Deutsche Eishockey-Zukunft mal wieder ungewiss

16.02.2022 Jahrelang ging es im deutschen Eishockey bergauf. Das Debakel von Peking könnte eine Momentaufnahme sein - wenn die Zukunft geregelt wäre. Ist sie aber nicht.

Das DEB-Team reist am Donnertstag aus Peking ab. © Peter Kneffel/dpa

Beim Ausräumen der Olympia-Kabine am Mittwoch hatte Toni Söderholm noch einmal Zeit zu überlegen, ob er wirklich mit der herben Enttäuschung von Peking nach der WM im Mai als Bundestrainer abtreten will.

Danach läuft der Vertrag des Finnen aus. Ob er verlängert und wie es danach weitergeht, ist so unklar wie vieles im deutschen Eishockey nach dem sportlichen Debakel in China.

Reindl: «Rückschlag, aber kein Rückschritt»

«Das war ein Rückschlag, aber kein Rückschritt», sagte DEB-Präsident Franz Reindl der Deutschen Presse-Agentur zum kümmerlichen Auftreten des deutschen Teams. Zweifel an dieser Sichtweise sind angebracht.

Seit Söderholm Ende 2018 Nachfolger von Pyeongchang-Silberschmied Marco Sturm geworden war, ging es weiter kontinuierlich nach vorn. Spielerisch legte das Nationalteam zu, das Selbstvertrauen wuchs und 2021 verpasste die Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes bei der WM nur knapp das Endspiel. Angesichts des Fehlens der weltbesten Spieler aus der NHL sollte die Entwicklung in Peking gekrönt werden. «Wir waren nicht gut genug», sagte Söderholm nach dem herben 0:4 am Dienstag gegen die Slowakei - gleichbedeutend mit dem nach den eigenen Ansprüchen viel zu frühen Aus noch vor dem Viertelfinale.

Statt der als Ziel ausgegebenen Gold-Medaille sieht die Realität schmerzhaft anders aus: Von zwölf Teilnehmern belegt Deutschland am Ende Rang zehn. Der mit Stolz erkämpfte Weltranglisten-Rang fünf ist nicht zu halten und hinter der direkten Olympia-Qualifikation für 2026 steht dadurch wieder ein dickes Fragezeichen. «Der Frust darüber, wie wir uns präsentiert haben, den muss man erstmal sacken lassen», gestand Stürmer Patrick Hager - ein «Tiefpunkt» sei dies.

Durchschnittsalter des Teams in Peking 29 Jahre

Der ehrgeizige Söderholm dürfte alles daran setzen, den Eindruck bei der WM im Mai in seiner Heimat Finnland wieder zur korrigieren. Doch mit welchem Personal? «Das ist ja oft so, dass der Olympiazyklus immer Generationen beendet und neue Generationen reinspielt», sagte Hager (33), der 2018 noch Mitglied des Silberteams gewesen war. «Bei den letzten Winterspielen haben wir auch Jungs gehabt, die kurz danach zurückgetreten sind.» So dürfte es auch diesmal sein, schließlich war das Durchschnittsalter des Teams in Peking mit 29 Jahren recht hoch.

Die WM könnte Söderholms Abschiedsvorstellung werden. Der 43-Jährige betonte, sehr gerne Bundestrainer zu sein. Allerdings kann der unter anderem von den Adler Mannheim umworbene Finne bei einem Spitzenclub deutlich mehr Geld verdienen. Zudem könnten ihn die verheerenden Auftritte seiner Spieler in Peking ins Grübeln bringen. «Wir haben große Schritte gemacht, den Abstand zu den Top-Nationen zu verringern. Aber es muss trotzdem alles passen, um ernsthaft um eine Medaille spielen zu können», sagte der frühere Bundestrainer Uwe Krupp der dpa. Das wahre Leistungsvermögen dürfte irgendwo zwischen Olympia-Silber 2018 und dem Debakel von 2022 liegen.

Wer folgt auf DEB-Präsident Reindl?

In den kommenden Wochen stehen nun wegweisende Entscheidungen an, die über die Nachhaltigkeit des Aufschwungs der vergangenen Jahre richten - oder eben vieles wieder zunichte machen können. «Für mich ist die erfolgreiche Entwicklung des Deutschen Eishockeys direkt mit der Person Franz Reindl verbunden», gab Krupp nicht ohne Grund zu bedenken. «Es wird schwer sein jemanden zu finden, der in den letzten 30 Jahren mehr für das Deutsche Eishockey getan hat.»

Nur wird der 67 Jahre alte Reindl als DEB-Präsident bald Geschichte sein. Bei der Mitgliederversammlung Anfang Mai noch vor der WM dürfte Reindl nicht mehr antreten. Ein Nachfolge-Kandidat im von internen Querelen gebeutelten Verband ist nicht in Sicht. Ob und wie es mit den von Reindl und dem früheren Sportdirektor Stefan Schaidnagel umgesetzten sportlichen Reformen weiter geht? Offen.

Der aktuelle Sportdirektor Christian Künast vermittelte nach dem Olympia-Aus nicht gerade, eine Zukunftsstrategie zu haben. «Falsche Frage zum falschen Zeitpunkt», sagte Künast auf die Frage, ob die Winterspiele Auswirkungen auf die Bundestrainer-Entscheidung hätten. Dass Frage und Zeitpunkt hinsichtlich Reindl und Söderholm keineswegs so falsch waren, offenbarte DEB-Kapitän Moritz Müller. «Diese Personalentscheidungen sollten auf jeden Fall zeitnah geklärt werden», sagte Müller der dpa.

© dpa

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