Delle oder großes Tief? Die Sorgen des deutschen Radsports

28.04.2022 Podestplatz beim Monument, massenhaft Sprintsiege und ein vierter Rang bei der Tour: 2019 schien im deutschen Radsport alles zu gehen. Seitdem verlief die weitere Entwicklung nicht wie erhofft.

Im Jahr 2019 wurde Emanuel Buchmann (M.) Vierter der Tour de France. © Yuzuru Sunada/BELGA/dpa

Eine verblüffende Attacke am legendären Col du Tourmalet, ein Podestplatz im Vélodrome von Roubaix und massenhaft Sprintsiege eines großen Hoffnungsträgers.

Um sich an solche Erfolge des deutschen Radsports zu erinnern, muss man nicht in die dopingverseuchte Zeit um Jan Ullrich und Erik Zabel zurückschauen. Es reicht ein Blick ins Jahr 2019, als die neue Generation um Emanuel Buchmann, Nils Politt und Co. plötzlich Großes leistete. «Wenn man statistisch schaut, war 2019 ein ganz großes Jahr für den deutschen Radsport», sagte Bora-hansgrohe-Teamchef Ralph Denk der Deutschen Presse-Agentur.

Dank Buchmanns viertem Platz bei der Tour de France, Politts famosem Platz-zwei-Ritt bei Paris-Roubaix und einiger Siege von Sprinter Pascal Ackermann träumte Radsport-Deutschland von Triumphen und Titeln bei großen Rundfahrten und Klassikern - wie früher, nur ohne Beigeschmack. Doch viele der hohen Erwartungen haben sich vor Eschborn-Frankfurt, dem ersten großen Heimrennen im Jahr 2022 an diesem Sonntag, nicht erfüllt. «Es waren danach nicht die einfachsten Jahre für den deutschen Radsport», ordnet Denk realistisch ein.

Unterschiedliche Sorgen

Nur eine kleine Delle oder doch ein großes Tief? Denk weist darauf hin, dass die einzelnen Fälle grundverschieden liegen. Zunächst brachte die Pandemie die komplette World Tour im Frühjahr 2020 mehrere Monate zum Stillstand. Dann hatten Deutschlands Hoffnungsträger mit unterschiedlichen Sorgen zu kämpfen: Der Tour-Vierte Buchmann wurde immer wieder vom Sturzpech geplagt, soll nach schweren Jahren nun beim Giro d'Italia auftrumpfen.

Ackermann hatte mit Formschwankungen zu kämpfen und trug öffentlich Streitigkeiten mit der Teamleitung aus. Riesentalent Lennard Kämna beklagte erst körperliche Probleme und später auch eine mentale Blockade. Der 25-Jährige fiel lange aus und macht nun allmählich wieder auf sich aufmerksam.

Funktionär Denk bezeichnet 2019 als «Glanzjahr», fordert aber auch zu Realismus auf. «Wir haben nicht die geballte Ladung an Talenten, wie sie in manch anderen Ländern da ist. Es ist eine riesige bürokratische Hürde, Radrennen in Deutschland zu organisieren», sagte der Bayer. Der kleinere Talentpool, die behördlichen Hürden und die in anderen Ländern deutlich größere Begeisterung für den Radsport an sich sind Probleme, die sich mittel- und langfristig noch stärker äußern dürften als aktuell.

Ackermann fehlt in Frankfurt

Als expliziten Lichtblick nannte Denk Maximilian Schachmann, der 2020 und 2021 die Rundfahrt Paris-Nizza gewonnen hat und damit für die größten deutschen Erfolge der jüngeren Vergangenheit sorgte. Kämna (2020) und Politt (2021) sicherten sich zudem auch Tagessiege bei der Tour de France.

Nun also zum Abschluss der Klassikersaison das berühmte Rennen mit Ziel in Frankfurt, bei dem Politt und Routinier John Degenkolb als Sieganwärter gelten. Als gutes Omen könnte den Deutschen dienen: Erstmals seit 2019 wurde der Klassiker nicht wegen Corona verschoben und findet wieder zum traditionellen Termin am Maifeiertag statt.

Als dies letztmals der Fall war, siegte Sprinter Ackermann. Der Pfälzer fehlt diesmal wegen einer Verletzung. «Medizinische Nachuntersuchungen haben eine Fraktur am Steißbein von einem früheren Sturz ergeben. Er wird sich jetzt erholen, um dann schnell zurückzukehren», hieß es von seinem Team UAE Emirates.

© dpa

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