definitiven 0:1 in der 16. Minute.

Eine Viertelstunde später zeigte sich die Hintermannschaft der Weinroten wieder einmal völlig unsortiert, so dass Valencia in der 31. Minute das 0:2 mutterseelenallein mit einem wuchtigen Kopfball nachlegen konnte. Die Gäste schalteten nun in den Schongang und hätten trotzdem auch noch ein drittes oder viertes Tor nachlegen können. Katar hatte im gesamten Spiel eigentlich nur zwei Chancen, einmal durch Almoez Ali kurz vor der Pause und einmal durch Muntari kurz vor Schluss der Partie, doch diese wurden kläglich vergeben.

Besonders peinlich: Die zweite Chance hatten die meisten katarischen Fans schon gar nicht mehr gesehen, denn in etwa ab der 60. Minute waren sie in Scharen aus dem Stadion geflüchtet. „Sowas habe ich bei einer WM noch nie gesehen“, meinte ZDF-Reporter-Urgestein Bela Rethy süffisant. „Und das ist meine zehnte WM.“

Fazit: Zum ersten Mal verliert ein Gastgeber das Eröffnungsspiel einer Fußball-WM und das auch völlig zurecht! Fake-Fans auf den Straßen von Doha und die flüchtenden Zuschauer im Al-Bayt-Stadion zeigen, dass es mit der WM-Euphorie in Katar nicht weit her ist. So muss man kein Prophet sein, um zu erwarten, dass die Weinroten gegen Afrikameister Senegal und Titel-Mitfavorit Niederlande ordentlich eins auf die Mütze bekommen werden. Ecuador musste sich gegen Katar nicht sonderlich anstrengen, sollte aber gegen die beiden anderen deutlich stärkeren Gegner auf jeden Fall eine Schippe drauflegen, um weiterzukommen.

© Tom Meyer
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